er nicht . Eigentlich war er innerlich froh , für Monate seiner Leidenschaft entzogen zu sein , und doch schien ihm ein geheimnißvolles Weh durch alle Poren zu strömen . Die Wolken droben wichen nicht , gewitterliches Dunkel brach herein . Und die Wolken im Herzen ballten sich zusammen in banger Schwere . Er sah nicht Wesen noch Dinge um sich her , nur einen leeren Raum , in dem seltsame Schatten huschten . Es durchrieselte ihn frostig , als ob der Mond über ihm auf öde Ginsterhaide strahle oder auf ein mattfarbiges Meer , wo er verschlagen in leckem Boot . Im Flüstern der Abendwinde vernahm er einen unsagbaren Ton , der wie ein ferner Harfenton entfloh - eine seltsame Variation über die Melodie : » Ich liebe Dich so tief , so tief , so tief ! Das stand im letzten Brief . « - - Sein erster Gedanke nach diesem Trennungsschmerz von Scheiden und Meiden galt der Erledigung seines verhaltenen Bedürfnisses ; sein zweiter , sobald er die Stadtbahn bestiegen , der nochmaligen Lectüre des Gedichtes . Es lautete , als wäre es schlecht memorirt : Erinnerung . Erinnerung , sie ist die Blume , Von Jeglichem wohl gern gehegt . In unsers Herzen Heiligthume Hat sie ein guter Gott gelegt . Oh ! pfleg sie warm Dein ganzes Leben Denn nur im Licht und Sonnenglanz Im Strahl der warmen Freundessonne Erblüht die Blume voll und ganz . Erinnerung blinkt am Lebenshimmel Wohl Allen lieb als lichter Stern , Sie bleibt bei uns , auch wenn wir einsam Von Allem was wir lieben fern . Weit über Ströme über Zeiten In Leid und Lust in Wort und Lied Schlägt sie die luftigen lichten Brücken , Drauf der Gedanke weiterzieht . » Sind Sie leidend , Herr Rother ? « fragte der würdige Herr Bammer , als Eduard dort sein spätes Abendbrot verzehrte . » Nicht ? Sehn so blaß aus . Gestern Abend war einer von Ihren Freunden hier , der Herr Luckner . Wir haben lange geplaudert . « » Was Sie sagen ! « versetzte Rother kühl . Er konnte sich denken , daß auch über Kathi alle Mordsgeschichten ausgepackt waren . Luckner , der talentvolle Maler griechischer Interieurs à la Alma Tadema , schien der letzte , den er als Mitwisser dieser Affaire gewünscht hätte . Er empfahl sich bald und begab sich in das Sumpf-Café , wo seine Freundin Mary ihn mit Begeisterung empfing . Eine Rose , die sie ihm geschenkt , hatte er aus absichtlicher Koketterie ins Knopfloch gesteckt . Obwohl sie theure Weingäste hatte , ließ die von Eros ' Pfeil Getroffene dieselben sitzen und schmiegte sich an den Verzehrer eines Glases Bier , der mittlerweile auch seine Uhr wieder eingelöst hatte . Als sie aber immer zudringlicher wurde , konnte er sich nicht verkneifen , aus einer halb braven halb frivolen Laune das Bild Kathis hervorzuziehn , was natürlich Marys komische , Eifersucht entflammte . » Meinem lieben Freunde , « las sie die Aufschrift . » Nun , wenn Du nur ihr Freund warst - ! « Er zuckte die Achseln . » Ach Du willst mich ja nur foltern ! « schluchzte sie beinah . Und indem sie ihn mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit umschlang , flüsterte sie die Lieblings-Liebesphrase ihres Kellnerinnenjargons : » Bit Du meine Nauze ? « Er ging mit ihr nach Hause . Als er am andern Morgen heimkehrte , warf er noch in grauender Dämmerung eine Zeichnung Kathis aus der Erinnerung aufs Papier - sie aufwärts blickend , während eine Geniengestalt ( mit ihm ähnlichen Zügen ) herniederschwebend einen Lorbeerkranz auf ihre Stirne drückt ; hinterher ein Gedicht , um seine wechselnden Empfindungen abzulagern . Einen Augenblick bedachte er sich , dann packte er Beides in ein Couvert und schrieb ein paar glühende Liebesworte dazu , die » Theure Khati « anhoben und » Ich konnte mein Blut für Dich opfern « endeten . Er sagte darin , daß all seine Kräfte sich verdoppeln würden , wenn sie sein wäre , daß nur sie ihn von seiner Liederlichkeit durch seine reine Liebe für sie befreien könne und daß sie allein ihn glücklich machen könne , wie er sie sicher glücklich machen werde . Der Brief athmete reinste zarteste Liebe und nahm kein Recht irgendwie voraus . » Nur um eins beschwöre ich Sie : Werfen Sie sich nicht fort ! Sie sind viel zu edel und vornehm angelegt , um sich einem Rausch der Leidenschaft hinzugeben ? « Es lag zwar eine gewisse Brutalität darin , ihr so unverhohlen mitzutheilen , daß er am Abend nach dem innigen Abschied von ihr , seiner wahren Liebe , einem so gewöhnlich sinnlichen Gelüst nachgegeben - aber doch auch eine rührende naive Aufrichtigkeit , die dem geliebten Wesen , der Freundin seiner Seele , auch nicht seine geheimsten Schwächen verbergen wollte . Das seltsame Gedicht lautete mit seiner Mischung von sentimentaler Hingebung und Selbstherrlichkeit , die an Größenwahn streifte : » Wie kalt Du heute bist ! « sprach sie mit heißem Munde , Der düftend stets an meinen Lippen hing . Ja innen blutete geheim die alte Wunde : Dein Bild durch meine Seele ging . Dich hab ich nicht geküßt , als ich die Hand Dir drückte Mein Lebewohl hat stumm Dich angeschaut . Doch ewig bleibst , wohin das Schicksal Dich entrückte , Du meiner Seele angetraut . Ja , eine Liebe giebt ' s , die einmal nur geboren , Wie eine Perle nur die Muschel giebt . Und ob ich hundertmal auch Liebe zugeschworen , Ich habe einmal nur geliebt . Ja , jeder neue Kuß , den wild ich mit ihr tauschte , Verschärfte einzig meiner Sehnsucht Pein . Bei ihrer Liebesgluth , die gestern mich berauschte , Durchfröstelt ' s kalt heut mein Gebein . O Leben , schlechter Spaß ! O wechselnd Rad der Liebe ! Sie fühlt für mich , was ich für Dich gefühlt . Was hab