stillen Augen wie der gellendste Schrei sein . Was soll ich ihr sagen ; sie sieht mit ihren Zauberaugen ja doch tief in den Grund aller Dinge ! Ich fürchte mich vor ihr - vor ihr ! Ist es nicht das allerschlimmste , sich vor der Liebe eines Menschen , vor einer solchen Liebe fürchten zu müssen ? ... Was habe ich gestern unter den Garben und Erntekränzen getan ? Rate ! ... Auf dem Bauche - o Himmel , kann ein Hoffräulein sich natürlicher und abscheulicher ausdrücken , und was würde meine Prinzeß dazu sagen ? - habe ich gelegen im Kreise der Schnitter und Schnitterinnen , und Richard den Dritten habe ich gelesen und bin gewillt , ein Bösewicht zu werden Und feind den eitlen Freuden dieser Tage . Was habe ich heute getan , Emma ? Mein Herz habe ich begraben und die Welt angenommen , wie sie ist : ich habe das Buch meiner Hoffnungen und Träume abgeschlossen und mich in das Unabänderliche ergeben ! Friedrich hat geschrieben , und meine gnädige Mama hat geschrieben , und beide haben mich an mein Wort gemahnt . Der Wechsel , den ich ausstellen mußte und mit meinem Herzblut unterzeichnete , ist fällig ; ich bin fällig mit Leib und Seele , und so werde ich abgeholt mit dem zwölften Schlag der Mitternacht . O man ist sehr pünktlich ! Friedrich hat liebreich und verständig geschrieben , die Mama sehr pikiert ; aber beide sagen ein und dasselbe , nur daß die Mama doch immer am wahrsten , wenn auch sehr grob ist . Sie nennt mich kurz und gut eine alte Jungfer , eine überreife Pflaume - mögen auch ihr sämtliche Oberhofmeisterinnen Europas die Natürlichkeit des letztern Bildes verzeihen ! - und beklagt sehr fein , aber auch sehr boshaft , daß sie mir leider damit nichts Neues sage . Die arme Mutter ! So viel Verdruß muß ich ihr bereiten , daß ich sie dadurch sogar witzig mache ; daß sie aber recht hat , das weiß Gott , und niemand kann ' s ihr streitig machen . Ich bin allmählich eine alte , alte Jungfer geworden , und da ich eine arme Jungfer immer war , so bleibt am Ende wenig Erfreuliches von der närrischen Nikola Einstein für Sinn und Gemüt der Welt übrig . Ich wundere mich auch an jedem jungen Morgen darüber , was den Herrn von Glimmern bewegen könne , so hartnäckig auf der Einlösung der Verschreibung meiner nichtigen Person zu bestehen . O Emma , Emma , wie anders könnte doch das alles sein , wie anders müßte es von Rechts wegen sein ! Da könnte sich selbst ein Hoffräulein zu Tode weinen : ja gerade ein Hoffräulein - ein Hoffräulein erst recht ist hier vor allen andern Erdenweibern befugt , sich über die Erbärmlichkeit in einem feuchten Gewölk zu erheben . Was habe ich getan , daß mir grad in mein Leben ein so großes Fragezeichen gesetzt ist ? Ich habe immer noch meine Stunden , in welchen ich mich für ein ganz braves und ehrliches Mädchen halte ; das sind meine schlimmsten Stunden , denn in ihnen muß ich am tiefsten über jenes Fragezeichen nachdenken , und es hilft doch nichts . Hier läßt mich alles im Stich , das eigene Herz , auch Du und die Frau Klaudine ! Es ist aber zu guter Letzt noch einmal ein schöner Sommer gewesen , und ich hoffe , den Duft und Glanz davon tief in die Zukunft hinüberretten zu können . Manchmal hab ich gedacht : Nikola , mit dem Winter kommt der Tod , sei gescheit , steh früh auf und gehe nicht zu früh zu Bett : trage zusammen , was du greifen und schleppen kannst ; verhocke nicht den letzten Sonnenschein im Schmollwinkel : rette , was du retten kannst ! Dann habe ich den Shakespeare zu Hause gelassen und bin mit dem armen Hölty zu Walde gezogen . Der Hölty stammt aus der Tante Bumsdorf Bibliothek und ist in himmelblauen Sammet eingebunden , und der Schnitt war einmal vergoldet . Ich habe das Buch nicht immer aufgeschlagen ; allein das Bewußtsein , es in der Tasche zu tragen , genügte auf des Onkels Bumsdorf doppelschürigen Wiesen . Es sind Tage gewesen , in denen ich die ganze geheimnisvolle Naturempfindung des Kindes wiedererlangte , in denen Auge und Nase aus korrumpierten Sklaven der Gesellschaft zu freien Bürgern des wahren Reichs Gottes wurden . Wäre das alles aber auch nur ein Zeichen von Gesundheit gewesen ! Ach , die Frau Klaudine hat ' s wohl gewußt , was es bedeutete . Siehst Du , Emma , die Mühle , die alte Mühle in der Wildnis und die alte Frau in der Mühle , die halten mich wach und lassen mich nicht zur Ruhe kommen . Das Rad ist freilich längst zerbrochen und kann mir nicht im Kopf herumgehen ; aber die Geister der Zeit , die nicht mehr ist , umschweben das Dach und kauern auf der Schwelle der morschen Hütte , und was soll ich gegen sie tun ? Es zieht mich hin , es reißt mich zurück , ich sträube mich mit aller Kraft ; aber ich werde durch den Wald gezogen und geschoben : ich möchte mich an allen Büschen und Zweigen halten , aber sie geben nach und lassen mir ihre Blätter , ihre Rinde in den Händen ; weiter muß ich ! Und es ist keine wilde , keine harte , unwillige , zornige Gewalt , der ich anheimgegeben bin - mein eigener Wille ist in den Mächten außer mir : alle meine Neigungen , all mein Sehnen und Wünschen wohnen bei der Greisin in der Katzenmühle , und da bin ich wieder in der Katzenmühle , sitze zu Füßen der Mutter , ja , der Mutter , und für mein Haupt ist keine Ruhestätte als in ihrem Schoße . - Die Bäume des Waldes und unser Gärtchen , welches vor allen Gärten aller