zu ihm , und er erwiderte es ; manchmal spann sich das eine Wort zu einem Geplänkel aus . Lenore hänselte , und er war grob ; oder er spottete , und Lenore hielt eine kleine Strafpredigt . Da hatte Gertrud einen ratlos staunenden Blick , und sie kehrte das Gesicht gegen die Fensterscheibe . Mit Absicht blieb sie unbeschäftigt , mit Absicht verschob sie ihre häuslichen Obliegenheiten ; der Gedanke , daß die beiden allein im Zimmer weilten , war ihr unerträglich . Was Daniel tat und sagte , ja sogar , wie er ging und saß und stand , wie er die Hände in die Hosentaschen steckte und die Lippen fletschte , alles das erregte Furcht und Scham in ihr . Sie fühlte sich beleidigt durch jede seiner Gebärden . Seine Freimütigkeit erschien ihr als freche Anmaßung , seine Launenhaftigkeit als böswillige Unvernunft , seine nachlässigen Manieren und seine Schmähsucht wie der Hohn eines Teufels . Da geschah es , daß er einmal eine gallige Bemerkung über die Mucker fallen ließ , die den lieben Gott für einen Sittenwächter und jeden angefressenen Pfarrherrn für einen Erzengel nehmen . Mit einem Ruck erhob sich Gertrud und starrte ihn an . Er hielt dem Blick stand und zuckte die Achseln . » Menschen ohne Glauben sind schlimmer als ansteckende Krankheiten , « flüsterte sie . Daniel lachte . Dann verfinsterte sich sein Gesicht , und er fragte , was sie denn Glauben nenne ? Ob sie der Meinung sei , daß der Glaube im Lippendienst bestehe ? Sie antwortete mit geducktem Kopf , sie könne über das , was ihr heilig sei , nicht mit jemand reden , der sich von aller Religion losgesagt habe . Da flammte Daniel auf und nannte ihre Reden lästerlich ; ob sie sich wohl schon irgendwelche Mühe mit ihm gegeben habe , daß sie mit ihrem Urteil so rasch fertig geworden sei ? Und ob sie denn so genau wisse , ob ihr sogenannter Glaube etwas Besseres sei als sein sogenannter Unglaube ? Woher sie denn das Maß nehme und den Mut und die Sicherheit ? Und ob sie sein Inneres kenne , und ob sie beim lieben Gott Audienz gehabt habe ? Er lachte wieder , pfiff dann und ging fort . Gertrud blieb eine Weile stehen und schaute zu Boden . Lenore hatte das Kinn auf die Hand gestützt und sah sie mitleidig an . Plötzlich begann Gertrud am ganzen Leib zu zittern und streckte , ohne den Blick zu heben , ihren Arm gegen Lenore aus . Lenore erschrak , aber sie wußte nicht , was diese anschuldigende Bewegung zu bedeuten hatte . Und das nächstemal , als Daniel auf seinem Ofenplatz saß , fing er , aus tiefem Schweigen heraus , auf einmal an , über Religion zu sprechen . In vorgesetztem Trotz ; wie aus einem Hinterhalt , aus dem man Pfeile sendet ; mit berechneter Bosheit und kalter Auflehnung ; als ein Geschlagener und Gejagter , einer , der der himmlischen Regierung noch weniger vorgibt als der irdischen . So saß er da , eine leibhaftige Blasphemie , und hatte wieder sein Affengesicht . Doch Lenore fühlte , daß er sich und seinen Gott verleugnete , und zwar mit viel Gewalt . Sie trat zu ihm und legte die Hand auf seine Schulter ; derweil schritt Gertrud mit leichenblasser Miene an ihr und Daniel vorüber und zeigte sich an diesem Abend nicht mehr . An diesem nicht und an den folgenden nicht . Sie mied jetzt seine Gegenwart . In einer höchst wunderlichen Sekunde , nicht länger hatte es gedauert , war Daniels Blick , indes sich das Mädchen erhob , auf dem Umriß ihrer Beine heften geblieben . In dieser Sekunde wurde ihm bewußt , daß sie ein Weib war , und er ein Mann . In dieser Sekunde nahm er das Äußere ihres Körpers wahr , aber ohne die verkleidende Hülle . Ja , er dachte sie nackt ; eine einzige Sekunde lang , aber er dachte sie nackt ; und alles , was sie gesprochen hatte , wie auch alles , was sie tat und sagte , fiel als Kleiderhülle von ihr ab . Da war es ihm , als könne er zum ersten Male sehen , und als sehe er den Körper der Welt . Ihr Bild folgte ihm nach ; er sträubte sich gegen die Beunruhigung . Es war ihm dergleichen noch nie passiert ; er rief das Bild auf , um es mit kühlem Sinn zu zerstören , es wich nicht , und als er Gertrud eines Tages beim schönen Brunnen begegnete , blieb er wie versteinert stehen und vergaß zu grüßen . 16 Es war Mitte Dezember , ein klarer Frosttag . Lenore wäre nach Tisch gerne aufs Eis gegangen . Sie war eine treffliche Schlittschuhläuferin und in der ganzen Stadt dafür berühmt . Eine unbezähmbare Lebens- und Freiheitslust durchpulste ihren Körper ; es dünkte sie jämmerlich , daß sie sich in der stickigen Ofenluft sollte zu den Schreibern setzen und schreiben . Indessen ging sie hin und schrieb wie täglich bei den Schreibern , und die Augen des Herrn Zittel hinter den Brillengläsern erschienen ihr wie zwei grüne Giftfläschchen . Es gelang ihr die Arbeit nicht , träg schlich die Zeit hin , träger noch als Herr Diruf durch die Säle . Lenore hob den Kopf , ihr war , als ruhe sein finsterer Blick auf ihr , und im Bewußtsein ihrer Pflichtversäumnis errötete sie . Endlich schlug es sechs , lärmend standen die Schreiber auf , doch Lenore wartete wie immer , bis es leer war , denn sie liebte es nicht , sich unter sie zu mischen . Da humpelte Benjamin Dorn herein . » Fräulein Jordan soll zum Chef kommen , « rief er und bog den langen Hals wie ein Schwan . Lenore wunderte sich ; es gab nichts , was zwischen ihr und Herrn Diruf zu besprechen war . Vielleicht ist es Bennos wegen ,