zu rühren wagte . Dieser Lehrer , Erich Bojesen , hatte sich von Anfang an durch die Art empfohlen , wie er die Wissenschaft der Chemie vor den Schülern zerlegte , so daß auch der Blöde und der Boshafte aufmerksam wurden . Er griff gleichsam mit lebendiger Hand in die Nacht der Natur oder in die Feuer der Natur und holte ihre Rätsel hervor , die er trotz aller Erläuterungen Rätsel und Wunder bleiben ließ . Er tat nicht wichtig mit der Wissenschaft und spielte nie mit ihr , machte auch nichts » Interessantes « daraus , sondern er stand hinter seinen Retorten und Röhren wie einer , der im Tempel steht und im Begriff ist , einen Gott zu predigen , dessen ganze Schönheit und Größe nur er selbst kennt . Er glich einem jungen Priester , der die gedruckten Gebetbücher verachtet und sein eigenes Gebet haben will und hat . Fünftes Kapitel Als Stefan Gudstikker mit dem kleinen Knaben das Innere des hallenden Gebäudes betreten hatte , hörte das Schreien wieder auf . Dennoch beschloß er , der Sache auf den Grund zu gehen . Er stieg die Treppe hinan , wurde nachdenklich gestimmt durch die düstere Stille des Hauses , schüttelte den Kopf über die mangelhafte Beleuchtung und betrachtete ein bemaltes Glasfenster , das den Propheten Jephta mit seiner Tochter zeigte . Er öffnete eine Türe , wobei sich das Bürschchen ungeduldig zwischen seine Beine drängte , und hatte einen weißgetünchten , fast finsteren Saal vor sich , in welchem Bett an Bett stand , dreißig oder vierzig wie in einer Kaserne , und über jedem der weißen Tücher schaute ein kaum weniger weißes Knabengesicht hervor , mit geschlossenen Augen , geschlossenen Lippen , angestrengten Lippen , die sich zu bemühen schienen , Seufzer zurückzuhalten . Eine dumpfe Luft schlug heraus und Gudstikker schloß schnell wieder zu , stand ratlos da und sah die Augen des zerlumpten Knaben verehrungsvoll und flehend auf sich ruhen . Da ertönte wieder das Schreien : lauter und eindringlicher . Der Kleine rang stumm die Hände und das Verzweifelte in der Gebärde trieb Gudstikker mehr an als Worte . In einem schmalen Raum saß der Schuldiener mit einer blauen Brille , riesenhaften Filzschuhen und einer Art Kaftan und nickte schläfrig ; wenn ihn sein Gegenüber , der Vorsteher , anredete , fuhr er auf , machte ein devotes Gesicht und schlug mit einem spanischen Rohr klatschend auf den Rücken eines etwa dreizehnjährigen Knaben , der mit Riemen auf ein Brett festgeschnallt war . Der Knabe öffnete dann den Mund zu einem Schrei , der lang hinhallte und langsam erstarb , worauf er in eine schmerzliche Starrheit verfiel . Dies alles hatte etwas Gespensterhaftes und Stefan Gudstikker hätte lachen müssen , wenn er nicht das Gesicht des Knaben gesehen hätte , ein altjunges Gesicht mit der Erfahrenheit früher Schmerzen und bohrend-unruhigen Augen , Knabenaugen , die manchem Mann zu denken geben konnten . Kaum sah der Bursche an Stefans Seite das Unglück seines Freundes , als er auf ihn zustürzte und bitterlich zu weinen anfing . » Ruhig ! was ist hier los ? « rief der Vorsteher erstaunt . » Was ist hier los ? « wiederholte getreulich der mit den Filzschuhen und zeigte einen wahren Schwertfischzahn , der wie eine Schaufel aus der Unterlippe hervorragte . » Wo kommt ihr her ? « fragte der Vorsteher und schaute seine dicken Finger an , als wären sie durch die Erscheinung der Fremden beschmutzt . » Wo kommt ihr her ? « fragte auch der Blaubebrillte und versteckte seinen Zahn , so gut es ging . Stefan Gudstikker erwiderte nichts , nahm sein Messer , durchschnitt die Riemen und hob den Knaben herab . » Was soll das bedeuten ? Was erlauben Sie sich , junger Mann ? « donnerte der Vorsteher und suchte die Angst seines schlechten Gewissens vergeblich zu bemänteln . » Was berechtigt Sie zu einer so grausamen Folter ? « fragte Gudstikker finster . » Er huldigt der Unzucht , verstehen Sie , und das muß bestraft werden . Da alle andern Mittel vergebens sind , muß er bestraft werden . Seine Mutter selbst hat ihn hergebracht , mir allein steht es zu , über seine Bestrafung zu entscheiden . Was haben Sie hier zu suchen und dieser nichtsnutzige Bengel , wessen erfrecht er sich ? « » Wollen Sie mir den Knaben für einige Tage überlassen ? « fragte Gudstikker nach einigem Nachdenken . » Ich werde ihn heilen . Ich habe mich wissenschaftlich mit solchen Dingen beschäftigt . « » Sind Sie Jude ? « » Nein . « » Dann bedaure ich . Bedaure lebhaft . « » Aber Herr Direktor , « erwiderte Gudstikker sanft . » Bei Ihrer Vernunft und Bildung müssen Sie doch einsehen , daß hier die Frage der Konfession von geringer Wichtigkeit ist . Ich bin wohlbekannt in der Stadt . Ich bringe den Knaben zu meiner Mutter , Frau Elise Gudstikker , und sobald Sie ihn zurückverlangen , können Sie ihn haben . « » Ja , wenn Sie glauben , « meinte der Vorsteher unentschieden . » Gut « , sagte er dann , » auf acht Tage ; vorausgesetzt , daß nichts geschieht , was die Religion beleidigt . Du kannst mit diesem braven Mann gehen , Sema Hellmut . Marsch ! Troll dich ' , Ungeratener . « Gudstikker ging mit den zwei Knaben . Er lachte in sich hinein . Er wußte , daß der Vorsteher froh war , den Knaben los zu sein . Zu Hause fand er die Mutter unpäßlich . Sie lag auf dem Sofa , sah etwas bekümmert aus , forderte ihn aber gar nicht auf , zu erklären , wie er zu den Kindern komme . Sie kannte sein jäh und abenteuerlich handelndes Wesen gut genug . Sie kannte auch seine redselige und mitteilsüchtige Natur zu sehr , um sich neugierig zu zeigen . Sie hatte eine eigentümliche Strenge im Gesicht