weinend umarmte sie ihr Klärchen , dann das Heidi , dann wieder Klara . Vor Freude fand die Großmama gar keine Worte . Auf einmal fiel ihr Blick auf den Öhi , der bei der Bank stand und mit behaglichem Lächeln nach den dreien herüberschaute . Jetzt faßte die Großmama Klaras Arm in den ihrigen und wanderte mit ihr unter immerwährenden Ausrufungen des Entzückens , daß es ja wirklich so sei , daß sie umherwandern könne mit dem Kinde , der Bank zu . Hier ließ sie Klara los und ergriff den Alten bei beiden Händen . » Mein lieber Öhi ! Mein lieber Öhi ! Was haben wir Ihnen zu danken ! Es ist Ihr Werk ! Es ist Ihre Sorge und Pflege - « » Und unseres Herrgotts Sonnenschein und Almluft « , fiel der Öhi lächelnd ein . » Ja , und Schwänlis gute , schöne Milch gewiß auch ! « rief nun Klara ihrerseits ; » Großmama , du solltest nur wissen , wie ich die Geißenmilch trinken kann , und wie gut sie ist ! « » Ja , das kann ich an deinen Backen sehen , Klärchen « , sagte jetzt die Großmama lachend . » Nein , dich kennt man nicht mehr ; rund , breit bist du ja geworden , wie ich nie geahnt , daß du je werden könntest , und groß bist du , Klärchen ! Nein , ist es denn auch wahr ? Ich kann dich ja nicht genug ansehen ! Aber nun muß auf der Stelle telegraphiert werden an meinen Sohn in Paris , er muß sogleich kommen . Ich sag ' ihm nicht : warum ; das ist die größte Freude seines Lebens . Mein lieber Öhi , wie machen wir das ? Sie haben wohl die Männer schon entlassen ? « » Die sind fort « , antwortete er ; » aber wenn ' s der Frau Großmama pressiert , so läßt man den Geißenhüter herunterkommen , der hat Zeit . « Die Großmama bestand darauf , sofort ihrem Sohne eine Depesche zu schicken , denn dieses Glück sollte ihm keinen Tag vorenthalten bleiben . Nun ging der Öhi ein wenig auf die Seite , und hier tat er einen so durchdringenden Pfiff durch seine Finger , daß es hoch oben von den Felsen zurückpfiff , so weit weg hatte er das Echo geweckt . Es währte gar nicht lange , so kam der Peter heruntergerannt , er kannte den Pfiff wohl . Der Peter war kreideweiß , denn er dachte , der Alm-Öhi rufe ihn zum Gericht . Es wurde ihm aber nur ein Papier übergeben , das die Großmama unterdessen überschrieben hatte , und der Öhi erklärte ihm , er habe das Papier sofort ins Dörfli hinunterzutragen und auf dem Postamt abzugeben , die Bezahlung werde der Öhi später selbst in Ordnung bringen , denn so viele Dinge auf einmal konnte man dem Peter nicht übertragen . Dieser ging nun mit seinem Papier in der Hand , für diesmal wieder erleichtert , davon , denn der Öhi hatte ja nicht zum Gericht gepfiffen , es war kein Polizeidiener angekommen . - Endlich konnte man sich denn fest und ruhig zusammen um den Tisch vor der Hütte herumsetzen , und nun mußte der Großmama erzählt werden , wie von Anfang an alles sich zugetragen hatte . Wie zuerst der Großvater jeden Tag ein wenig das Stehen und dann ein Schrittchen mit Klara probiert hatte , wie dann die Reise auf die Weide gekommen war , und der Wind den Rollstuhl fortgejagt hatte . Wie Klara vor Begierde nach den Blumen den ersten Gang machen konnte , und so eins aus dem andern gekommen war . Aber es währte lange , bis diese Erzählung von den Kindern zu Ende gebracht wurde , denn zwischendurch mußte die Großmama immer wieder in Verwunderung und in Lob und Dank ausbrechen , und immer wieder rief sie aus : » Aber ist es denn auch möglich ! Ist es denn auch wirklich kein Traum ? Sind wir denn auch alle wach und sitzen wir hier vor der Almhütte , und das Mädchen vor mir mit dem runden , frischen Gesicht ist mein altes , bleiches , kraftloses Klärchen ? « Und Klara und Heidi hatten immer neue Freude , daß ihre schön ausgedachte Überraschung so gut gelungen war bei der Großmama und immer noch fortwirkte . Herr Sesemann hatte unterdessen seine Geschäfte in Paris beendet , und auch er hatte vor , eine Überraschung zu bereiten . Ohne ein Wort an seine Mutter zu schreiben , setzte er sich an einem der sonnigen Sommermorgen auf die Eisenbahn und fuhr in einem Zuge bis nach Basel , von wo er in aller Frühe des folgenden Tages gleich wieder aufbrach , denn es hatte ihn ein großes Verlangen ergriffen , einmal wieder sein Töchterchen zu sehen , von dem er nun den ganzen Sommer durch getrennt gewesen war . Im Bade Ragaz kam er einige Stunden nach der Abfahrt seiner Mutter an . Die Nachricht , daß sie eben heute die Reise nach der Alp unternommen habe , kam ihm gerade recht . Sofort setzte er sich in einen Wagen und fuhr nach Maienfeld hinüber . Als er da hörte , daß er auch noch bis zum Dörfli hinauffahren könne , tat er dies , denn er dachte , die Fußpartie den Berg hinauf werde ihm immer noch lang genug werden . Herr Sesemann hatte sich nicht getäuscht ; die unausgesetzte Steigung die Alp hinan kam ihm sehr lang und beschwerlich vor . Noch immer war keine Hütte in Sicht , und er wußte doch , daß auf dem halben Wege er auf die Wohnung des Geißenpeter stoßen sollte , denn oftmals hatte er die Beschreibung dieses Weges vernommen . Es waren überall Spuren von Fußgängern zu sehen , manchmal gingen die schmalen Wege nach allen Richtungen hin . Herr Sesemann wurde unsicher , ob er auch auf dem richtigen Pfade sei