das ist die Hauptsache . Und dann das Kapitel Schlaf überhaupt - die Menge tut es nicht , was entscheidet , ist die Qualität : ein guter Nicker von fünf Minuten ist besser als fünf Stunden unruhige Rumdreherei , mal links , mal rechts . Übrigens schläft man in Rußland wundervoll , trotz des starken Tees . Es muß die Luft machen oder das späte Diner , oder weil man so verwöhnt wird . Sorgen gibt es in Rußland nicht ; darin - im Geldpunkt sind beide gleich - ist Rußland noch besser als Amerika . « Nach dieser Erklärung der Trippelli hatte Effi von allen Mahnungen zum Aufbruch Abstand genommen , und so war Mitternacht herangekommen . Man trennte sich heiter und herzlich und mit einer gewissen Vertraulichkeit . Der Weg von der Mohrenapotheke bis zur landrätlichen Wohnung war ziemlich weit ; er kürzte sich aber dadurch , daß Pastor Lindequist bat , Innstetten und Frau eine Strecke begleiten zu dürfen ; ein Spaziergang unterm Sternenhimmel sei das Beste , um über Gieshüblers Rheinwein hinwegzukommen . Unterwegs wurde man natürlich nicht müde , die verschiedensten Trippelliana heranzuziehen ; Effi begann mit dem , was ihr in Erinnerung geblieben , und gleich nach ihr kam der Pastor an die Reihe . Dieser , ein Ironikus , hatte die Trippelli , wie nach vielem sehr Weltlichen , so schließlich auch nach ihrer kirchlichen Richtung gefragt und dabei von ihr in Erfahrung gebracht , daß sie nur eine Richtung kenne , die orthodoxe . Ihr Vater sei freilich ein Rationalist gewesen , fast schon ein Freigeist , weshalb er auch den Chinesen am liebsten auf dem Gemeindekirchhof gehabt hätte ; sie ihrerseits sei aber ganz entgegengesetzter Ansicht , trotzdem sie persönlich des großen Vorzugs genieße , gar nichts zu glauben . Aber sie sei sich in ihrem entschiedenen Nichtglauben doch auch jeden Augenblick bewußt , daß das ein Spezialluxus sei , den man sich nur als Privatperson gestatten könne . Staatlich höre der Spaß auf , und wenn ihr das Kultusministerium oder gar ein Konsistorialregiment unterstünde , so würde sie mit unnachsichtiger Strenge vorgehen . » Ich fühle so was von einem Torquemada in mir . « Innstetten war sehr erheitert und erzählte seinerseits , daß er etwas so Heikles , wie das Dogmatische , geflissentlich vermieden , aber dafür das Moralische desto mehr in den Vordergrund gestellt habe . Hauptthema sei das Verführerische gewesen , das beständige Gefährdetsein , das in allem öffentlichen Auftreten liege , worauf die Trippelli leichthin und nur mit Betonung der zweiten Satzhälfte geantwortet habe : » Ja , beständig gefährdet ; am meisten die Stimme . « Unter solchem Geplauder war , ehe man sich trennte , der Trippelli-Abend noch einmal an ihnen vorübergezogen , und erst drei Tage später hatte sich Gieshüblers Freundin durch ein von Petersburg aus an Effi gerichtetes Telegramm noch einmal in Erinnerung gebracht . Es lautete : » Madame la Baronne d ' Innstetten , nee de Briest . Bien arrivée . Prince K. à la gare . Plus épris de moi que jamais . Mille fois merci de votre bon accueil . Compliments empressés à Monsieur le Baron . Marietta Trippelli . « Innstetten war entzückt und gab diesem Entzücken lebhafteren Ausdruck , als Effi begreifen konnte . » Ich verstehe dich nicht , Geert . « » Weil du die Trippelli nicht verstehst . Mich entzückt die Echtheit ; alles da , bis auf das Pünktchen überm i. « » Du nimmst also alles als eine Komödie . « » Aber als was sonst ? Alles berechnet für dort und für hier , für Kotschukoff und für Gieshübler . Gieshübler wird wohl eine Stiftung machen , vielleicht auch bloß ein Legat für die Trippelli . « Die musikalische Soiree bei Gieshübler hatte Mitte Dezember stattgefunden , gleich danach begannen die Vorbereitungen für Weihnachten , und Effi , die sonst schwer über diese Tage hingekommen wäre , segnete es , daß sie selber einen Hausstand hatte , dessen Ansprüche befriedigt werden mußten . Es galt nachsinnen , fragen , anschaffen , und das alles ließ trübe Gedanken nicht aufkommen . Am Tage vor Heiligabend trafen Geschenke von den Eltern aus Hohen-Cremmen ein , und mit in die Kiste waren allerhand Kleinigkeiten aus dem Kantorhause gepackt : wunderschöne Reinetten von einem Baum , den Effi und Jahnke vor mehreren Jahren gemeinschaftlich okuliert hatten , und dazu braune Puls- und Kniewärmer von Bertha und Hertha . Hulda schrieb nur wenige Zeilen , weil sie , wie sie sich entschuldigte , für X. noch eine Reisedecke zu stricken habe . » Was einfach nicht wahr ist « , sagte Effi . » Ich wette , X. existiert gar nicht . Daß sie nicht davon lassen kann , sich mit Anbetern zu umgeben , die nicht da sind ! « Und so kam Heiligabend heran . Innstetten selbst baute auf für seine junge Frau , der Baum brannte , und ein kleiner Engel schwebte oben in Lüften . Auch eine Krippe war da mit hübschen Transparenten und Inschriften , deren eine sich , in leiser Andeutung , auf ein dem Innstettenschen Hause für nächstes Jahr bevorstehendes Ereignis bezog . Effi las es und errötete . Dann ging sie auf Innstetten zu , um ihm zu danken , aber eh sie dies konnte , flog , nach altpommerschem Weihnachtsbrauch , ein Julklapp in den Hausflur : eine große Kiste , drin eine Welt von Dingen steckte . Zuletzt fand man die Hauptsache , ein zierliches , mit allerlei japanischen Bildchen überklebtes Morsellenkästchen , dessen eigentlichem Inhalt auch noch ein Zettelchen beigegeben war . Es hieß da : Drei Könige kamen zum Heiligenchrist , Mohrenkönig einer gewesen ist ; - Ein Mohrenapothekerlein Erscheinet heute mit Spezerein , Doch statt Weihrauch und Myrrhen , die nicht zur Stelle , Bringt er Pistazien- und Mandel-Morselle . Effi las es zwei- , dreimal und freute sich darüber . » Die Huldigungen eines guten Menschen haben doch etwas besonders Wohltuendes