Julitagen allgemein überzeugt , daß Graf Fips nicht reüssiert . « - Soviel aus jenem Briefe . Denke Dir nun den Grafen als einen Fünfziger , als einen Mann von den feinsten Sitten , dem gebildetsten , artigsten Betragen , der in allen Dingen Kenntnisse , und für alles große Empfänglichkeit besitzt . Es ist wahr , sein Wissen ist meist oberflächlich ; er hat die Klassiker gelesen , aber nicht empfunden , er kokettiert mit den Griechen und ein abgeschmackter hohler Römer läuft ihm hie und da dazwischen ; er hat Geschichte studiert , weil er sie aber oft an so verschiedenen Fäden aufgereiht hat , so sind seine Ansichten verworren geworden . Er hat von allen Religionsphilosophemen genippt , ist abwechselnd Atheist , Deist , Protestant . Quäker und Pantheist gewesen und wie alle extremen Geister , die in der eigenen Positivität keinen Haltpunkt finden , am Ende romanischer Katholik geworden , der aber noch immer mit Aufmerksamkeit Religionsgespräche anhört . Sein Äußeres ist imponierend . Von hohem starkem Wuchse hat sein Gang jene adelige Gemessenheit und Sicherheit , die wir noch in unserer frühen Jugend so oft an den damaligen Grafen und Baronen gesehen . Die Gebärden , Gestikulationen , Bewegungen sind weit , breit , aber sicher gerundet . Du siehst , wieviel auf den ersten Tanzmeister ankommt , denn ich bin überzeugt , daß sich der Graf viel Mühe gegeben hat , die modernen , kürzeren Bewegungen zu erlernen . Natürlich geht er ganz modisch gekleidet . Sein lockiges Haar ist noch voll und dicht wie das eines Jünglings , aber schneeweiß . Das gibt dem ganzen Gesichte , welches sich ebenfalls durch einen sehr weißen Teint auszeichnet , etwas Geisterartiges , und die unsteten schwarzen Augen irren wie heimatlos umher . Der Schnitt des Gesichts ist edel ; eine Römernase erhöht diesen Eindruck . Nur der etwas breite eingekniffene Mund und der untere Teil des Kopfes deutet darauf hin , daß der Mann schon viel gelebt hat . Die Faltenlinien von den Nasenflügeln aus drängen die untere Wange tief hinab nach dem Kinn . Dieser untere Kopf hängt nur , und hat die Spannkraft verloren ; er ist das Bild seiner Charakterlosigkeit ; Er redet fast alle Sprachen und dem Anschein nach alle gut , wenigstens versichert es Hippolyt vom Spanischen , William vom Englischen , Leopold vom Italienischen , und ich höre es am Französischen , das er keineswegs so altmodisch wie die meisten unserer Aristokraten redet , die wie der junge Anacharsis plappern . Eines ist überaus liebenswürdig an ihm : sein Sinn für jede Art von Poesie . Der Mann verdaut mehr Verse in einem Niedersitzen , als ich einen ganzen Monat lang imstande bin zu verbrauchen , und hört Räsonnements über Poeterei an , bis der Räsoneur heiser ist . Ich glaube , er hat viel geliebt ; er kostet das kleinste Lied durch und durch und hat wirklich ein so ausgebildetes Gefühl dafür , daß ihm nicht die kleinste Andeutung oder Beziehung entgeht . Dies ist denn auch das schöne Band , welches ihm seine Tochter fest am Herzen erhält . Ich glaube wirklich nicht , daß er ihrer Neigung nur im entferntesten in den Weg treten würde , sie müßte denn auf einen ganz veralteten jungen Mann fallen . Aber ich habe nichts als Besorgnis mit der schönen Alberta . Seit einiger Zeit neigte sie sich offenbar mit großer Vorliebe zum altertümlichen William , diesem altenglischen Stockjobber , wie Ihr ihn zu nennen beliebt . Ich glaube , sein gläubiges Christentum fesselte die weiche furchtsame Seele . Da kam Hippolyt , das reizende böse Geschick der Weiber , und nun ist die Verwirrung vollständig . Es ist eine sehr schlimme Sache mit Hippolyt . Wie oft hab ' ich es ihm vorgestellt , daß es gar kein Rechtsverhältnis sei , in das er sich Frauenzimmern gegenüber begebe . Er geht jede Verbindung ein , ohne von seiner Seite auch nur irgend etwas anderes zu gewähren , als daß er genießt , solange es seine Laune so will . Auf meinen ernsten Tadel und meine ebenso ernste Versicherung , daß ich ihn einsperren lassen würde , hätte ich Gewalt über ihn , erwiderte er lachend , daß er nie von einem Frauenzimmer Liebe verlangt , noch irgendeiner mehr als augenblickliche Neigung versprochen habe . Es sei ein rechtliches Kontraktsverhältnis ; daß man von der anderen Seite oft mehr präsumiere , wäre nicht seine Schuld . Was soll ich mit ihm anfangen ? Soll ich ihn der Polizei anzeigen ? Die betrachtet bloß die moralisch Buckligen , Lahmen usw. ; sie ist nur für äußere Übel da , die jeder andere Mensch auch sieht ; soll ich ihm unaufhörlich Steckbriefe schreiben und seine Umgebungen vor ihm warnen , wie ein Gendarm mit blanker Klinge neben ihm herreiten ? Wenn ich ihn nur überzeugen könnte , daß er unter unseren bürgerlichen Konstellationen unrecht habe , daß man dem Verbande einer Gesellschaft vielerlei , so auch dieses zum Opfer bringen müßte . Solange das Verhältnis zwischen Mann und Weih noch nicht anders geordnet ist als wie jetzt in das traurige Einmaleins der Ehe , solange erfordert die Verpflichtung gegen die neben mir Stehenden meine Aufmerksamkeit , Schonung , Vorsicht , ja Entsagung ; Hippolyt kennt aber nur Verpflichtungen gegen sich , darum ist er eigentlich für keinen zivilisierten Staat zu brauchen . Die persönliche Freiheit ist bei meiner Theorie durchaus nicht gefährdet , aber die Freiheit sieht , nur die Schrankenlosigkeit ist blind . Das Weib , das gleich mir die Ehe nur für eine Krücke der tausend Schwachen , nur für ein leider noch immer notwendiges Hilfsmittel der Gesellschaft ansieht , das Weib , das sich stark genug fühlt , die äußeren Nachteile der Gesellschaft zu ertragen , sobald diese den Betrug gegen sich entdeckt - dies Weib ergibt sich mir mit Freiheit , und sie freut sich oder leidet wie ein selbständig freies Wesen , je nachdem unsere Verbindung Freud