greift sie zu sehr an « . Wie auf eine schweigende Verabredung versammelten sich die Hausgenossen gegen zehn Uhr im Zimmer , das an Frau Nannettens Schlafgemach stieß . Die Lampe stand auf dem Tische , auf dem Kanapee saß Regel , häkelte an etwas sehr Feinem und Kunstvollem und mußte immerfort Maschen zählen . Zu ihrer Rechten hatte der Doktor Platz genommen , beide Arme auf die Lehnen seines Fauteuils gestützt , und betrachtete mit wohlgefälliger Aufmerksamkeit seine wie zur allgemeinen Bewunderung ausgelegten dicken und reich beringten Finger . Der Geistliche , der der Kranken vor acht Tagen auf ihren ausdrücklichen Wunsch die Sterbesakramente gereicht hatte , Mansuet , der gekrümmt wie ein Sprenkel auf einem kleinen Ecksofa saß , und Schimmelreiter , der bereits ein wenig schnarchte , hielten sich im Hintergrunde des Zimmers . Um Mitternacht hörte man Nannette laut und eifrig sprechen , der Arzt und der Priester begaben sich zu ihr , kamen aber sogleich wieder zurück , weil die Kranke , die bei vollem Bewußtsein war , allein mit Bozena zu bleiben wünschte . Mansuet stellte leise dem Doktor eine Frage , auf welche dieser , für alle vernehmlich , antwortete : » Vermutlich bis zum Morgen . « Er setzte sich wieder in seinen Fauteuil und nickte ein . Die andern , selbst der Geistliche , ein noch sehr junger Mann , der bis jetzt wacker mit dem Schlafe gekämpft hatte , folgten seinem Beispiele . Es schlug ein Uhr , die Lampe begann düsterer zu brennen , im Nebenzimmer war es still geworden . Regula lehnte sich zurück , sie kreuzte die Arme , sie schloß die Augen . Kalte Schauer liefen ihr über den Rücken . Ich sollte zu meiner Mutter , dachte sie , ich sollte ... Aber sterben sehen ist fürchterlich , sie hat es schon einmal erfahren . Und sie zögert und verfällt endlich in einen unruhigen Schlummer , aus dem sie plötzlich auffährt . Ihr gegenüber steht Bozena , totenbleich . » Meine Mutter stirbt ! « spricht das Fräulein . » Sie ist tot « , antwortet die Magd mit leiser Stimme ; » kommen Sie . « Sie faßt die Zitternde , Schwankende , und von ihr geleitet begibt sich Regula an das Totenbett ihrer Mutter . Von den Schläfern war keiner erwacht . Weder der Arzt noch der Priester wollten es Wort haben , daß sie im entscheidenden Momente nicht auf ihrem Posten gewesen , und widersprachen denen nicht , die zu erzählen wußten , Nannette sei nach herzzerreißendem Abschied in den Armen ihrer Tochter gestorben . 12 Nun waren sie allein , die altgeborene Regel , die unverwüstlich junge Bozena und das immer fröhliche Röschen ; wohl selten würfelt » seine Majestät der Zufall « größere Kontraste zusammen . Beschirmend waltete der Geist Mansuets über dem seltsamen Kleeblatte . Der Alte war dem Fräulein Heißenstein freundlicher gesinnt seit dem Heimgange Nannettens ; weil sie nicht mehr unter dem schädlichen Einfluß ihrer Mutter stände , meinte er ; in der Tat aber nur deshalb , weil er sich jetzt als Regels Beschützer fühlte . Trotz all ihres Ernstes , all ihrer Weisheit bedurfte sie seines Rates , holte ihn gern ein und befolgte ihn sogar . » Sie hat Heißensteinsches Blut in den Adern , das muß sich nolens volens dokumentieren ! « versicherte Mansuet eines Tages Bozena und dem Sekretär . » Warten Sie nur , geben Sie nur acht : nächstens tut sie etwas für das Kind . « Aber Schimmelreiter schüttelte zweifelnd den Kopf , er sprach : » Sie ist nicht verpflichtet , etwas für das Kind zu tun , also wird sie auch nichts tun . Wie lautet Ihre werte Meinung ? « wandte er sich galant an Bozena . Diese antwortete in der bedachtsamen Weise , die sie seit ihrer Rückkehr angenommen hatte : » Ich hoffe auf ihre Großmut ! « » Prosit ! « sagte Schimmelreiter , dem es infolge eifrigen Bestrebens gelungen war , sich einige von Mansuets Redewendungen anzueignen . » Leichter pressen Sie Himbeersaft aus einer Zitrone als eine großmütige Regung aus dieser Seele . « Bozena schwieg und ließ sich auf keine weitere Erörterung ein . » Sie widerspricht mir nicht gern « , erklärte später der Sekretär Schimmelreiter mit Selbstgefühl . Sie widerspricht überhaupt keinem Menschen mehr , dachte Mansuet . Mißtraut sie uns ? oder ist ihr alles so gleichgültig geworden , daß sie nicht einmal ein Wort dafür einsetzen mag ? Was geht in ihr vor ? ... Gott mag es wissen ! Nach dem Tode der Frau Heißenstein hatte Graf Ronald ihrer Tochter einen teilnahmsvollen Brief geschrieben , aber gekommen war er nicht . All die Arbeit , die er sich aufgebürdet , dürfte ihn abgehalten haben , meinte Regel ; muß er doch die Geschäfte der Beamten versehen , die man in Rondsperg entlassen hatte , weil man sie nicht mehr besolden konnte . Er war jetzt Direktor , Rentmeister , Förster und Wirtschafter in einer Person . Mit eisernem Fleiße mühte er sich ab , um die Armut fernzuhalten von seinem väterlichen Dache . Der alte Graf wollte nicht wissen , wie es um seine Verhältnisse stand . Vermochte Ronald es einmal nicht zu verhindern , daß ein ungeduldiger Gläubiger sich an den Greis drängte , dann wies ihn dieser an seinen Sohn , der die Leitung der Geschäfte allein übernommen habe . Den aber fragte er mit einer gewissen Schadenfreude , wann endlich die Segnungen des von ihm eingeführten neuen Regimes eintreten würden . Daß sein Wohlstand für immer entschwunden sei , daran vermochte er ebensowenig zu glauben als an den Bestand der neuen Staatsordnung . Rondsperg war ja ein Juwel , Rondsperg besaß ja unerschöpfliche Hilfsquellen . Sein Besitzer konnte durch die Ungunst der Zeiten in augenblickliche Verlegenheiten geraten , aber nicht in dauernde . Wäre Ronald auch imstande gewesen , seinem Vater diesen beglückenden Wahn zu rauben , er hätte es nicht getan