dieses Thema reden . Wir haben zum Beispiel einen im Klub , der ist mit einer Israelitin verlobt . Aber sie winken mir schon . Habe die Ehre , meine Herrschaften , servus Leo , all Heil . « Er salutierte wieder und entfernte sich wiegenden Schrittes . Die andern , unwillkürlich lächelnd , blickten ihm nach . Dann fragte Leo plötzlich zu Georg gewandt : » Wie geht ' s denn eigentlich seiner Schwester mit dem Singen ? « » Wie ? « sagte Georg aufgeschreckt und leicht errötend . » Therese erzählt mir « , fuhr Leo ruhig fort , » daß Sie zuweilen mit Anna musizieren . Ist denn die Stimme jetzt in Ordnung ? « » Ja « , entgegnete Georg zögernd , » ich glaube schon , jedenfalls finde ich sie sehr angenehm , sehr wohllautend , besonders in der tiefern Lage . Schade , daß sie eben nicht ausreicht , für größere Räume , mein ich . « » Nicht ausreicht « , wiederholte Leo nachdenklich , » das ist auch so ein Wort . « » Wie würden Sie es denn bezeichnen ? « Leo zuckte die Achseln und blickte Georg ruhig an . » Sehen Sie « , sagte er , » ich habe die Stimme auch immer sehr sympathisch gefunden , aber selbst zur Zeit , als Anna die Idee hatte zur Bühne zu gehen ... ehrlich gestanden , ich habe nie geglaubt , daß aus der Sache was wird . « » Sie haben eben wahrscheinlich gewußt « , entgegnete Georg absichtlich leicht , » daß Fräulein Anna an dieser eigentümlichen Schwäche der Stimmbänder leidet . « » Ja freilich wußt ich das ; aber wäre sie zu einer künstlerischen Laufbahn bestimmt gewesen , innerlich bestimmt meine ich , so hätte sie diese Schwäche eben überwunden . « » Sie glauben ? « » Ja , das glaub ich , das glaub ich ganz entschieden . Darum find ich , daß solche Worte wie eigentümliche Schwäche , oder die Stimme reicht nicht aus gewissermaßen Umschreibungen für etwas Tieferes , Seelisches bedeuten . Es liegt offenbar nicht in der Linie ihres Schicksals , eine Künstlerin zu werden , das ist es . Sie war sozusagen von Anbeginn dazu bestimmt , im Bürgerlichen zu enden . « Heinrich war mit der Theorie von der Schicksalslinie höchst einverstanden und führte den Gedanken in seiner krausen Art weiter und immer weiter , vom Geistreichen übers Verdrehte ins Unsinnige . Dann machte er den Vorschlag , man sollte sich für eine halbe Stunde auf die Wiese hin in die Sonne legen , die in diesem Jahr wohl nicht mehr oft so warm herunterscheinen werde . Die andern stimmten zu . Hundert Schritt weit vom Wirtshaus streckten sich Georg und Leo auf ihre Mäntel aus . Heinrich setzte sich ins Gras , verschränkte die Arme über den Knien und sah vor sich hin . Zu seinen Füßen senkte sich die Wiese zum Walde hinab . Tiefer unten , in lockeres Laub vergraben , ruhten die Landhäuser von Neuwaldegg . Aus bläulich-grauen Nebeln hervor schimmerten die Turmkreuze und sonngeblendeten Fenster der Stadt , und ganz fern , als trüge bewegter Dunst sie empor , schwebte und verdämmerte die Ebene . Spaziergänger schritten über die Wiese dem Wirtshaus zu . Einige grüßten im Vorübergehen und einer , ein noch junger Mann , der ein Kind an der Hand führte , bemerkte zu Heinrich : » Das ist aber einmal ein schöner Tag , grad als wie im Mai . « Heinrich fühlte anfangs gegen seinen Willen , wie manchmal solch wohlfeiler , aber unvermuteter Freundlichkeit gegenüber , gleichsam sein Herz aufgehen . Sofort aber besann er sich , denn er wußte ja , auch dieser junge Mann war nur von der Milde des Tags , dem Frieden der Landschaft wie berauscht ; in der Tiefe der Seele war auch der ihm feindselig gesinnt , gleich all den andern , die so harmlos an ihm vorbeispazierten . Und er verstand es wieder einmal selbst nicht recht , warum der Anblick dieser sanft-bewegten Hügel , dieser verdämmernden Stadt ihn so schmerzlich süß ergriff , da ihm doch die Menschen , die hier zu Hause waren , so wenig und selten etwas Gutes bedeuteten . Der Radfahrklub sauste über die nahe Straße , die umgehängten Röcke wehten , die Embleme leuchteten , und ein rohes Lachen schallte über die Wiese . » Gräßliches Volk « , meinte Leo beiläufig , ohne den Platz zu verändern . Heinrich wies mit einer unbestimmten Kopfbewegung nach unten . » Und solche Kerle « , sagte er mit zugepreßten Zähnen , » bilden sich dann noch ein , daß sie da eher zu Hause sind als unsereiner . « » Nun ja « , entgegnete Leo ruhig , » da werden sie wohl nicht so unrecht haben , diese Kerle . « Heinrich wandte sich höhnisch zu ihm : » Verzeihen Sie , Leo , ich vergaß einen Augenblick , daß Sie selbst den Wunsch hegen , nur als geduldet zu gelten . « » Das wünsche ich keineswegs « , erwiderte Leo lächelnd , » und Sie brauchen mich nicht gleich so boshaft mißzuverstehen . Aber daß diese Leute sich als die Einheimischen ansehen und Sie und mich als die Fremden , das kann man ihnen doch nicht übel nehmen . Das ist doch schließlich nur der Ausdruck ihres gesunden Instinktes für eine anthropologisch und geschichtlich feststehende Tatsache . Dagegen und daher auch gegen alles , was daraus folgt , ist weder mit jüdischen noch mit christlichen Sentimentalitäten etwas auszurichten . « Und sich zu Georg wendend , fragte er in allzu verbindlichem Ton : » Finden Sie nicht auch ? « Georg errötete , räusperte , kam aber nicht dazu zu erwidern , da Heinrich , auf dessen Stirn zwei tiefe Falten erschienen , sofort erbittert das Wort nahm : » Mein Instinkt ist mir mindestens ebenso maßgebend wie der der Herren Jalaudek