gar nicht gern , wenn sie mir , der um ungefähr zwanzig Jahre jüngeren , sagt : » in unserem Alter « . Zudem kümmert sie sich - nebst ihren Kindern und Enkeln - noch gar lebhaft um gar mancherlei Dinge , als da sind : Bekehrung kleiner Neger und Chinesen ; die Wunder von Lourdes ; die Wiederherstellung der weltlichen Macht des Papstes und dergleichen mehr . Darauf wies ich in meiner Entgegnung hin . » Ja , « sagte sie , » die Relichion ( unsere besonders Frommen sprechen das Wort so aus ) , das ist etwas anderes . « » Meinst Du ? Ich meine , es ist dasselbe ... es ist nämlich der Drang , für etwas Größeres , Höheres zu fühlen und zu wirken als für die nächstliegenden eigenen , oder der eigenen Kinder Interessen . « » Aber , liebes Kind ( à la bonne heure , das höre ich lieber als in unserem Alter , wie kannst Du nur vergleichen - der eitle , irdische Tand und die ewige Seligkeit ? ! « Ich sprach von etwas anderem . Gerade so , wie ich es in meiner Jugend mit Tante Marie zu tun pflegte , wenn sie das Thema » Bestimmung « zu variieren begann . Die Cousine hätte mich doch nicht verstanden , wenn ich ihr hätte auseinander setzen wollen , daß es das gleiche Streben nach Seligkeit , nach Erlösung , nach dem » Heil « ist , was diejenigen erfüllt , die für Ideen , Erfindungen , Bewegungen sich erwärmen , von denen sie das Paradies schon diesseits erhoffen , oder doch wenigstens die Überwindung des Jammers , der - auch schon hienieden - eine Hölle schafft . Das ist doch nicht minder » Relichion « . Ach , daß ein und dasselbe Wort oft so verschiedene Dinge bedeutet ! Das macht die Verständigung so schwer ; das ist daran schuld , daß einer dem anderen so oft unrecht tut . Religion heißt auch das : inbrünstig die Verpflichtung fühlen , für das Gute , das Rechtschaffene , das Heilige einzustehen . Sich mit der Seele anklammern an alles , was von ewiger Schönheit , von lichter Klarheit , von ehrfurchtgebietender Größe erfüllt ist . Und das Gegenteil von alledem , das Häßliche , Finstere , Niedrige - vor allem das Grausame - bekämpfen , wo nur immer möglich . Wenn man noch dazu durch Wort und Eid gebunden ist ( habe ich nicht geschworen , Friedrichs Aufgabe zu übernehmen ? ) , da hat man doppelt religiös zu sein , gerade so , wie ein vom Klostergelübde gebundener Gläubiger doppelt fromm sein muß . Und so verfolge ich alle Phasen der Friedensbewegung und bleibe - mit Rudolf und durch Rudolf mit allen Bekämpfern des Krieges in steter Berührung : das ist meine Betschwesterschaft . Die Post brachte mir heute diesen Brief : » Berlin , 12. 1. 92. Ihr Name wird unter den Vertretern einer Bewegung genannt , die die Menschheit nach oben , das Christentum seiner Erfüllung entgegenführen soll . Ich halte es für meine Pflicht , mich Ihnen respektvoll zu nahen und Sie zu bitten , mich als einen derer anzusehen , die mit ganzer Kraft für die höchsten Bestrebungen eintreten . Jede Faser meines Daseins gehört dem Aufbau eines Reiches Gottes auf Erden , gehört dem Werden des Christentums . Es begreift dies alle Bestrebungen guter Menschen . Ich bin durchglüht von Idealismus , bin aber kein Phantast - Sie haben es mit einem Menschen zu tun . Unerschrocken , aber auch unbeirrt werde ich die Wege weitergehen , die mir vorgezeichnet sind . Je umfassender unser Vorgehen ist , desto wirksamer ; je entschlossener , desto heilbringender ; je gleichzeitiger auf der ganzen Linie , desto durchgreifender der Erfolg . Jetzt also muß etwas werden . Ich lebe der festen Überzeugung ( das Wort Glaube wäre mir nicht genug hierfür ) , daß wir vor dem Tore stehen , das uns ebensowohl davon trennt , wie uns einführt in das Zeitalter der Vervollkommnung . Die Klinke mit kraftvoller Hand zu ergreifen , scheint mir die Berufung aller derer , denen Gott die Fähigkeit dazu gab . M. v. Egidy , Oberstleutnant a. D. « Diese unerwartete Botschaft erschütterte mich freudig . Ja , es will und es wird etwas werden . Nur kräftig an jener Klinke gerüttelt und das Tor geht auf . XIV Zwei Tage nach dem kleinen Diner traf Sylvia wieder mit Hugo Bresser zusammen . Diesmal in Marthas kleinem Empfangssalon . Als sie eintrat , in der Absicht , wie sie es oft tat , ein Vormittagsstündchen mit ihrer Mutter zu verplaudern , fand sie diese in Gesellschaft Rudolfs und Hugos . Letzterer sprang auf , um sich vor der Eingetretenen zu verneigen . Es lag Verwirrung in seiner allzu raschen Gebärde , in seinem blaß und rot werdenden Gesicht . Oder schien es Sylvia nur so - und vielleicht nur darum , weil sie selber etwas wie Verwirrung empfand ? Keine unangenehme - im Gegenteil ... Sie umarmte ihre Mutter , schüttelte den beiden jungen Männern die Hand und setzte sich . Bresser wollte sich nun empfehlen . » Nein , nein , warum nicht gar , mein Lieber , « widersetzte sich Baronin Tilling , » bleiben Sie doch ! Wir drei sind oft genug miteinander allein - und Sylvia wird gewiß auch gern in unser Gespräch eingreifen , gerade da , wo wir es unterbrochen haben . « » So ? Wovon spracht Ihr denn ? « Hugo , indem er sich auf seinen früheren Platz wieder niederließ , antwortete : » Wir sprachen vom Dichterhandwerk . Die Herrschaften - - wie das so üblich , wenn z.B. der Kaiser auf dem Industriellenball Cercle hält - haben leutselig die Unterhaltung auf mein Fach hinübergelenkt . « » Das ist eine falsche Darstellung , Bresser ! « rief Martha . » Rudolf sprach ein Langes und Breites über die