» Die hat ein edler Mann geschrieben , der mit uns in Wien war . Ich habe das Büchlein auf dem Durchmarsch in Mähren von einem braven Mann bekommen , der Mitleid mit mir hatte . Ein größeres Geschenk hätte er mir nicht machen können ! Ich trage das Büchlein beständig bei mir , obwohl das ein großes Wagnis ist . Weh ' mir , wenn man dahinter kommt ! « » Warum ? « » Warum ? « lächelte der Soldat . » Weil der Mann , der es gedichtet hat , auch zu jenen gehört , welche keck mit dem Kaiser waren . Er ist auch nur durch einen Zufall demselben Schicksal entronnen , das mich getroffen hat , dem selben oder einem ähnlichen . Und merke dir ' s : der Mann ist auch ein Jude ! « » Ah ! - wie heißt er ? « » Moritz Hartmann . « » Auch aus Polen ? « » Nein , aus Böhmen . Auch über deine Glaubensgenossen steht manches gute Wort in dem Büchlein , und du sollst es verstehen lernen ! « » Gut ! « nickte Sender . » Aber auf andere Sachen freue ich mich mehr . Denn auf Juden , wissen Sie , verstehe ich mich auch jetzt schon ganz gut ! Also übermorgen , Montag - nach dem Essen komm ' ich her ! « » Ich werde pünktlich sein ! « versprach der Soldat . Sie schieden und gingen auf verschiedenen Pfaden dem Städtchen zu ... Achtes Kapitel So ward Senders Wunsch erfüllt , wenn auch in recht sonderbarer Weise : der einstige Wiener Legionär Heinrich Wild wurde sein Lehrer und Moritz Hartmanns » Reimchronik des Pfaffen Mauritius « sein Fibelbuch . Von solchem Lehrer und aus solcher Fibel lernt sich mehr , als das bloße Lesen . Es ging in den nächsten Monaten etwas wirr zu im Kopfe des Pojaz . Wenn die Morgensonne aufsteigt , muß sie einen harten Strauß kämpfen mit den Schatten der Nacht , den Dünsten der Dämmerung . Heinrich Wild hatte da ein schweres Stück Arbeit übernommen . Aber er vollführte es gern , nach bester Kraft und mit wachsendem Eifer . Es war nicht leicht zu entscheiden , ob sich Lehrer oder Schüler mehr nach diesen Stunden im einsamen Gemäuer sehnten . Sie mußten auf getrennten Wegen emporschleichen und es hatten beide oft rechte Mühe , sich unbemerkt davonzustehlen . Aber sie kamen dennoch pünktlich , weil sie einander lieb hatten , weil sie einander boten , was jeder bedurfte : der Schüler dem Lehrer ein empfängliches , teilnehmendes Herz , der Soldat dem armen Judenjungen den Einblick in die fremde Welt , nach der er sich sehnte , das Mittel zu jenem Ziel , das ihm der Leitstern seiner Tage war und der Traum seiner Nächte ... » Theater ! « - In der Reimchronik stand wahrlich nichts darüber . Diese Reime , in denen ein freiheitsdürstendes Herz wettert und stöhnt , segnet und flucht , spottet und weint , hofft und verzweifelt , diese holprigen , ungefügen und doch so ergreifenden Reime schilderten wohl auch eine Tragikomödie , aber eine wirkliche und wahrhaftige , welche die Menschen selbst kurz vorher erlitten und erlebt . Das zuckende Leben der Gegenwart lag darin mit allen , allen seinen Strebungen . Darum konnte Sender ohne den Lehrer auch nicht eine Zeile davon verstehen , und der Exlegionär mußte viel erklären , besonders da Sender , nach Art seiner Genossen , unablässig neue Fragen tat . Aber mochten sie von welchem Thema immer sprechen , von Goethe oder Frankfurter Würsten , von Windischgrätz oder der Nordsee , schließlich fand Sender doch den Übergang zu dem Brennpunkt seiner Gedanken . Da lasen sie einmal in der Chronik das schöne Gedicht : » Der arme Jude . « Ein gebückter Hebräer schleicht zu Kossuth ins Zelt und bringt dem Diktator das Letzte , was er besitzt : » Was mir geblieben an Geld und Gut Und was ich gerettet : mein Leben und Blut , Ich bring ' s fürs Vaterland heran , Das ich in Ungarn neu gewann ! « Sender hatte seine Freude daran . » Da sieht man « , sagte er stolz , » daß wir Juden auch dankbar sind , wenn man uns gut behandelt . « Wild bestärkte ihn in diesem Stolze und wies darauf hin , wie die Reaktion auch die Juden wieder in ihren Rechten gekürzt habe . » Das ist wahr « , meinte Sender . » Aber « , setzte er zögernd hinzu , » gar so schlecht ist es doch nicht und ich könnte mich nicht beklagen - « » Wie ? « rief der Andere erstaunt . » Nun , Komödiant , darf der Jud ' doch auch werden . « Ein andermal lasen sie die ergreifende Klage : » Umsonst lag Deutschland in Gebeten Vor ' m Gott der Freiheit auf den Knien - - Mein armes Wien , du bist zertreten , Zertreten und gebrochen ganz , Wie Saragossa und Numanz , Und wie die Heimat der Karthager . « Und zu dem ergreifenden Texte wußte der arme Student aus der eigenen Erinnerung blutige , erschütternde Bilder zu malen . Der Jüngling hörte mit glühenden Wagen zu , und seine Fäuste ballten sich . Dann versank er in tiefes Brüten . » Das wär ' schön « , murmelte er , » alle Leute möchten weinen ... « » Was meinst du ? « » Nämlich , wenn man das auf dem Theater nachmachen würde . Ich möchte dann ein Student sein , oder auch der alte Arbeiter , von dem Sie erzählt haben . « » Und das ist alles , was du dabei fühlst ? ! « rief Wild entrüstet . » So viel Blut , so viel Tränen , und du denkst nur , wie man es nachäffen könnte ? ! « Sender fuhr zusammen und blickte ihn erschreckt an