Portionen Essen mehr aus dem Hotel mitgebracht . « Mein Vater dankte ihr und öffnete uns sein sehr elegantes Wohnzimmer . Soll ich erzählen , wie sich nun sofort das Wunder des erwachenden weiblichen Instinkts an dem wilden und verwilderten Kinde vollzog ? Jenes Wunder , das urplötzlich tausend zarte Fühlfäden aus der Mädchenseele springen läßt , sobald zärtliche Pflichten an sie herantreten ! ... Meine oft so » greulich ungeschickt « gescholtenen Hände schälten Kartoffeln und legten sie , wenn auch noch scheu und zaghaft , bei Tische auf den Teller des Vaters ; ich sprang auf und zog die Jalousie vor das Fenster , als ein Sonnenstrahl um die Ecke kam und belästigend über seine Stirne glitt , und als er nach einer Stunde wieder in seine geliebte Bibliothek ging , da rief ich ihm nach , er möge nicht vergessen , daß er um fünf Uhr zum Herzog gehen müsse , und fragte an , ob ich vielleicht hinaufkommen und ihn erinnern dürfe . Er wandte sich strahlenden Auges an der Thür um . » Ich danke Ihnen , Ilse , « rief er herüber . » Sie haben mir mit meinem Kinde die glückliche Zeit wiedergebracht , wo ich meine kleine Frau um mich hatte ! ... Lorchen , punkt fünf Uhr kommst du hinauf ! Ich bin manchmal ein klein wenig zerstreut , und es ist fatalerweise schon öfter vorgekommen , daß ich die Einladung rein vergessen habe . « Er ging hinaus . » Die Sache macht sich , « sagte Ilse sehr zufrieden und streifte die Aermel ihrer Jacke über die Ellbogen . 11 Neben den Wohnräumen meines Vaters lag das Zimmer , welches Fräulein Fliedner mir vorläufig angewiesen , und an dieses stieß ein Schlafkabinett ; es bildete die südwestliche Ecke des Hauses und hatte zwei Fenster , an denen schwere , wenn auch etwas verblichene , gelbe Damastgardinen hingen . Es enthielt ein Bett mit gelbseidener Steppdecke und schwellenden , eben in frischduftendes Leinen gesteckten Polstern , einen eleganten , gelb drapierten Toilettentisch , und an der tiefen Wand stand ein schmaler , auf Schnörkelfüßen ruhender und mit farbigen Hölzern ausgelegter Schrank . » Das Bett ist unnütz , « sagte Ilse , indem sie mit kraftvollen Armen unser in Sackleinen genähtes riesiges Frachtstück über die Schwelle zog . » Betten haben wir selber , und was für welche ! « Sie räumte die feinen Polster aus der Bettstelle , wobei sie mit verächtlicher Miene die leichten Dunen auf ihren Händen wog . » Aber ist das nicht ein Ungeschick ! « rief sie plötzlich und übersah mit in die Seite gestemmten Armen das kleine Zimmer . » So wie das Bett steht , liegst du zur Hälfte unter dem zugigen Fenster , und da an der schönen , geschützten Wand steht der einfältige Schrank . He , faß ein wenig an , Kind - der muß fort ! « Wir schoben den Schrank auf die Seite . Ilse schlug die Hände über dem Kopf zusammen . » Daß Gott erbarm , Seide an den Fenstern , und hinter den Schränken fingerdicke Spinnweben und ein Staub , daß man nicht durchsehen kann - das ist mir die rechte Wirtschaft ! « Ich mußte an die Kisten denken , die vierzig Jahre vergessen drunten im Dunkel gestanden hatten ; so lange war wohl auch das nach allen Seiten hinflüchtende Spinnengeschlecht hinter dem Schranke nicht gestört worden . Außer den altersschwarzen Staubzotteln und den langbeinigen Ungeheuern kam aber auch noch eine kleine , kaum wahrnehmbare Tapetenthür zum Vorschein . Ilse öffnete sie ohne weiteres ; in einem sehr engen Raum lief eine kaum zwei Fuß breite , steile Treppe in das obere Stockwerk empor . » Hat also seine Gründe , daß der Schrank dasteht , « sagte Ilse , indem sie die Thür wieder schloß . » Er muß wieder an seinen Ort ! « Sie ging hinaus , um irgendwo Besen und Kehrichtschaufel zu suchen . Leise öffnete ich die kleine Thür wieder ... Wer wohnte da oben ? Vielleicht die schöne Charlotte ? ... Es war durchaus nicht mein Wille , neugierig zu sein oder wohl gar zu lauschen , ei behüte - das konnte ja Ilse » für den Tod nicht leiden « . Aber ehe ich mich dessen selbst versah , standen meine eigenmächtigen Füße auf der untersten Stufe ; ich reckte den Kopf nach Kräften aufwärts , trat auf die äußersten Zehenspitzen und sah und horchte gespannt in das Dunkel hinein , das den engen Raum füllte . Kein Laut drang von oben her ... Ach , wie es mir in den Füßen zuckte , weiter zu schlüpfen ! Ilse würde sich schön gewundert haben - ich war wirklich wißbegierig wie eine Elster ... Dunkel war ' s freilich um mich her und vor Gespenstern fürchtete ich mich auch : aber hinter mir drang ja das fröhliche Tageslicht herein , und in der unumstößlichen Gewißheit , daß Charlotte über mir wohne , stieg ich Stufe um Stufe hinauf - in die Nähe der kraftvollen , lustigen jungen Dame traute sich gewiß kein Gespenst ... Plötzlich rauschte rechts , in gleicher Höhe mit meinen Augen , ein matter Lichtstreifen auf , eine Spalte zwischen der Schwelle und einer Thür , die mit der drunten entdeckten korrespondierte ... Vielleicht saß Charlotte drinnen am Fenster , und ich konnte unbemerkt einen Blick auf das schöne Gesicht , auf den prachtvoll verschlungenen Haarknoten am Hinterkopf werfen . Lautlos , wie ich meinte , öffnete ich die Thür - o weh , es entstand ein abscheulicher Spektakel , ein starkes Knistern und Rieseln , und die Unglücksthür knarrte , als sei sie seit Jahrzehnten nicht eingeölt worden ! Meine Hand fuhr vom Drücker nieder , und im jähen Zusammenfahren wäre ich um ein Haar in die Treppe hineingefallen . Die Thür fiel langsam in das Zimmer zurück - es war niemand drin - ein schwarzseidener Frauenmantel hatte zum Teil über der Thürfuge