! « Emma brachte zwei Flaschen Wein und schickte sich an , das Geschirr abzuräumen . Das Mädchen sah sehr kleinmüthig aus . Adam erhielt einige scheue , unbeholfene Blicke . Lydia schien ganz von ihrer Cigarette engagirt zu sein . Eine peinliche Stille lag im Zimmer . Emma hantirte unsicher , ihre Hände zitterten . Einige Male ließ sie sehr unsanft das Geschirr zusammenklappern . » Nun schmollt die Dame auch noch - « begann Frau Lange , als das Mädchen das Zimmer wieder verlassen hatte . » Wie haben Sie eigentlich das Rauchen gelernt , gnädige Frau ? « fragte Adam in der Absicht , dem Gespräche eine andere Wendung zu geben . » Wie ? Komische Frage , Doctor ! So viel ich mich erinnere , habe ich mich diesem abscheulichen Laster schon sehr früh ergeben . Das heißt - : geboren bin ich mit einer Cigarette im Munde gerade nicht ... aber später ... einige Jahre darauf ... in der schönen , schönen Backfischzeit - da rauchten wir Selektanerinnen eben alle ... Ueberhaupt , Doctor , Sie können sich keinen Begriff davon machen , wie ... gescheit so eine höhere Tochter schon ist ! ... Sie weiß ... sie weiß so Manches , das ... nun ! das ... ich will nicht sagen : das sie eigentlich noch nicht wissen sollte - - mein Gott ! warum so heucheln , so prüde thun , so vorurtheilsvoll sein ! ... aber ... sie weiß doch offengestanden so Manches , was man durchaus nicht erwarten sollte von einer solchen wohlerzogenen jungen Dame ... Wir hatten damals einen kleinen , interessanten Amazonenclub gestiftet - sous main ! lieber Doctor ! ... aber bitte ! - schenken Sie meinem Wein ein klein Wenig mehr Ihre Gunst - er ist doch nicht gerade schlecht - Prosit ! ... « Die beiden thaten einen tüchtigen Zug . Unerwartet war durch den offenen , burschikosen Ton , den Lydia angeschlagen , eine frischere , intimere Bewegung in die Unterhaltung geflossen . » Also Ihr Amazonenclub , gnädige Frau - ? « » Nein ! ... Von dem will ich doch lieber stille sein ... Wir haben tolle Geschichten gemacht - weiß Gott ! - aber bedienen wir uns nur wieder einmal des bekannten Schleiers der christlichen Liebe - « » Gnädige Frau ! ... « bat Adam sehr eindringlich . Das Thema interessirte ihn aufrichtig . Er hätte zu gern noch einige harmlose Einzelheiten aus sotanem Capitel erfahren . » Ih ! Wie werd ' ich denn , Herr Doctor ! Und warum Ihre Neugier ? Wir sind allzumal Sünder ! Also ... später - später verheirathete ich mich . Mein seliger Mann rauchte leidenschaftlich . Er konnte es nicht lassen , obwohl es ihm seiner defekten Lunge wegen der Arzt streng untersagt hatte . Mein Mann sah es gern , wenn Damen rauchten . Er hatte eine große , freie , starke Seele , die anders fühlte , als der Troß der beschränkten Krämer- und Lakaienseelen . Er sah nichts Beleidigendes , nichts Compromittirendes darin , wenn eine Dame ein Wenig selbständig im Denken und Handeln war ... ein wenig emancipirt , wie man zu sagen pflegt . Schade , daß er so früh gehen mußte ... Nun kommt er nie wieder zurück .... « Lydia hatte die letzten Worte mit leiser , stockender , zitternder Stimme gesprochen . Sie war sehr nachdenklich geworden , beinahe weich , vielleicht so etwas wie sentimental . Auf ihrem Gesicht stand ein Ausdruck ehrlicher Trauer , eines beinahe zärtlichen Schmerzes . Adam stutzte . Nun wurde er doch verwirrt . Das hatte er nicht erwartet . Er hatte sich so ganz daran gewöhnt , Frau Lange als ... nun ! ... eben gleichsam als jungfräuliche Wittwe zu betrachten ... losgelöst von allen Beziehungen , die ihm etwa peinlich , unbequem hätten sein , die ihm hemmend hätten werden können . Und jetzt bewies diese schöne , verführerische Frau plötzlich die innigste Theilnahme für ihren verstorbenen Gatten . War ihre Trauer echt , ihr Schmerz wahr ? Oder coquettirte sie nur ? Wollte sie ihn durch diesen schluchzenden Schmerz nur reizen ? Oder hatte sie ihren Mann wirklich ... geliebt ? Adam sog noch einmal an seiner Cigarette und legte den mürben , runzligen Rest dann weg . Lydia fuhr auf . Sie strich sich mit den kleinen , schmalen Fingern der linken Hand über Stirn und Augen , preßte die Hand einen Augenblick gegen die Brust und griff nach ihrem Glase . » Prost , Doctor ! Nun wollen wir wieder vernünftig sein ! Was kann das schlechte Leben helfen ! Es ist so dumm , ewig mit der Vergangenheit zu ... zu ... nun ... Ihnen kann ich ' s ja sagen - Sie werden es wohl auch selbst gemerkt haben - : ich habe nur coquettirt ! Wahrhaftig ! ich habe nur coquettirt ! Verlassen sie sich d ' rauf ! Ich wollte Sie ' n Bissel - was ? - Sie glauben mir nicht ? Sie unschuldsvoller Engel Sie ! Jawohl ! Glauben Sie ' s nur ! Ich bin eine ganz herzlose Coquette ! Ich bin ein sehr schlaues , listiges , berechnendes Weib ! ... Nun thun Sie mir aber den Gefallen - und sehen Sie nicht so - ich hätte beinahe gesagt : nicht so - dumm aus ! Pardon ! So Etwas ist Ihnen noch nicht vorgekommen ? Ja ! Ihr Männer ! Ihr glaubt immer , Ihr hättet die Originalität allein gepachtet ! So ' n armes , dummes Weib kann auch ' mal genial sein - warum denn nicht ? Ihr seid durch die Bank eben so eitel , wie wir ! Es ist ja alles ganz gleich : der eine ist ' n Trefle-Bube , der andere ' ne Carreau-Sieben - zu Kartenkunststücken müssen wir alle herhalten ... Lassen wir die Todten ihre Todten begraben ! Da haben sie wenigstens Etwas zu thun ! O