und Gleich , für ihn empfunden hätte . Nicht als ob mich meine Inferiorität gedrückt - nicht als ob ich nicht gewußt hätte , daß es größern Genuß gewährt sich zu Menschen hinaufals herabzustimmen ! Nur fühlte ich instinctmäßig daß wir nicht auf einer Stufe der Entwickelung standen und daß die seine weit höher als die meine sei . Wird eine solche Kluft nicht durch die Liebe ausgefüllt , die Höhen und Thale gleich macht - so kann man wol zu einem gemeinschaftlichen Leben , doch nicht zu einer befriedigenden inneren Gemeinschaft des Lebens gelangen . Uebrigens war es keinesweges sein Talent , das mir imponirte - so groß es war ! so hoch ichs schätzte ! - nein , es war seiné Seele ; eine Seele von deren Thaten und deren Wegen ich nichts wußte , denn er sprach nie über seine Schicksale . Als er vor Jahren von dem Banquier meines Vaters in Lübeck , als Musiklehrer empfohlen nach Engelau kam , sagte er : er sei ein Böhme , Waisenkind , Katholik , und zwischen achtzehn und zwanzig Jahr alt . Das war Alles ; und auch jezt blieb es Alles . - Er studirte fleißig in seiner Kunst , mehr auf Composition als auf Ausübung , und nie beschäftigten ihn andre als erhabene und große Gedanken . Ein Oratorium mit einem dem Hohen Lied entnommenen Text - war die Idee zu welcher sich seine Kräfte zu concentriren schienen . Er bewohnte ein Zimmer über dem meinen . Wenn ich in tiefer Nacht auf dem Balkon saß , und mich verlor in Träume ohne Ziel , in Sehnsucht ohne Maß , in Wünsche ohne Gegenstand - wenn ich inmitten der Unermeßlichkeit dieser Gefühle und inmitten einer Umgebung die an Schönheit und Großartigkeit ohne Rival ist : dennoch mein Leben nicht anders empfand als der Gefangene den Kerker der ihn elend macht - o wie oft haben mich dann seine Phantasien , seine Accorde - getröstet kann ich nicht sagen , aber beschwichtigt . Von oben herab klangen sie , feierlich , fromm , tiefsinnig , klagend , unendlich melancholisch , aber in glühende Andacht getaucht wie das Gebet eines Heiligen . Ja , sprach ich dann zu mir selbst , das Leben ist ein Kerker , aber der Schlüssel des Kerkers ist die Liebe ! der sprengt die Pforte zur Freiheit , und das dürftige abgesperrte Ich fliegt in ein ewiges und seliges Universum hinein . In dieser himmlischen Freiheit lebt mein Onkel : er liebt Gott ! - lebt Fidelis : er liebt die Kunst ! Ich aber verstehe nicht zu lieben , drum bin ich für alle Ewigkeit in den Kerker gebannt . Den größten Theil der Nächte verbrachte ich in meiner Gondel . Bald fuhr ich nur in den Canälen und erfreute mich an dem feenhaften Anblick Venedigs im Mondlicht , dessen mysteriöser Glanz die passendste Beleuchtung dieser mysteriösen Existenz ist . Bald fuhr ich weiter in die Lagune hinaus , nach verschiedenen Inseln , die ich besonders gern hatte - vorzugsweise nach Torcello und zum Lido . Torcello war der Anfangspunkt der großen Stadt , des großen Staats Venedig . Das was in jener Zeit der menschlichen Vergesellschaftung Kern und Einheit gab : die Religion , in einem Monument , in einer Kirche ausgeprägt , fehlt der kleinen verwilderten und vereinsamten Insel nicht . Der alte kleine tausendjährige Dom hat Venedigs Höhe und Fall überdauert . In dörflicher Verwahrlosung steht er auf einem grünen Wiesenplatz , und vielleicht zwei Dutzend Häuschen von Gärtner- und Fischerleuten liegen ebenfalls dörflich zerstreut zwischen Hecken , Gemüsegärten , Gebüschen und Rasenflecken . Diese Vegetation so wenig gepflegt sie sein mogte , gedieh dennoch vortreflich auf dem üppigen Schlammboden , und erquickte mich durch Farben , Frische und Duft . Der Garten , der am Morgen Benvenutas Tummelplatz war , ruhte mich in der Nacht aus . Es war so etwas Friedliches , Idyllisches auf dieser kleinen Insel , das den einfachen Bedürfnissen der menschlichen Natur entsprach . Dies schlichte Element that mir wol ! ich dachte daß Gott in seiner Schöpfung nicht Einmal sondern immer neu das Paradies geschaffen hat : erstens in der Natur , zweitens im Kinde ; und daß mir ein Labetrunk aus diesen beiden heiligen Quellen gegönnt sei . Zu Zeiten konnte mich das ganz heiter stimmen ; aber es dauerte nicht lange , wie denn nichts bei mir dauerte ! reizbar um einen Eindruck zu empfangen , kraftlos um ihn festzuhalten , so war ich ! und daher war in meiner Seele nichts dauernd als drängende Unruh - dies ächte und rechte Princip aller Thaten des Fluchs , der Thorheit , des Unheils . - Wenn diese Unruh recht in mir stürmte , fuhr ich zum Lido , der sich als ein Erdwall zwischen der Lagune und dem Meer aufwirft . Ueber den trostlosen , steinernen Gottesacker der Juden hinweg ging ich zum entgegengesetzten Strande , den das Meer bespült . Ein Gondolier trug mir ein Paar Polster nach und blieb in meiner Nähe , während der Andre die Gondel bewachte . Da lag ich manche Nacht , überwachte den Auf- und Untergang aller Gestirne - welche auch die meiner Heimat waren ; lauschte auf das Brausen der Wellen , welche mit demselben harmonischen Takt und mit demselben weißen Schaum an die Küste meiner Heimat schlugen ; und fragte mich mit unsäglicher . Trostlosigkeit , ob ich denn wirklich thöricht genug gewesen sei um zu glauben , daß es für mich am adriatischen Meer anders und besser sein könne als am baltischen . O ! rief ich , die Elemente des Glücks müssen in der Schöpfung sein , sonst wäre die Organisation des Menschen mit seinem unlöschbaren Durst nach Glück ein Widersinn ! aber weshalb versteht er nicht sie zu finden , zu sammeln , festzuhalten ? weshalb ist er so unvollkommen beschaffen , daß er meistens nur Eins oder das Andre kann ? ja , weshalb ist er zuweilen so blind