Aussprache einiger arabischer Laute war ich aufmerksam geworden . Die beiden Ha , das Ain , den Unterschied zwischen dem Sin und Sad , des Rain , Ren oder Ghen , das erste Kaf , das alles brachte er nicht so heraus , wie ein Eingeborener es bringt . Auch hatte er sich einiger Worte bedient , welche dem Araber zwar auch , aber nicht in dem gebrauchten Zusammenhange geläufig sind . Es ist da wohl kein Wunder , wenn ich sage , daß er mir ein Rätsel war . Wenn ich weitergehen will , so war mir auch sein Verhältnis zu El Ghani unklar geblieben , nicht etwa , weil er so wenig darüber gesagt hatte , denn diese Zurückhaltung war Fremden gegenüber wohl begreiflich ; aber er schien außer der Dankbarkeit für empfangene Wohlthaten noch etwas für oder gegen diesen Mann zu empfinden , was er sich bemühte , zu verheimlichen . Warum hatte der vornehme Mekkaner den Blinden mit nach Meschhed Ali genommen , dem alten , gebrechlichen Manne also einen so weiten , beschwerlichen Weg zugemutet ? Um sich seiner als Dolmetscher zu bedienen ? Gewiß nicht ! Es giebt in Mekka junge , kräftige Leute mehr als genug , welche des Persischen mächtig sind und unter denen er nur zu wählen brauchte . Hatte er das etwa aus Geiz nicht gethan , weil er einen Dolmetscher hätte bezahlen müssen ? Vielleicht war dies ein Nebengrund , aber der Hauptgrund sicher nicht , denn jeder halbwegs gebildete Perser spricht auch arabisch , und so wäre El Ghani in Meschhed Ali mit seinem Arabisch ganz gut ausgekommen . Es lag da jedenfalls etwas vor , was niemand , am allerwenigsten ein Fremder , erfahren sollte ! Am meisten interessierte mich natürlich sein krankhafter Zustand , welchen er mit den Worten bezeichnet hatte : » Mein Körper ist es gewöhnt , von der Seele zeitweilig verlassen zu werden . « Tiefe und längere Ohnmachten kommen bei verschiedenen , auch habituellen , Krankheiten vor . War er epileptisch , hysterisch , gar somnambul , oder was sonst ? Jedenfalls nervenkrank ! Er behauptete , während dieser Ohnmachten in einer andern Welt zu sein und sich dessen ganz genau erinnern zu können . Um meine größte Teilnahme zu gewinnen , hätte er gar nicht mehr zu sagen gebraucht ! Ich bin ein sehr nüchterner Mann und jeder Phantasterei abgeneigt ; ich nehme nur das als wahr und richtig hin , was ich mit kalten Sinnen geprüft und als echt erkannt habe ; aber trotzdem oder vielleicht grad darum » schau ich gern in solche Ecken , wo geheime Sachen stecken « , selbst wenn es geistige Ecken oder Winkel sind , und hinter diesen Ohnmachten des Münedschi war etwas verborgen , was meine Neu- oder vielmehr Wißbegierde reizte . Ich gestehe es aufrichtig . Aus all diesen verschiedenen Gründen war mir das Zusammentreffen mit ihm ganz recht , und wenn ich auch gar nichts anderes zu erwarten gehabt hätte , er war eine Person , mit welcher ich mich unterhalten konnte . Trotz der scheinbaren Ueberzeugung , mit welcher er von den Lehren und Satzungen des Islam gesprochen hatte , glaubte ich bemerkt zu haben , daß der Boden , auf welchem er in Beziehung auf den Glauben stand , unter ihm ins Wanken geraten , vielleicht niemals fest und sicher gewesen war . Mit solchen nach der Wahrheit Strebenden verkehre ich gern , denn wer sein höchstes Glück bei Gott gesucht und auch gefunden hat , der möchte auch gern andere glücklich machen ! Was El Ghani betrifft , welcher uns mit Drohungen verlassen hatte , so dachte ich jetzt mit weniger Sorge an ihn als vorher , falls der Ausdruck Sorge da der richtige gewesen wäre . Es war kein klares , bestimmtes , definierbares Gefühl , welches in mir lag , aber es machte sich doch bemerkbar und wurde auch verstanden , nämlich daß unsere Bekanntschaft mit El Münedschi uns in dieser Beziehung von Nutzen sein werde . Derartige Vorgefühle , und wenn sie sich noch so leise bemerkbar machten , haben mich fast nie getäuscht . Es wurde dem Alten der bequemste Sattel , den wir hatten , mit Decken und weichen Tüchern so vorgerichtet , daß er da behaglich wie in einem Lehnstuhle sitzen konnte . Ehe er aufstieg , bat er uns , ihn an das Grab zu führen ; wenn er es auch nicht sehen könne , so wolle er doch wenigstens mit den Händen einmal nach dem Orte schauen , welcher beinahe sein Grab geworden wäre . Nicht einer von uns , sondern Hanneh nahm ihn bei der Hand , um ihn hinzuleiten , indem sie sagte : » Diese deine jetzige Kijahma ist eine irdische , bei welcher dir deine Augen nicht den Ort der Auferstehung zeigen ; wenn aber einst deine wirkliche , deine himmlische Kijahma kommt , so werden sie geöffnet sein , und du wirst mit ihnen das Land der Herrlichkeit sehen , welches Allah allen denen bereitet hat , die reinen Herzens sind und ihn und seine Menschenkinder lieben . Allah jekuhn ma ' ak - Gott sei mit dir ! « - - - Zweites Kapitel El kanz el A ' da Unser heutiger Ritt hatte den Bir Hilu75 zum Ziele , welcher nicht auf dem nordsüdlichen Karawanenwege , sondern weit seitwärts von demselben liegt . Daß er auch von El Ghani genannt worden und ihm also bekannt war , lieferte mir den Beweis , daß dieser Mekkaner sich nicht immer nur in der Stadt des Propheten aufgehalten , sondern auch die Wüste ziemlich genau kennen gelernt haben mußte . Die Wüste ! Ich habe sie und ihre verschiedenen Arten schon so oft beschrieben , daß ich mich nicht wiederholen darf . Ihre Physiographie ist bekannter als die bisher noch kaum gewürdigte Bedeutung , welche sie als Erzieherin des sie betretenden oder ihre Wahat76 bewohnenden Menschen besitzt . Wie die Prairie ein nur ihr eigenartiges Leben