sie schritt sogar schon weiter . Allert wollte neben ihr bleiben . » Sie erlauben , daß ich mich vorstelle . « » Nein - bitte ! « Das kam so ängstlich abwehrend heraus . Und mit einer kurzen Kopfbewegung winkte sie dem älteren Mann , und nun ging sie sehr rasch . Allert fühlte sofort , mehr durfte er nicht wagen . Er blieb stehen . Alles Lachen , das ihn eben noch ganz erfüllt hatte , wandelte sich in tiefe Verstimmung . Er erriet , was dies ablehnende » Nein - bitte ! « hieß . Das war die wohlerzogene , stolze , junge Dame aus gutem Hause , die es verweigerte , auf der Straße eine Bekanntschaft zu machen , die vor ihren Eltern , Freundinnen , vor ihrem ganzen gesellschaftlichen Kreis doch niemals sagen konnte : » Ich lernte ihn auf der Straße kennen . « Lachhaft ! Einen Ehrenmann von Familie , dachte Allert , der ja immer alles ein bißchen mit seinem Humor durchmengte , einen äußerst famosen , empfehlenswerten jungen Kerl wie mich dürfte sie um die Welt nicht auf der Straße aufgabeln . Aber verderbten Mädels in zweifelhaften Quartieren die Folgen außerehelichen sexuellen Verkehrs klarmachen , das darf sie . Er sah ihr nach . Nun ging der ältere Mann - es war doch wohl ein kleiner Beamter des Vereins , denn seine Haltung als stummer Zuschauer und Zuhörer verriet wie von selbst die Gewohnheit einer Hintergrundstellung - nun also ging der Mann neben ihr , und sie sprach mit ihm . Dann bogen sie um die Ecke . Warum bin ich eigentlich dem dicken Waller ausgekniffen ? dachte Allert niedergeschlagen . Ja , warum ? So etwas tut man nicht mit klaren Vorsätzen . Da kommt das berühmte , von allen psychologischen Forschern als vorhanden konstatierte Unterbewußtsein hervor und benimmt sich auf der Bühne des Lebens wie eine handelnde Person . Und diese aus den geheimsten Gründen seines Wesens aufgetauchte hypothetische Person hatte sich wahrscheinlich eingebildet , dem wundervollen Mädchen etwas befehlen zu können . Ihr zu sagen : Laß ab ! Deine junge keusche Weiblichkeit leidet ja doch Schaden . Wo bleibt die Poesie bei zu viel kennen , zu viel wissen ? - Ja , diese sozialen Bestrebungen ! Diese neuen Frauen ! Diese Unsicherheit ihnen gegenüber ... Und Allert schalt sich selbst aus : Weiß Gott , es war höchst kindlich und höchst überflüssig ... Wenige Minuten nachher wandte er seine außerordentliche Beredsamkeit an , um nun seinerseits Herrn Waller schwindelig zu machen und in den Schmelz und die Begeisterung des Verkäufers die bitteren Tropfen des Zweifels und Unterbietens hineinzusprengen . Dabei dachte er immer : Nun seh ' ich sie nie wieder - nie ! Das sagte ihm ein Vorgefühl . Zum drittenmal wiederholt sich dergleichen nicht . Und wer wußte , ob sie sich nicht fortan einen andern Bezirk anweisen ließ . Nur , um einem so aufdringlichen Menschen nicht nochmals zu begegnen ... Trotzig fühlte er : Und das ist auch sehr gut - sehr ! So genau aber lebte jedes Wort , jede Miene , das ganze Bild in ihm weiter , daß er hier , vom Lehnstuhl aus zum Tannenbaum in der Ecke hinüberträumend , alles vor sich sah : den schmutzigen Kanal , auf dem gerade eine halb ausgepreßte Zitrone vorüberschwamm , die Leichter und Kähne bordseits an die Ufer geklemmt , die Luft , die einem bläulichgrauen Flor glich , und das hochgewachsene Mädchen mit dem klugen , lieben Gesicht ... Plötzlich schreckten die drei versonnenen Menschen auf . Ein weißes Licht purzelte von seinem blanken Blechleuchtersitz und nahm durch die raschelnden Tannenzweige seinen Sturz hinab zum Teppich ... Gerade am Tage , ehe Raspe abreiste , kam ein großer Brief aus St. Moritz . Man sah ihm schon von außen an , daß eine Photographie darin sein mußte . Voreilig sagte Sophie : » Gewiß ein Bild von Tulla Rositz ! « Und sie vermied es , ihren Sohn Raspe dabei anzusehen . Aber es zeigte sich , daß es kein großes Bild von Tulla war , sondern vier Momentphotographien , an den Ecken leicht auf die große weiße Pappe geklebt . Während seine Mutter den Brief las , nahm Raspe das steife Blatt in die Hand und sah sich aufmerksam alle Dargestellten an . Ein Gruppenbild zeigte sechs Personen . Alle waren im Sportdreß . Weiß wie der Schnee um sie herum . Da stand Tulla und hatte die Arme in die dünne Taille gestemmt , und unter der dicken weißen Mütze sahen die großen dunklen Augen so beredt hervor - wie Augen tun , die es zum Ausdruck bringen wollen , daß während des Photographiertwerdens an jemand sehr intensiv gedacht wurde . Eine sehr schöne Frau , viel schöner als Tulla in ihrer noch etwas herben Anmut , ziemlich voll , war auf dem Bild zu sehen , und dicht neben ihr stand ein sie etwas überragender Mann , den man für einen Italiener oder Südfranzosen halten konnte . Raspe erkannte auch den Leutnant Viktor Rositz wieder , der hier , im Vordergrund der Gruppe , mit weitauseinandergespreizten Beinen , die Hacken in den Schnee gestemmt , auf einem Bobsleigh saß und mit riesig frechem , vergnügtem Gesicht zu einer jungen Dame hinauflachte , die ihm mit einem Tannenzweiglein gerade die Nase kitzeln zu wollen schien . Die Dame war eine üppige , kleine Person von etwas orientalischem Typ . Auf einem andern Bild sah man Tulla in tiefschwarzer Straßenkleidung mit ihrem Bruder , der auch Trauer , aber Kniehosen , Strümpfe und Schnürstiefel trug . Wie zwei kohlendunkle Gestalten standen sie grell vor dem weißen Hintergrund . Und noch einmal die schöne , volle Frau ; neben ihr wieder der romanisch aussehende Herr . Das vierte Bild zeigte nur drei Köpfe in einer Reihe , lachend unter den wollenen , über die Ohren gezogenen Mützen , vor einem ungewiß verschwimmenden hellen Grund : Viktor Rositz in der