Baronin regte sich darüber auf , daß Dietz und Fastrade jeden Abend lange Spaziergänge im Walde machen , sie meinte , das muß wohl eine amerikanische Sitte sein . Aber der Alte sagte : ob es amerikanisch ist , weiß ich nicht , aber unschicklich ist es . « Ein wenig Röte stieg in Lydias Wangen , und sie sprach feierlich zur Decke hinauf : » Ich finde es auch unschicklich . « » Unschicklich , wieso ? « entgegnete Dachhausen , » in unseren Zeiten denkt man darüber doch freier . « Jetzt sah Lydia ihn an und zwar ziemlich böse : » Du hast mir ja immer gepredigt , « sagte sie , » daß man sich den Sitten und Gesetzen der Gesellschaft , in der man lebt , fügen soll , warum können denn die beiden tun , was sie wollen ? « Dann zog sie die Augenbrauen hoch und wandte das Gesicht ab : » Ach Gott , es ist ja auch so gleichgültig , was diese beiden tun , amüsieren wird sich der gute Egloff auf diesen Spaziergängen mit der langweiligen Fastrade nicht . « » Wieso langweilig ? « protestierte Dachhausen , » Fastrade ist doch ein edles und interessantes Mädchen . « » Vielleicht wegen dieser kitschigen Verlobung mit dem Hauslehrer « , höhnte Lydia . » Warum hast du denn nicht sie geheiratet , wenn sie edel und interessant ist ? Ich bin weder edel noch interessant . « Da wurde Dachhausen wieder zärtlich , er streichelte die kleine , schlappe Hand , die in der seinen lag und sagte mit einer Stimme , die vor Erregung bebte : » Weil ich dich geheiratet habe , weil du für mich die Edelste und Interessanteste bist . Sieh , Liddy , es kommt mir vor , als ob in der letzten Zeit wir einander nicht recht nahe gewesen sind , es ist mir so , als ob dich etwas drückt , das du mir verschweigst . Sprich dich aus , erstens , dazu ist man ja verheiratet , daß man alles teilt , und dann , es ist auch lächerlich , wie das , was einem Sorge macht , vollständig verschwindet , wenn man es ausspricht . « Lydia sah wieder zur Decke empor , und es klang müde und schläfrig , als sie antwortete : » Ich verstehe dich nicht , ich habe nichts auszusprechen , nichts zu sagen . Ich glaube , wir beide haben uns in letzter Zeit überhaupt wenig zu sagen . « Sie schloß die Augen . » Ich denke , ich versuche ein wenig zu schlafen « , sagte sie . Dachhausen war blaß geworden , er erhob sich schnell und ging , ohne ein Wort zu sagen , aus dem Zimmer . Drüben in seinem Zimmer setzte er sich auf einen Sessel , lehnte den Kopf zurück und schloß die Augen . Nun war es klar , mit seiner Ehe stand es übel , aber wissen wollte er , was sein Glück zerstörte . Er war es müde , kleine Ereignisse aus seiner Erinnerung hervorzuholen , er wollte etwas haben , er wollte jemanden haben , an den er sich halten konnte . So saß er lange kummervoll sinnend da . Endlich klingelte er und bestellte einzuspannen , die Jagddroschke und die Schimmel , er wollte nach Grobin , ins Städtchen , fahren , dort wohnten seine Mutter und seine Schwester Adine . Als Dachhausen heiratete , waren die beiden Damen mit den alten Möbeln und den alten Dienstboten in das Städtchen gezogen , um der neuen Schloßherrin , den modernen Möbeln und neuen Dienstboten Platz zu machen . Für Dachhausen war das Haus in der Stadt ein Stück des alten Barnewitz seiner Jugend . Hier wehte die milde , verwöhnende Luft , die ihn von Kindheit auf umgeben hatte , dorthin fuhr er gern , wenn er verstimmt war und sich trösten lassen wollte . Lydia liebte es nicht , ihre Schwiegermutter zu besuchen , » sie sind dort sehr freundlich , « sagte sie , » aber es ist eine Freundlichkeit , die einem den Atem bedrückt . « Frau von Dachhausen und Adine ihrerseits bewunderten Lydia . » Deine Lydia , « wiederholten sie immer wieder , » ist ja so hübsch und so elegant « , allein sie blieb ihnen fremd , sie war für sie ein schönes Instrument , auf dem sie nicht zu spielen verstanden . Die Fahrt durch den Frühlingsnachmittag war hübsch , die Birken standen grellgrün am Waldesrande , weiter unter den Tannen fanden sich große Gesellschaften weißer Anemonen zusammen und zitterten im Winde , der Wegrain war mit kleinen gelben Blumen bedeckt , Kinder trieben Schafe auf die Weide , lagen auf den Abhängen auf dem Bauch und sangen . Dachhausen , der sonst immer gern mit dabei war , wo es fröhlich zuging , konnte heute mit der Heiterkeit , die über dem Lande lag , nicht mit , sie machte ihn traurig und schwach . Ein Vers ging ihm durch den Sinn , den die alte Marri , seine Wärterin , ihm vorgesungen hatte , als er noch ein ganz kleiner Knabe war , und er mußte ihn beständig vor sich hinsummen : » Weißt du , was die Blume spricht ? Armes Fritzchen , weine nicht . Sonnenschein lacht dir ins Gesicht , Armes Fritzchen , weine nicht . « Auch im Städtchen sah es frühlingsmäßig aus , die Mädchen trugen helle Blusen , lange Reihen von Gymnasiasten spazierten Arm in Arm durch die Straßen . Kommis standen in den offenen Türen der Läden und ließen die bleichen Gesichter vom Frühlingswinde anwehen . Im Hause seiner Mutter wurde er von einem kleinen listig aussehenden Dienstmädchen empfangen , er kannte das , seine Mutter nahm stets solche Mädchen zu sich , um sie zu erziehen und zu bessern , und die gerieten meist nicht sonderlich . Dann kam Adine , Ende der dreißig , klein