empfand Tschun ein ähnliches Gruseln wie damals im Tempel , als er zusehen mußte , wie seine Herrin lachend den greulichen Götzen Räucherkerzen spendete . Und da er von seiner Pagenzeit her noch gewisse Privilegien genoß , obschon er längst kein kleiner Junge mehr war , sondern ein lang und schmal aufgeschossener Boy , so faßte er sich ein Herz , ging in das Zimmer der Taitai und neigte vor ihr das Knie , was die Feierlichkeit der Gelegenheit bekunden sollte . » Was gibt es , Tschun ? « frug die Taitai , die sich gerade von Madame Angèle ihre schönsten Kleider hatte bringen lassen und prüfend erwog , welches für die Audienz wohl am geeignetsten sein dürfte . » Ich wollte Euch bitten , Taitai , « stammelte Tschun , » geht nicht zur Kaiserin ! tut das nicht ! « Die Taitai sah ihn starr an . » Nicht dabei sein , wo hier endlich mal was Amüsantes passiert ! « rief sie . » Ja , und warum denn ? « » Sie ist böse , böse , « sagte Tschun . » Denkt , was ich von ihr gesehen habe , und was sie seitdem alles getan hat . Ihr gehört nicht dahin ! Sie ist böse , böse ! « Die Taitai lachte und antwortete : » Wenn man sich danach richten wollte , könnte man ja beinah so einsam leben wie der alte indische Einsiedler . Nein , nein , Tschun , ich freu mich unbändig auf diese Audienz ! Endlich mal was Neues und Merkwürdiges in diesem stumpfsinnigen Aufenthalt ! « » Und wenn sie Euch was Schlimmes antäte ? « entgegnete Tschun . Aber da richtete die Taitai ihre Gestalt , die in der Mitte so merkwürdig dünn war , ganz hoch auf , warf den Kopf empor , blickte geringschätzig aus den seltsam hellen Augen und sagte von oben her : » Du bist wohl nicht recht klug , Tschun ! Eure Kaiserin wird schon nicht vergessen , was sie den Frauen fremder Vertreter schuldet . « Und dann setzte sie hinzu : » Ich glaube überhaupt , Ihr malt sie ein bißchen schwarz . Ihr bloßer Wunsch , uns zu empfangen , zeigt ja , daß sie gar nicht so fremdenfeindlich sein kann . « - So mußte denn Tschun mit ansehen , wie an einem bitterkalten Wintermorgen all die bevorzugten Taitais in einem langen Zug von Sänften durch den hartgefrorenen Schmutz der Straßen der Kaiserstadt getragen wurden . Mafus auf zottigen Ponies bahnten den Weg durch das Gewühl der zerlumpten , vor Kälte schlotternden , stier hinstarrenden Bevölkerung , schafften Platz zwischen den langen Zügen der aneinander gebundenen mongolischen Kamele , zwangen die Führer der schweren , knarrenden Pekinger Karren vor den Barbarenfrauen auszuweichen . Am Tschiao-Yüan-Tor hielt der Zug . Tschun war bis dahin mitgelaufen , und auch einige der jungen Herren , die der Taitai als lebende Schatten dienten , waren so weit neben ihrer Sänfte hergeritten . Doch hier mußten all die Taitais ihre eigene Eskorte verlassen und wurden von harrenden Leuten der Kaiserin in Empfang genommen . Tschun glaubte manche dieser pergamentenen Gesichter , dieser bösen Schlitzäuglein vom Sommerpalast her wiederzuerkennen . Er sah , wie sie mit hämischem Grinsen die Fremden in die Kaiserstadt geleiteten , er sah , wie das schwere Tor sich dröhnend hinter ihnen schloß . Spät am Nachmittag kehrte die Taitai endlich heim , da schon Besorgnisse über die ungewöhnlich lange Dauer der Audienz laut zu werden begannen und Madame Angèle sich in düstersten Prophezeiungen erging . Und die Taitai konnte gar nicht rasch genug sprechen , so viel hatte sie den auf sie Wartenden zu erzählen . Sie habe sich prachtvoll amüsiert , versicherte sie . Chinesische Theateraufführungen hatten im Palast mit großartigen Banketten abgewechselt , die verschiedensten Hallen , Pavillons und Höfe waren ihr gezeigt worden , sämtliche Prinzessinnen und die junge Kaiserin seien dagewesen , und auch den Kaiser habe sie kennen gelernt , es sei also offenbar gar nicht wahr , daß er so streng gefangengehalten würde . Und die alte Kaiserin ? Oh , das sei überhaupt eine liebe alte Dame , von größter Freundlichkeit und ungeniert behaglichem Wesen . Allerhand Geschenke hatte sie den Damen mitgegeben . Die Taitai zeigte die ihrigen voller Stolz . Und Tschun dachte : Nein , weise sind diese Fremden wahrlich nicht . Eher gleichen sie den kleinen Kindern , die ob eines bunten Spielzeugs alles vergessen . So war die kurze Aera der Reformen mit einem Feste endgültig begraben worden . Und unter den Fremden ward es bald üblich , von Tzü Hsis Staatsstreich und seinen blutigen Folgen als einem kleinen , rasch erledigten kaiserlichen Familienzwist zu reden , der durch die Unüberlegtheiten des krankhaft erregten Kaisers hervorgerufen worden sei . Wer aber , wie der Vetter Sin schen , ins Haus Li lien yings oder zu anderen Vertrauten Tzü Hsis kam , der mochte dort ein Echo des spöttischen Kicherns vernehmen , das die Leichtgläubigkeit und Lenksamkeit dieser fremden Teufel der Gewaltigen entlockten . Die drei kardinalen Regierungstugenden , Wohlwollen zu simulieren , Niedrige als Gleichstehende zu behandeln und reiche Geschenke darzubieten , - die der alte Philosoph Chia yi der Han-Dynastie einst zu erfolgreicher Behandlung der Hunnen empfahl , hatte sie diesen moderneren Barbaren gegenüber angewendet . Und diese alterprobten » Lehren für den Verkehr mit starken und wilden Völkerschaften « hatten sich auch hier wieder bewährt : die Fremden waren dadurch hypnotisch eingeschläfert worden . Doch der fortschrittliche Vetter Wang pao ließ sich nicht so leicht täuschen , er sagte warnend : » Glaubt mir , all die Leutseligkeit , die Tzü Hsi jetzt zur Schau trägt , ist nur Trug , und man sollte ihr am wenigsten trauen , wenn sie freundlich ist . Mir erscheint sie einer heimtückisch lauernden Spinne gleich ; in den dunklen Tiefen der Paläste spinnt sie im Verborgenen an geheimnisvollen Netzen weiter und übt nach Beispielen aus den