, waren Baltzer Bocholt und Hilde niedergekniet , und so zu den Knienden hatte der Alte gesprochen und ihnen die Traurede gehalten . Er hatte den Text dazu wohlweislich aus dem Buche Ruth genommen , weil er sich der Vorliebe Hildens für das Weib des Boas aus früheren Tagen her sehr wohl erinnert hatte . Der Text aber hatte gelautet : » Und Ruth sprach zu Naemi : Laß mich aufs Feld gehen und Ähren lesen , dem nach , vor dem ich Gnade finde . « So waren die Worte gewesen , über die der Alte geredet , eindringlich , liebevoll und kurz . Und als er zuletzt die Formel gesprochen und sie zusammengegeben , hatte sich Hilde von der Bank erhoben , auf der sie gekniet ; aber Baltzer Bocholt war noch auf seinen Knien geblieben und hatte sich erst aufgerichtet , als ihm Hilde zugeflüstert , es sei Zeit . Und danach hatte jeder sehen können , wie ' s ihm um den Mund gezuckt , keiner aber deutlicher als der alte Melcher Harms , der all die Zeit über unterm Chorstuhl der Gräfin gestanden . Und danach hatte man die Kirche verlassen , und alle Geladenen waren in das Hochzeitshaus hinübergegangen , um an dem Schmaus und der Freude des Tages teilzunehmen ; an Melcher Harms aber , der seitens des Heidereiters nicht aufgefordert worden , war einer der gräflichen Diener mit der Weisung herangetreten , daß ihn die Gräfin um die sechste Stunde zu sprechen wünsche . Da hatte sich der Alte verneigt . Und mit dem sechsten Glockenschlage war er erschienen und durch die große Halle hin auf einen mit einem vergoldeten Gitter eingefaßten Balkon geführt worden , auf dem die Gräfin mit ihren Gästen Platz genommen und eben ein angeregtes Gespräch begonnen hatte . Zumeist mit dem alten General , der quer saß und mit seinem zugeklebten Auge – denn die Dinge dieser Welt bedeuteten ihm nichts mehr – in die Landschaft sah . Als aber die Gräfin ihres Schützlings ansichtig geworden , hatte sie sich erhoben und ihn ihren Gästen als ihren » besten Freund « vorgestellt , was bei den jungen Herren ein Lächeln und eine Verwunderung , bei dem alten General indessen , der ein Zinzendorfscher war , eine freudige Zustimmung gefunden hatte . » Setzt Euch , Melcher Harms . Hierher , bitte . Ich habe den Herren von Euch erzählt . Und der Herr General , der im Bekenntnis steht und an die Wunder und Wege Gottes glaubt , möcht Euch kennenlernen und ein Wort von Euch vernehmen . Ihr waret in der Kirche heut und habt den alten Sörgel gehört . Wie schien er Euch ? « » Er hat mir das Herz getroffen . Und das hat er , weil er die Liebe hat . In der steht er und wirket in Segen , obwohlen er den Quell des Glaubens vermissen läßt , um die , die wahrhaft dürsten , damit zu tränken . Er hat nur die zweite Liebe , die Menschenliebe ... Zumeist aber liebt er die Hilde , das liebe Kind , das nun heute seines Pflegevaters ehelich Weib geworden ist . Und Gott gebe seinen Segen und tue das Füllhorn seiner Gnaden auf und woll alles zum Guten und Besten wenden . « » Aber , Vater Melcher , das klingt ja fast , als fürchtet Ihr ein Gegenteil ! Und ich denke doch , alles liegt gut . Ich habe wohl reden hören von des Heidereiters Sohn , und daß sie den geliebt hätt und nicht den Alten . Aber Ihr wißt , wir haben ihn in unseren Amtsblättern aufrufen lassen und danach in allen Gazetten , ohne daß er gekommen wär oder ein Zeichen seines Lebens gegeben hätte . Und ist nun tot befunden und erklärt . Oder glaubt Ihr , er werde wiederkommen ? « » Er wird nicht wiederkommen « , antwortete Melcher , indem er seine Stimme hob . » Und wenn er wiederkommt , so kommt er , woher wir ihn nicht rufen können . Und kommt freiwillig , um noch zu ordnen , was zu ordnen ist . Denn ewig und unwandelbar ist das Gesetz ! « Alle horchten auf . Die Gräfin aber entgegnete : » Ich weiß , Vater Melcher , daß Ihr an solche Erscheinungen glaubt , und ist nicht Ort und Stunde , dafür oder dawider zu streiten . Und auch nicht darüber « – und hier verbeugte sich der alte General gegen die Gräfin – , » ob nicht die Gnade mächtiger und unwandelbarer ist als das Gesetz . Über all das nicht heute . Heute nur das : Ihr wißt , daß er tot ist ? « Der Alte bejahte . » Nun denn , so seh ich nicht , was Euch Furcht oder Sorge schafft . Oder mißtraut Ihr dem Manne ? Daß er bei Jahren , ist nicht vom Übel . Es sind nicht die schlechtesten Ehen , wo der Mann sein Ansehen verdoppelt , weil er zugleich ein Vater und Erzieher ist . Ich hab umgekehrt mehr Ehen daran scheitern sehen , daß dies Ansehen fehlte . Der Baltzer Bocholt aber hat das Ansehen ; er ist ein ehrenhafter Mann und wird die Hilde nicht an den Altar gezwungen haben . « Der Alte schwieg . » Ihr schweigt . Wenn Ihr es anders wißt , so sagt es . Ich hab eine Teilnahme für das Kind . Ich meine für die junge Frau . « » Nein , er wird die Hilde nicht an den Altar gezwungen haben « , wiederholte Melcher Harms die Worte der Gräfin . » Und doch ist es ein Zwang . « » Ihr müßt deutlicher sprechen , Vater Melcher . Ihr seid zu vorsichtig in Eurer Rede . « » Nun denn , Gräfin , sie hat nie vergessen , was er an ihr getan ; aber zugleich auch ist sie die Furcht vor ihm nie losgeworden . Und