seiner Schwester in Berlin erzählt ; aber Hoffmann hatte das , nach Art stark mit sich selbst beschäftigter Menschen , überhört . Nun begrüßte er sie unfrei und schien von ihrer Anwesenheit beengt . Stanislaus lenkte das Gespräch sogleich auf ein Gebiet , das einen Plan betraf , den er für Hoffmann ausgedacht hatte . Da dieser als Lektor eines großen Verlages Gelegenheit hatte , eine Menge literarischer Arbeiten von Interesse und Wert , die aber für die nach festen Plänen begrenzten Ziele des Verlages nicht geeignet waren , kennen zu lernen , so hatte ihm Stanislaus geraten , aus diesem Material , das ihm da von selbst zufloß , solche Arbeiten auszuwählen , die sich unter einem besonderen Gesichtspunkt als einheitliche Serie sammeln ließen , und diese Sammlung systematisch zu ergänzen . Er dachte an eine Ausgabe verschiedener Kulturdokumente , die für das Wesen der Epoche bezeichnend waren . Diese Serie sollte etwa unter dem Titel » Stimmen der Zeit « fortlaufend erscheinen , und der Herausgeber würde so Gelegenheit zu einheitlicher redaktioneller Tätigkeit finden und auch seine Einnahmen wesentlich vermehren . Hoffmann hatte im Caféhaus mit Interesse den Plan aufgenommen und darüber nachzudenken versprochen . Mit einer müden Handbewegung lehnte er nun ab . » Wozu noch eine Brockensammlung mehr « , meinte er . » Den Snobismus zu mehren , wird gerade genug getan . Warum auch da mitmachen ? « - - - » Solche Brocken , wie Sie es nennen , sind nicht immer das Schlimmste . Sie können solchen , die von manchem Strom , der durch die Gegenwart drängt , erfahren möchten , - ohne Zeit , oder Kraft , oder Schulung genug zu haben , zu allen Quellen selbst herabzutauchen , - helfen , ihr Wissen in Parenthese zu ergänzen oder anzuregen , und das ist schließlich kein Übel . « » Eine Wirkung auf das Volk , die allein eine solche auszugartige Bearbeitung des Materials rechtfertigen würde , ist durch diese Publikationen nicht gegeben , weil sie nur die Sprache der Informierten sprechen . « Überrascht blickte Stanislaus über den Tisch in das bleiche , nervöse Gesicht . Seit wann wollte Hoffmann etwas für das Volk ? » Ich staune über ihre Verkennung der Wege der Wirkung « , sagte er dann . » Wieso ? « » Nun , es gibt doch offenbar zwei solche Wege : den direkten , kürzeren , jäheren ; und den andern , - dessen Linien sich sozusagen serpentinenartig nach unten verbreitern und der vielleicht die echtere Destillation verspricht . Sie können direkt zum Volk sprechen , in seiner Sprache , - können es mit Resultaten überfallen , ihm ausgefüllte Werttabellen in die Hände stecken ; oder aber - der andere Weg , der serpentinenartige : jeder » Informierte « spricht zu der ihm nächsten Schicht , und sobald der Stoff nur die gehörige Beweglichkeit hat , - dringt er weiter , tiefer , und nähert sich allmählich der tiefsten und breitesten Schicht des Volksbewußtseins ; und das , was auf diesem Wege endlich da hinunter gelangt , - ist wohl eine Art Auslese in bezug auf Stoßkraft und Beweglichkeit ; was nicht so weit kam , blieb wohl oben - auf den Kehren - liegen . « Mit Hoffmann horchte auch Olga , und in diesem Augenblick wurde ihr klar , daß auch das , was sie vielleicht zu sagen haben würde , diesen weiteren , mühsameren und gefährlicheren Weg passieren mußte . Hoffmann blickte ernst , und seine dunklen , tiefen Augen leuchteten in ihrem sanften Glanz . » Und doch geht auf dem andern , dem jäheren , direkteren Wege - nicht nur der derbere Tritt « , sagte er . » Sondern ? « » Sondern auch die Liebe . Die ganz einfache , ganz direkte Liebe zu den Massenhaften - zu denen , die da sind , - wie immer sie da sind . « » Und Sie , - seit wann wissen Sie von dieser Liebe ? « fragte Stanislaus . » Ich weiß von ihr , wie von einer unbegreiflichen Erscheinung . Kein größeres Wunder weiß ich , als daß es solche Liebe gibt . « Olga beugte sich vor : » Warum , - warum ist Ihnen Menschenliebe so unbegreiflich , so wunderbar ? « » Das ist sie « , entgegnete er und blickte die Fragende voll an . » So sehr ich begreife , daß man die Idee liebt , die Idee vom schönen und vollkommenen Menschen , - so rätselhaft erscheint es mir , daß es Herzen gibt , die warm und hingebend schlagen für das , was da ist , wirklich da ist , unschön und mangelhaft da ist , - für all das Unzulängliche und Elende . Und es gibt solche Herzen , - Christus war - er ist kein Märchen . « Er schwieg , und seine Augen verschleierten sich tief . Dann fuhr er fort : » Auch das Unzulängliche lieben , - nicht nur sich seiner erbarmen , - nein es lieben , - ohne Blindheit - in heller Erkenntnis - - das - das ist das Mysterium . « » Und wie läßt es sich , Ihrer Meinung nach , deuten « , fragte Olga gespannt . Hoffmann dachte nach und sagte dann : » Christus - oder unsere Vorstellung von ihm - war vollkommen an Leib und Seele . Wäre ich wie er , - ich liebte die Elenden auch . Aber da ich das Unzulängliche , als mein eignes Erbe , schleppe , « - seine Lippen bebten , - » wie kann ich es lieben ? Beschäftigt , beladen bin ich mit mir , « fuhr er fort , wie gequält , als müsse er sich rechtfertigen , » und dem Grauen der Unendlichkeit steht für mich nur eins gegenüber - dieses : Ich bin . Für mich zumindest - bin ich . « Stanislaus warf ein : » Der alte , egozentrische Aberglaube ;