Kurrende auf den Straßen , und der Vorsänger war ein bildhübscher baumlanger Primaner . Dem hat das Fräulein von Thadten einmal eine Ohrfeige geschlagen , die er gewiß nie vergessen und die ihm den Glauben an die Ehrenhaftigkeit schutzloser Weibsleute , auch wenn sie bettelnd vor den Türen singen , hoffentlich recht eingebläut hat . Unsere alte Waschfrau kannte Röschen ein wenig und erzählte uns Kindern , es sei gar fein bei ihr , und über ihrem Bette hingen ein paar welke Lorbeerkränze , die einzigen , die sie pflückte während ihrer bescheidenen Bühnenlaufbahn . Auf der verblichenen Schleife des einen stehe : » Der unvergleichlichen Amalia « . Als sie in ihrem fünfzigsten Jahre an der Cholera starb , just an dem Tage , da die siegreichen Truppen von Sadowa und Königgrätz einzogen , begrub man sie ihrem letzten Willen gemäß neben dem Vater . Sie hatte das kleine von ihm ererbte Kapital hierzu 141 bestimmt , und die Lorbeerkränze legte man in den eilig beschafften , rasch geschlossenen Sarg . Auf ihrem Grabstein , der genau dem des alten Herrn gleicht , steht in leuchtender Goldschrift : » Rosa von Thadten « , und unter derselben hat der empfindsame Künstler eine Lyra eingegraben , einen Schmetterling und die Worte : » Mein Fuß hat gestrauchelt ; aber deine Gnade , Herr , hielt mich . Psalm 94. 18. « Und nun zu Schinders Karlinchen ! Wie eine Figur des düstersten Mittelalters steht sie vor uns da , dieses hübsche wilde Mädchen mit den schwarzen funkelnden Augen unter der rötlichen üppigen Haarmähne . Eine weißere Haut als Schinders Karline besaß , wird ' s schwerlich je gegeben haben , einen reizenderen Wuchs ebenfalls nicht . Ihr Vater war der Abdecker ; er wohnte weit draußen vor der Stadt . Man erzählt , er sei in seiner Jugend Scharfrichter gewesen und habe bei einer Exekution so große Ungeschicklichkeit gezeigt , daß er sein schreckliches Amt niederlegen mußte . Die Verachtung , die von alters her dem Gewerbe des Henkers anhing , hatte sich in unserer Stadt noch nicht verflüchtigt ; die Leute waren gemieden und galten für verdächtig , allerlei lichtscheue Dinge zu treiben , obwohl jenem Manne in seinem einsamen , stillen Gehöft etwas Nachteiliges durchaus nicht zu beweisen war . Das bildschöne Mädchen aber kam des öfteren durch die Straßen . Sie schritt einher wie eine Königin , das bleiche Gesicht von den roten Haaren umrahmt , einen verblichenen blauen Kattunmantel lose umgehängt . Ihre Augen forschten beständig nach rechts und links , ihr schöner Kopf drehte sich blitzgeschwind auf dem weißen Hals , sobald sie witterte , daß die Straßenkinder hinter ihr her waren . Ich habe so düstere leidenschaftlich unglückliche Augen selten gesehen , aber auch nie so aufleuchtende heiße Blicke . Letztere sah ich einmal , als sie mit in die Hüften gestemmten Armen einem jungen Reiteroffizier nachschaute , der gleichgültig und ohne sie eines Blickes zu würdigen an ihr vorüberschritt , sporenklirrend 142 und Reitpeitsche schwenkend . Wirklich verzehrend heiß waren Karlinchens Blicke . Nach einem Weilchen hörte man , sie sei seine Liebste . Er war ein unglücklicher Mensch , ein Spieler und Verschwender . Mit seinem Vater überworfen , von den Gläubigern hart bedrängt , griff er zur Pistole ; man fand ihn eines Morgens tot in seinem Schaukelstuhl . Bei dieser Gelegenheit durchbrach das Temperament von Schinders Karline alle konventionellen Grenzen . Sie stürzte nach dem Sterbehause und war von der Leiche , über die sie sich geworfen hatte , nicht zu entfernen . Als man es schließlich mit Gewalt tat , hockte sie die ganze Nacht auf der Straße vor dem offenen Fenster . Bei dem Begräbnis fehlte sie , aber Abends , als der Kirchhof geschlossen werden sollte , fand der Totengräber sie neben dem Hügel , bitterlich schluchzend . Der einzige Mensch , der sie gut behandelte , sei er gewesen , nicht ein einziges Mal habe er sie geschlagen , hörte sie nicht auf zu beteuern , mit einer Betonung , als wollte sie dem alten Manne Bewunderung dafür abnötigen , daß es wirklich einmal einen Menschen gegeben habe , der nicht prügelt . Seit dem Abend war sie übrigens aus der Stadt verschwunden , wenigstens eine lange Zeit hindurch ; niemand hörte von ihr . Dann kam sie plötzlich wieder , schreckhafter Erinnerung . Zu jener Zeit wurde auf dem Lande , in einsamen Gehöften , in Forsthäusern , dann aber auch in der Stadt erst recht , wiederholt eingebrochen , und zwar in größtem Maßstabe und mit verblüffender Frechheit . Man konnte erst nicht dahinter kommen , ob es ein Dieb oder eine ganze Bande war ; die Türen und Fenster , die Truhen und Schränke schienen sich dem Räuber wie von selbst zu öffnen , die Hunde bellten nicht in solchen Nächten , die Hausbewohner schienen doppelt fest zu schlafen . Die Aufregung in der ganzen Umgegend war groß . In merkwürdigem Zickzack , wie auf dem Schachbrett , wurde heute hier , morgen an einer ganz anderen Ecke des Kreises gestohlen , und damit nicht genug : es bekamen auch diejenigen , die der freche Räuber für reich genug hielt zu einem Aderlaß , in 143 höflichster Weise die Nachricht : dann und dann werde ihnen der Gefürchtete einen Besuch machen . Die gesamte Polizei war natürlich auf den Beinen in solchen Nächten , aber , siehe da , trotz aller Vorsicht seitens der Behörden wurde in den meisten Fällen der Einbruch doch ausgeführt . Mit Recht vermutete man , daß der Verbrecher sein Versteck in den Harzwäldern habe , und man stellte durch Soldaten ein richtiges Kesseltreiben an . Aber es blieb resultatlos , nichts weiter brachte es ein als einen höhnischen Brief an die hochlöbliche 144 Behörde , in welchem derselben das Bedauern ob der vergeblichen Mühe ausgesprochen wurde , unterzeichnet : Hochachtungsvoll Karl Breidling . Breidling kannte man ja , er war , des Raubmordes verdächtig , aus der Untersuchungshaft