noch sehr unbekannt war . « » Was hilft ' s ? Elend muß es immer geben - das läßt sich nicht abschaffen , ebensowenig wie der Krieg . « ... » Sehen Sie , Graf Althaus , mit diesen Worten kennzeichnen Sie den einstigen , jetzt schon sehr erschütterten Standpunkt , auf welchem sich die Vergangenheit allen sozialen Übeln gegenüber verhielt , nämlich den Standpunkt der Resignation , mit der man das Unvermeidliche , das Naturnotwendige betrachtet . Wenn aber einmal beim Anblick eines großen Elends die zweifelnde Frage Mußte es sein ? ins Herz gedrungen , so kann das Herz nicht mehr kalt bleiben , und es steigt neben dem Mitleid zugleich eine Art Reue auf - keine persönliche Reue , sondern - wie soll ich sagen ? - ein Vorwurf des Zeitgewissens . « Mein Vater zuckte die Achseln . » Das ist mir zu hoch , « sagte er . » Ich kann Sie nur versichern , daß nicht nur wir Großväter mit Stolz und Freude auf die durchgemachten Feldzüge zurückdenken , sondern daß auch die meisten von den Jungen und Jüngsten , wenn befragt , ob sie gern in den Krieg zögen , lebhaft antworten würden : Ja gern - sehr gern . « » Die Jüngsten - gewiß . Die haben noch den in der Schule eingepflanzten Enthusiasmus im Herzen . Und von den anderen antworteten viele dieses Gern , weil dasselbe nach allgemeinen Begriffen als männlich und tapfer erscheint , das aufrichtige Nicht gern aber gar zu leicht als Furcht gedeutet werden könnte . « » Ach , « sagte Lilli mit einem kleinen Schauder , » ich würde mich auch fürchten ... Das muß ja entsetzlich sein , wenn so von allen Seiten die Kugeln fliegen , wenn jeden Augenblick der Tod droht - « » So etwas klingt aus Ihrem Mädchenmunde ganz natürlich , « entgegnete Tilling , » aber wir müssen den Selbsterhaltungstrieb verleugnen ... Soldaten müssen auch das Mitleid , den Mitschmerz für den auf Freund und Feind hereinbrechenden Riesenjammer verleugnen , denn nächst der Furcht wird uns jede Sentimentalität , jede Rührseligkeit am meisten verübelt . « » Nur im Krieg , lieber Tilling , « sagte mein Vater , » nur im Krieg ; im Privatleben haben wir , Gott sei Dank , auch weiche Herzen . « » Ja , ich weiß : das ist so eine Art Verzauberung . Nach der Kriegserklärung heißt es plötzlich von allen Schrecknissen : Es gilt nicht . Kinder lassen manchmal diese Konvention in ihren Spielen walten . Wenn ich dies oder jenes thue , so gilt es nicht , hört man sie sagen . Und im Kriegsspiel herrschen auch solche unausgesprochene Übereinkommen ; Totschlag gilt nicht mehr als Totschlag ; Raub ist nicht Raub - sondern Requisition ; brennende Dörfer stellen keine Brandunglücke , sondern genommene Positionen vor . Von allen Satzungen des Gesetzbuches , des Katechismus , der Sittlichkeit heißt es da - solange die Partie dauert - Es gilt nicht . Wenn aber manchmal der Spieleifer nachläßt , wenn das verabredete Gilt nicht für einen Moment aus dem Bewußtsein schwindet , und man die umgebenden Scenen in ihrer Wirklichkeit erfaßt und dies abgrundtiefe Unglück , das Massenverbrechen als geltend begreift , da wollte man nur noch eins , um sich aus dem unerträglichen Weh dieser Einsicht zu retten : - tot sein . « » Eigentlich , es ist wahr , « bemerkte Tante Marie nachdenklich , » Sätze wie : Du sollst nicht töten - sollst nicht stehlen - liebe deinen Nächsten wie dich selbst - verzeihe deinen Feinden - « » Gilt nicht , « wiederholte Tilling . » Und diejenigen , deren Beruf es wäre , diese Sätze zu lehren , sind die ersten , welche unsere Waffen segnen und des Himmels Segen auf unsere Schlachtarbeit herabflehen . « » Und mit Recht , « sagte mein Vater . » Schon der Gott der Bibel war der Gott der Schlachten , der Herr der Heerschaaren ... Er ist es , der uns befiehlt , das Schwert zu führen , er ist es - « » Als dessen Willen die Menschen immer dasjenige dekretieren , « unterbrach Tilling , » was sie gethan sehen wollen - und dem sie zumuten , ewige Gesetze der Liebe erlassen zu haben , welche er , - wenn die Kinder das große Haßspiel aufführen - , durch göttliches Gilt nicht aufhebt . Genau so roh , genau so inkonsequent , genau so kindisch wie der Mensch , ist der jeweilig von ihm dargestellte Gott . Und jetzt , Gräfin , « fügte er hinzu , indem er aufstand , » verzeihen Sie mir , daß ich eine so unerquickliche Diskussion heraufbeschworen und lassen Sie mich Abschied nehmen . « Stürmische Empfindungen durchbebten mich . Alles , was er eben gesprochen , hatten mir den teuren Mann noch teurer gemacht ... Und jetzt sollte ich von ihm scheiden - vielleicht auf Nimmerwiedersehen ? So vor anderen Leuten ein kaltes Abschiedswort mit ihm wechseln und damit alles zu Ende sein lassen ? ... Es war nicht möglich : ich hätte , wenn die Thüre sich hinter ihm geschlossen , in Schluchzen ausbrechen müssen . Das durfte nicht sein . Ich stand auf : » Einen Augenblick , Baron Tilling , « sagte ich ... » ich muß Ihnen doch noch jene Photographie zeigen , von der wir neulich gesprochen . « Er schaute mich erstaunt an , denn es war zwischen uns niemals von einer Photographie die Rede gewesen . Dennoch folgte er mir in die andere Ecke des Salons , wo auf einem Tische verschiedene Albums lagen und - wo man sich außer Gehörweite der anderen befand . Ich schlug ein Album auf und Tilling beugte sich darüber . Indessen sprach ich halblaut und zitternd zu ihm : » So lasse ich Sie nicht fort ... Ich will , ich muß mit Ihnen reden . « » Wie Sie wünschen