würde nicht vermuthet haben , daß es heißen solle , sie werde sterben ; aber jetzt wußte ich es augenblicklich : es war mir klar , daß Helene Burns ihre letzten Tage in dieser Welt zähle , und daß sie im Begriff sei , in die Region der Geister aufgenommen zu werden , wenn es eine solche Region gäbe . Ich empfand ein lebhaftes Entsetzen , dann einen tiefen Schmerz dann den Wunsch -- die Nothwendigkeit , sie zu sehen , und fragte , in welchem Zimmer sie liege . " Sie ist in Miß Temple ' s Zimmer , " sagte die Wärterin . " Darf ich zu ihr gehen und mit ihr reden ? " " O nein , Kind ! es ist nicht passend ; und jetzt ist es auch Zeit , daß Du herein kommst : Du wirst das Fieber bekommen , wenn Du draußen bleibst , während der Thau fällt . Die Wärterin machte die Vorderthür zu ; ich ging durch die Seitenthür herein , die zu dem Schulzimmer führe : ich kam gerade zur rechten Zeit , denn es war neun Uhr , und Miß Miller rief die Schülerinnen herbei , um zu Bette zu gehen . Es mochte etwa zwei Stunden später sein , wahrscheinlich gegen elf Uhr , als ich -- nicht im Stande einzuschlafen , und aus der vollkommenen Stille , die in dem Schlafsaale herrschte , schließend , daß alle meine Gefährtinnen im tiefen Schlummer lagen -- leise aufstand , meine Kleid über mein Nachtgewand anzog , ohne Schuhe aus dem Zimmer schlich und Miß Temple ' s Gemach aussuchte . Es befand sich ganz am andern Ende des Hauses ; aber ich wußte den Weg , und das Licht des unbewölkten Mondes , welches hier und da durch die Fenster des Ganges hereindrang , setzte mich in den Stand , es ohne Schwierigkeit zu finden . Ein Geruch von Kampfer und verbrannten Weinessig warnte mich , als ich in die Nähe des Fieberzimmers kam , und ich ging rasch an der Thür vorüber , denn ich fürchtete , die Wärterin , die die ganze Nacht dort wachte , möchte mich hören . Ich fürchtete zurückgeschickt zu werden , denn ich mußte Helene sehen -- Ich mußte sie umarmen ehe sie starb -- ich mußte ihr noch einen letzten Kuß geben und noch ein letztes Wort mit ihr wechseln . Als ich die Treppe hinuntergestiegen , durch einen Theil des untern Hauses gegangen war , und zwei Thüren ohne Geräusch geöffnet und geschlossen hatte , erreichte ich eine neue Treppe . Diese stieg ich hinauf und gerade vor mir befand sich Miß Temple ' s Zimmer . Ein Licht schien durch das Schlüsselloch und die Spalte unter der Thür : riefe Stille herrschte . Als ich in die Nähe kam , fand ich die Thür nur angelehnt , wahrscheinlich um ein wenig frische Luft in das Krankenzimmer einzulassen . Nicht zum Zaubern geneigt und voll ungeduldiger Regungen , öffnete ich sie und blickte hinein . Mein Auge suchte Helene und fürchtete , sie todt zu finden . Dicht neben Miß Temple ' s Bette und von den weißen Vorhängen desselben halb bedeckt , stand ein kleineres Bett . Ich sah die Umrisse einer Gestalt unter der Bettdecke , aber das Gesicht war hinter den Vorhängen verborgen . Die Wärterin , mit der ich im Garten gesprochen , saß schlafend in einem Lehnstuhle und ein ungeputztes Licht brannte trübe auf dem Tische . Miß Temple war nicht zu sehen , und ich erfuhr später , daß sie zu einer Fieberkranken gegangen war . Ich trat näher , blieb an der Seite des kleinen Bettes stehen , meine Hand faßte den Vorhang , aber ich wollte lieber erst reden sehe ich ihn entfernte . Ich fürchtete immer , eine Leiche zu sehen . " Helene ! " flüsterte ich leise , " wachst Du ? " Sie regte sich , schob selber den Vorhang zurück , und ich sah ihr bleiches und abgefallenes , aber völlig gefaßtes Gesicht ; sie sah so wenig verändert aus , daß meine Furcht sogleich verschwand . " Ei , bist Du es , Johanna ? fragte sie mit ihrer eigenthümlich sanften Stimme . " O ! " dachte ich , " sie wird nicht sterben : man irrt . sie könnte nicht so ruhig reden und aussehen , wenn es der Fall wäre . " Ich neigte mich über ihr Bett und küßte sie : ihre Stirn war kalt und ihre hohle Wange ebenfalls , so wie auch ihre Hand und ihr Handgelenk ; aber sie lächelte , wie immer . " Warum bist Du hierher gekommen , Johanna ? Es ist elf Uhr vorbei ; ich hörte es vor einigen Minuten schlagen . " " Ich komme , um Dich zu sehen , Helene : ich horte , Du wären sehr krank , und konnte nicht schlaffen , bis ich mit Dir gesprochen . " " Du kamst also , um Abschied von mir zu nehmen : Du kommst wahrscheinlich gerade zur rechten Zeit . " " Wohin gehst denn , Helene ? Gehst Du in Deine Heimath ? " " Ja , in meine ewige - meine letzte Heimath . " " Nein , nein , Helene -- " Ich hielt vor Schmerz inne . Während ich meine Thränen zu verschlucken suchte , wurde Helene von einem herzigen Anfall von Huften ergriffen , doch erwachte sie die Wärterin nicht davon ; als der Husten vorüber war , lag sie einige Minuten erschöpft da und flüsterte mir dann zu : " Johanna , Deine kleinen Füße sind bloß ; lege Dich nieder und decke Dich mit meiner Decke zu . " Ich that es : sie legte ihren Arm über mich und ich nistelte mich dicht bei ihr ein . Nach langem Schweigen fuhr sie , noch immer flüsternd , fort : " Ich bin sehr glücklich , Johanna : und wenn Du hörst ,