Noch zum Abendtisch kam Heidi mit den rot-verweinten Augen , und als es sein Brötchen erblickte , mußte es gleich noch einmal aufschluchzen . Aber es bezwang sich jetzt mit Gewalt , denn es verstand , daß es sich am Tisch ruhig verhalten mußte . Sebastian machte heute jedesmal die merkwürdigsten Gebärden , wenn er in Heidis Nähe kam ; er deutete bald auf seinen , bald auf Heidis Kopf , dann nickte er wieder und kniff die Augen zu , so als wollte er sagen : » Nur getrost ! Ich hab ' s schon gemerkt und besorgt . « Als Heidi später in sein Zimmer kam und in sein Bett steigen wollte , lag sein zerdrücktes Strohhütchen unter der Decke versteckt . Mit Entzücken zog es den alten Hut hervor , zerdrückte ihn vor lauter Freude noch ein wenig mehr und versteckte ihn dann , in ein Taschentüchlein eingewickelt , in die allerhinterste Ecke seines Schrankes . Das Hütchen hatte der Sebastian unter die Decke gesteckt ; er war zu gleicher Zeit mit Tinette im Eßzimmer gewesen , als diese gerufen wurde , und hatte Heidis Jammerruf vernommen . Dann war er Tinette nachgegangen , und als sie aus Heidis Zimmer heraustrat mit ihrer Brotlast und dem Hütchen oben darauf , hatte er schnell dieses weggenommen und ihr zugerufen : » Das will ich schon forttun . « Darauf hatte er es in aller Freude für Heidi gerettet , was er ihm beim Abendessen zur Erheiterung andeuten wollte . Der Hausherr hört allerlei in seinem Hause , das er noch nicht gehört hat Einige Tage nach diesen Ereignissen war im Hause Sesemann große Lebendigkeit und ein eifriges Treppauf- und Treppabrennen , denn eben war der Hausherr von seiner Reise zurückgekehrt und aus dem bepackten Wagen wurde von Sebastian und Tinette eine Last nach der anderen hinaufgetragen , denn Herr Sesemann brachte immer eine Menge schöner Sachen mit nachhause . Er selbst war vor allem in das Zimmer seiner Tochter eingetreten , um sie zu begrüßen . Heidi saß bei ihr , denn es war die Zeit des späten Nachmittags , da die beiden immer zusammen waren . Klara begrüßte ihren Vater mit großer Zärtlichkeit , denn sie liebte ihn sehr , und der gute Papa grüßte sein Klärchen nicht weniger liebevoll . Dann streckte er seine Hand dem Heidi entgegen , das sich leise in eine Ecke zurückgezogen hatte , und sagte freundlich : » Und das ist unsre kleine Schweizerin ; komm her , gib mir mal eine Hand ! So ist ' s recht ! Nun sag mir mal , seid ihr auch gute Freunde zusammen , Klara und du ? Nicht zanken und böse werden , und dann weinen und dann versöhnen , und dann wieder von vorn anfangen , nun ? « » Nein , Klara ist immer gut mit mir « , entgegnete Heidi . » Und Heidi hat auch noch gar nie versucht , zu zanken , Papa « , warf Klara schnell ein . » So ist ' s gut , das hör ' ich gern « , sagte der Papa , indem er aufstand . » Nun mußt du aber erlauben , Klärchen , daß ich etwas genieße ; heute habe ich noch nichts bekommen . Nachher komm ' ich wieder zu dir und du sollst sehen , was ich mitgebracht habe ! « Herr Sesemann trat ins Eßzimmer ein , wo Fräulein Rottenmeier den Tisch überschaute , der für sein Mittagsmahl gerüstet war . Nachdem Herr Sesemann sich niedergelassen und die Dame ihm gegenüber Platz genommen hatte und aussah wie ein lebendiges Mißgeschick , wandte sich der Hausherr zu ihr : » Aber Fräulein Rottenmeier , was muß ich denken ? Sie haben zu meinem Empfang ein wahrhaft erschreckendes Gesicht aufgesetzt . Wo fehlt es denn ? Klärchen ist ganz munter . « » Herr Sesemann « , begann die Dame mit gewichtigem Ernst , » Klara ist mit betroffen , wir sind fürchterlich getäuscht worden . « » Wie so ? « fragte Herr Sesemann und trank in aller Ruhe einen Schluck Wein . » Wir hatten ja beschlossen , wie Sie wissen , Herr Sesemann , eine Gespielin für Klara ins Haus zu nehmen , und da ich ja weiß , wie sehr Sie darauf halten , daß nur Gutes und Edles Ihre Tochter umgebe , hatte ich meinen Sinn auf ein junges Schweizermädchen gerichtet , indem ich hoffte , eines jener Wesen bei uns eintreten zu sehen , von denen ich schon so oft gelesen , welche , der reinen Bergluft entsprossen , so zu sagen , ohne die Erde zu berühren , durch das Leben gehen . « » Ich glaube zwar « , bemerkte hier Herr Sesemann , » daß auch die Schweizerkinder den Erdboden berühren , wenn sie vorwärts kommen wollen ; sonst wären ihnen wohl Flügel gewachsen statt der Füße . « » Ach , Herr Sesemann , Sie verstehen mich wohl « , fuhr das Fräulein fort ; » ich meinte eine jener so bekannten , in den hohen , reinen Bergregionen lebenden Gestalten , die nur wie ein idealer Hauch an uns vorüberziehen . « » Was sollte aber meine Klara mit einem idealen Hauch anfangen , Fräulein Rottenmeier ? « » Nein , Herr Sesemann , ich scherze nicht , die Sache ist mir ernster , als Sie denken ; ich bin schrecklich , wirklich ganz schrecklich getäuscht worden . « » Aber worin liegt denn das Schreckliche ? So gar erschrecklich sieht mir das Kind nicht aus « , bemerkte ruhig Herr Sesemann . » Sie sollten nur eines wissen , Herr Sesemann , nur das eine , mit was für Menschen und Tieren dieses Wesen Ihr Haus in Ihrer Abwesenheit bevölkert hat ; davon könnte der Herr Kandidat erzählen . « » Mit Tieren ? Wie muß ich das verstehen , Fräulein Rottenmeier ? « » Es ist eben nicht zu verstehen ; die ganze Aufführung dieses