denn die junge Prinzessin war so arm wie er selbst . Die Kraft , welche so vielen Gefahren und Anstrengungen widerstanden hatte , brach bei diesem unberechneten Schlage zusammen . Ihre Kammerfrau fand die Gräfin bewußtlos am Boden liegend , den verhängnisvollen Brief in der Hand . Ein Hüftbruch , den sie sich bei diesem Falle zugezogen hatte , machte sie für den Rest des Lebens zum Krüppel . Dennoch , nach langer , qualvoller Niederlage , war ihr erster , klarer Gedanke wieder an den ungetreuen Mann . Ja alle ihre Hoffnungen lebten kaum nach Jahresfrist wieder auf bei der fast gleichzeitigen Kunde von seiner Vaterschaft und Verwitwung . Nun mußte er ja kommen , seinem mutterlosen Sohne eine Heimat und eine Erbstätte bei ihr aufzusuchen . Es war die letzte Hoffnung , die ihr der Geliebte täuschen sollte . Der nächste Brief brachte die Botschaft seines abermaligen Entfliehens , der übernächste die seines Todes . Unter den Fahnen Katharinas , seiner Gönnerin , war er in dem Krimfeldzuge von Einundsiebenzig geblieben . Die Gräfin legte Trauerkleider an und niemals wieder ab . Sie war und blieb die Witwe eines Fürsten . Sie schaffte , darbte und sammelte nach wie vor . Von der Flamme , die ihr Leben durchleuchtet hatte , war noch ein Abglanz zurückgeblieben ; sie schaffte , darbte und sammelte für ein armes , ungekanntes , für ein verlassenes Menschenkind . Was sagt Ihr jetzt , meine Freunde , zu der gespenstischen Alten auf Reckenburg ? Viertes Kapitel Der Erbprinz Von dieser langen Liebes- und Leidensgeschichte wußte ich natürlich kein Sterbenswort , als ich mich stolz und wohlgemut in die goldene Karosse schwang , um vor das Angesicht der hohen Repräsentantin meiner Familie , der Witwe eines durchlauchtigen Herrn , geführt zu werden . Vor mir auf hohem Throne ragte Muhme Justines Flügelhaube neben der Allongenperücke des uralten Rosselenkers . Der riesige Heiduck klammerte sich an die ellenlangen Goldquasten über dem Trittbrett hinter mir , und dahin rollte das stolze Gefährt auf der einsamen Straße von Reckenburg . Sie führte in gleichmäßiger Ebene durch dichten Nadelwald , dann und wann das Stromufer berührend . Ich war in einem Frucht- und Laubholztale aufgewachsen , zwischen dessen felsigen Abfällen ein kleiner Fluß sich anmutig wand , und die weniger romantische Region , in welcher ich mich seit zwei Tagen bewegte , hatte mich weidlich gelangweilt . Jetzt aber , in der goldenen Kutsche , heimelte sie mich an wie die interessanteste auf dem Erdenrund ; der ruhige , breite Wasserspiegel imponierte mir , und ich schlürfte mit Behagen den würzigen Tannenduft , den ich bisher durchaus nicht gespürt hatte . Es war ja Reckenburgscher Stammgrund , dem das Arom entströmte ! Nach einer Stunde etwa näherten wir uns der Lichtung , die für den neuen Herrensitz geschlagen worden war . Die Hütten des Dorfes blieben zum Glück vom Walde verhüllt , denn ihre Armseligkeit würde mein stolzes Wohlgefühl um einige Grade abgekühlt haben . Es temperierte sich bereits , als wir , nahe dem Eingangsgitter , auf eine Gruppe zerlumpter , verkümmerter Gestalten stießen , die zu mir gleich einem Meerwunder in die Höhe starrten . Ich hielt sie für Bettler , die ich von jeher als Faulenzer verachtet und mit Widerwillen gemieden hatte . Muhme Justine belehrte mich indessen anderen Tags , daß es die Bauern und Fröner des Dorfes gewesen seien , welche das seit einem Menschenalter nicht mehr geschaute » Böse Ding « der goldenen Kutsche herbeigelockt hatte . Der Riese sprang vom Trittbrett , das wappenprangende Tor zu öffnen und alsobald wieder zu verschließen . Vor meinen Augen dehnte sich die breite Avenue inmitten des sauber gehegten , reichgefüllten Gartens . Im Hintergrunde ragte das Schloß , dessen rötliche Bekleidung die untergehende Sonne mit einem Goldschimmer übergoß . Die weißen Marmorsimse , die hohen Spiegelfenster , die mit Statuen und Vasen gezierte Terrasse , auf deren Rampe wir anhielten , die Säulen des großen Portals , alles das verfehlte seine Wirkung nicht . Ich begriff während dieser Auffahrt die Gleichgültigkeit der Eignerin dieses fürstlichen Besitztums gegen ihre bescheidene Sippe in der Baderei . Aus welchem Begreifen indessen nicht gefolgert werden soll , daß ich etwa gedrückt oder eingeschüchtert meiner vom Glücke reichlicher gesegneten Verwandtin entgegenging . Auch ich war eine Reckenburg , und niemals , denn als geladener Gast , würde ich diese stolze Schwelle betreten haben . Von meinem Heiducken geleitet , bestieg ich die breite Marmortreppe . Jede Tür , die ich passierte , wurde sorgfältig wie hinter einer Gefangenen verriegelt . Ich trat in das lange Vestibül , auf welches die Zimmerflucht mündete . Die goldgerahmten Trumeaus zwischen den Fensternischen , die mythologischen Reliefs und Fresken an der gegenüberliegenden Wand - Ihr geht mit einem gnädigen Lächeln an diesen Kunstgebilden vorüber , hochweise Zöglinge eines anderen Geschmacks , die Einfalt von damals aber , glaubt nur , daß sie Augen machte ! Am Ende des Ganges stand , wachehaltend , der Heiduck du jour , meinem bisherigen Begleitsmann ähnlich wie ein Zwillingsbruder . Schweigend wie jener - alles schwieg , alles war grabesstill in dem Zauberpalast - öffnete er die letzte Tür . Ich betrat ein Vorzimmer , das den einzigen Eingang zu dem vielberufenen Turmbau bildete ( der » östlichen Rotonde « , wie es damals hieß ) . Zur Rechten des Vorzimmers lag der Speisesaal . Diese drei Piecen , » das Appartement Ihrer Hochgräflichen Gnaden « , waren die einzigen , welche jemals in dem weitläufigen Frontbau bewohnt worden waren . Sämtliche Wirtschaftsräume befanden sich im westlichen Flügel . Der Leibwächter hatte mit dem goldenen Knopf seines Stockes dreimal laut an die Turmtür geklopft und sich auf seinen Posten zurückgezogen . Ich war allein und nicht ängstlich , nur neugierig , was weiter über mich verfügt werden würde . Ich legte ab , setzte mich in die tiefe Fensternische und schaute über den Garten hinweg in die düsteren Föhrenwipfel , zwischen welchen das Abendrot verglomm . Inmitten