zu pflegen . Sie hatte Wörter gelernt und Deklinationen und wußte ihre Aufgabe . Aber sie schien zerstreut . » Habt Ihr etwas geträumt ? « frug sie den Lehrer , wie die Stunde abgelaufen war . » Nein . « » Gestern auch nicht ? « » Nein . « » Ist schade , es soll eine Vorbedeutung in dem liegen , was einer in den ersten Tagen am neuen Wohnort träumt ... Höret « , fuhr sie nach einer Pause fort , » seid Ihr nicht ein recht ungeschickter Mensch ? « » Ich ? « fuhr Ekkehard betroffen auf . » Ihr geht mit Dichtern um , warum habt Ihr nicht einen anmutigen Traum ersonnen und mir erzählt ; Dichtung ist soviel wie Traum , es hätt ' mir Freude gemacht . « » Ihr befehlet « , sprach Ekkehard , » so Ihr mich wieder fraget , will ich einen Traum erzählen , auch wenn ich ihn nicht geträumt habe . « Solcherlei Gespräch war für Ekkehard neu , unklar . » Ihr habt mir Eure Ansicht vom Virgilius gestern vorenthalten « , sprach er . » Ja so « , sprach Frau Hadwig . » Höret , wenn ich Herrin im Römerland gewesen , ich weiß nicht , ob ich nicht die Gesänge verbrannt und den Mann für immer schweigen geheißen hätte ... « Ekkehard sah sie starr verwundert an . » Es ist mein Ernst ! « fuhr sie fort . » Wißt Ihr warum ? - weil er die Götter seines Landes schlecht macht . Ich hab ' gute Acht gehabt , wie Ihr der Juno Reden gestern vortruget . Des Herrn aller Götter Ehefrau - und trägt eine Wunde im Gemüt , daß ein troischer Hirtenknab ' sie nicht für die Schönste erklärt , und ist nicht imstande , aus eigener Macht einen Sturm zu befehlen , daß die paar Schifflein zertrümmert werden , und muß den Äolus durch Antragung einer Nymphe verführen ... und Neptun will Herrscher der Meere sein und läßt sich von fremdem Gewind Sturm und Wetter in sein Reich blasen und merkt ' s erst , wie es fast vorbei ist - was ist all das für ein Wesen ? Als Herzogin sag ' ich Euch , in dem Reich , dessen Götter gescholten werden , möcht ' ich den Scepter nicht führen . « Ekkehard schien um eine Antwort verlegen . Was das Altertum an Schriftwerk überliefert , stand ihm da als ein Festes , Unerschütterliches , wie altes Gebirg ' ; er war zufrieden , sich in Bedeutung und Verständnis einzuarbeiten , - nun solche Zweifel ! » Erlaubet , Herrin « , sprach er , » wir haben noch nicht weit gelesen , es steht zu hoffen , daß Euch die Menschen der Äneis besser gefallen . Wollet auch bedenken , daß zur Zeit , wo Augustus , der Kaiser , seine Untertanen aufzeichnen ließ , das Licht der Welt zu Bethlehem zu leuchten anhub ; es geht die Sage , daß auch auf Virgilius ein Strahl davon gefallen , da mochten ihm die alten Götter nicht mehr groß sein ... « Frau Hadwig hatte gesprochen nach dem ersten Eindruck . Mit dem Lehrer streiten mochte sie nicht . » Praxedis « , sprach sie scherzend , » was ist deine Meinung ? « » Mein Denken geht nicht so hoch « , sprach die Griechin . » Mir kam alles so natürlich vor , drum war mir ' s lieb . Und am besten hat mir gefallen , wie die Frau Juno ihrer Nymphe den Äolus zum Ehgemahl verschafft ; wenn er auch ein wenig alt ist , so ist er doch ein König der Winde und sie ist gewißlich gut bei ihm versorgt gewesen ... « » Gewiß ! - « sprach Frau Hadwig und winkte ihr , zu schweigen . » Nun wissen wir doch auch , wie Kammerfrauen den Virgilius lesen . « Ekkehard war durch der Herzogin Widerspruch zu größerem Eifer gereizt . Mit Begeisterung las er am Abend des weiteren , wie der fromme Äneas auf Erspähung des libyschen Landes auszog und ihm seine Mutter Venus entgegentritt in Gewand und Waffen einer Sparterjungfrau , den leichten Bogen um die Schulter , den wallenden Busen kaum in des aufgeschürzten Gewandes Knüpfung verborgen - und wie sie des Sohnes Schritt der tyrischen Fürstin entgegenlenkt . Und weiter las er , wie Äneas zu spät die göttliche Mutter erkannte - vergebens ruft er ihr nach , sie aber hüllt ihn in Nebel , daß er unerkannt zur neuen Stadt gelange ... wo die Tyrerin zu Junos Ehren den mächtigen Tempel gründet , steht er und schaut , von Künstlerhand gemalt , die Schlachten von Troja ; am leeren Abbild vergangener Kampfarbeit weidet sich seine Seele . Jetzt naht sie selber , Dido , die Herrin des Landes , antreibend das Werk und die künftige Herrschaft : » Und an der Pforte der Göttin , bedeckt vom Gewölbe des Tempels , Sah sie , mit Waffen umschart , auf des Thrones hochragendem Sessel , Urteil sprach sie den Männern und Recht , und die Mühen der Arbeit Teilte sie jeglichem gleich nach Billigkeit ... « » Leset mir das nochmals « , sprach die Herzogin . Ekkehard wiederholte es . » Steht ' s so geschrieben ? « frug sie . » Ich hätte nichts eingewendet , wenn Ihr ' s selber so eingeschaltet hättet . Glaubt ' ich doch schier ein Abbild eigener Herrschaftführung zu hören ... Mit den Menschen Eures Dichters bin ich wohl zufrieden . « » Es wird wohl leichter sein , sie abzuzeichnen als die Götter « , sprach Ekkehard . » Es gibt so viel Menschen auf der Welt ... « Sie winkte ihm , fortzufahren . Da las er , wie des Äneas Gefährten herankamen , der Königin gastlichen Schutz anstehend , und wie sie ihres Führers Ruhm künden , der , von der Wolke verhüllt