Sie mich unterrichten wollen , gnädiges Fräulein , werde ich wenigstens nie mehr die Entschuldigung haben , nicht tanzen zu können , sagte Gotthard verbindlich ; er war in Leontinens Zauberbann gerathen . Sie war aufgesprungen und hatte bereits ihre Hand auf seinen Arm gelegt . Einen Walzer , lieber goldner Professor ! Erst aber langsam , wenn ich bitten darf . Sie schwebte mit Gotthard dahin ; er tanzte , wie die meisten Deutschen , seinen Nationaltanz gut , sogar schön . Schneller , immer schneller ! rief Leontine . Der alte Professor trommelte immer heftiger auf dem Klaviere herum , mit und neben dem Takt ; Gotthard folgte mit größter Gewandheit und sicherem Taktgefühl jedem Wechsel des Rhythmus . Herr Gotthard , sagte , plötzlich stillstehend , Leontine , das ist abscheulich ! Sie tanzen vortrefflich ! Ich bitte dich , Anna , walze nur ein einziges Mal um den Saal - Gotthard stand bereits schüchtern , aber doch bittend vor ihr . Zum ersten Male berührte ihn der Gräfin Hand , das Blut stieg ihm in ' s Gesicht , aber er tanzte sicher und besonnen fort . Das ungewöhnlich reine Ebenmaß seiner durchaus edeln Gestalt trat während des Ländlers auf das Vortheilhafteste an ' s Licht , seine Züge waren ruhig geworden , er machte einen sehr angenehmen Eindruck . Anna empfand zum ersten Mal in ihrem Leben eine wirkliche Freude am Tanz ; sie fühlte keines ihrer Glieder , auch nicht den sie leicht stützenden Arm ihres Tänzers ; jede Bewegung des schönen Paares paßte harmonisch an einander . Aber , Anna ! rief Leontine , die sich im Sopha recht bequem zurechtgesetzt hatte , um mit kritischem Blicke zuzusehen ; aber , Anna ! es ist ja wundervoll , wie ihr Beide zusammen tanzt ! Der Professor wollte es geschwind auch sehen , vergaß zu spielen und drehte sich um . Der improvisirte Ball hatte ein Ende . Und warum sagten Sie denn eigentlich , Sie könnten nicht tanzen ? fragte der Professor . Weil ich nur walzen kann . Einen Tanzlehrer mir zu halten , war meinen Eltern zu kostspielig . Von den ausländischen Tänzen , die ich heute hier sah , kann ich keinen . Schade , daß ich ' s nicht gesehen habe , sagte der Professor . Nun wollte Leontine durchaus dem Professor zu Ehren an dessen Stelle spielen , und Gotthard und Anna sollten und mußten ihm noch einmal vorländlern ; sie hatten jedoch kaum die Hälfte des Zimmers erreicht , als die Saalthüre aufflog und Otto durch dieselbe eintrat . Er blieb an der Schwelle stehen und schreckte sichtlich zusammen ; überhaupt schien er von der ganzen Scene , obschon sie ihm augenblicklich laut lachend erklärt ward , so unangenehm berührt , daß weder Leontinens einschmeichelndes Entgegenkommen , noch Annens herzliche Freundlichkeit den Eindruck sogleich zu verlöschen im Stande waren . An Kronbergs späte Stunden gewöhnt , hatte er es gewagt , zu fast nächtiger Zeit und in Reisekleidern zu kommen . Der folgende Morgen war zu einer nochmaligen Gletschermessung hinter Grindelwald bestimmt , von welcher er Abends nach Bern zurückzukehren und dann den folgenden Tag wieder nach Basel zu reisen gedachte . Alles dies erzählte er mit so seltsam kalter Miene , daß Leontine aufmerksam wurde und ihn mit dem durchtriebensten Uebermuthe zu necken begann . Sie behauptete , er wolle sich selbst als Gletscher ausmessen lassen , anstatt , wie er vorgebe , das Vorrücken des Eismeeres zu beobachten , was auch in der That viel unbequemer sei . Anna blieb in ihrer Einfachheit ganz arglos , sie suchte Leontinens heftige Ausfälle gegen Otto zu mildern und ihr Wohlwollen besiegte nach und nach den eifersüchtigen Unmuth des Freundes , er ward etwas heiterer . Gotthard hatte sich an das Klavier gesetzt und phantasirte ungemein schön . Nur der alte Professor achtete darauf und nickte still entzückt gegen den Takt . Otto fragte nach allem , nach den Kindern , nach Briefen und Nachrichten , nach Sophien ; seine warme bürgerlich-häusliche Theilnahme legte sich balsamisch weich auf Anna ' s verwundetes Herz . Sie mied jedoch alle nähere Erörterung über ihres Gemahls Schreiben . Nach ihrem Winteraufenthalt zu fragen , fehlte Otto der Muth ; so kam weder ihr Reisen noch Bleiben zur Sprache , und leise und allmälig entfaltete sich ihm die Wunderblüte des Glücks , die immer die Nähe eines geliebten Gegenstandes , selbst unter den traurigsten Beziehungen mit sich bringt . Saß er doch neben ihr ! Die Zimmer , die sie bewohnte , all die kleinen Thee- und Arbeitsgeräthschaften zu sehen , hatte er ja so unendlich lange entbehrt , und nun war alles noch da und wie sonst , es zog sich wie ein Zauber um seine Sinne . Daß Gotthard sich nicht in das Gespräch mischte , gewährte ihm ebenfalls eine Erleichterung . Allmälig wurde er immer fröhlicher und begann von seinen Vorlesungen , seinem Leben in Basel , den eben damals die Geologen und Naturforscher zuerst beschäftigenden Gletscheruntersuchungen und seiner morgenden Expedition zu erzählen . Aber , fragte er , plötzlich sich besinnend , wer ist denn der Fremde , der eben von euch ging ? Ich bin ihm an der Hausthüre begegnet ? Du irrst , erwiderte Anna , wir haben keine neue Bekanntschaft gemacht . Doch kam er aus euerm Hause , sogar aus eurer Etage , die Treppe herunter . Vielleicht ein Bekannter von Herrn Gotthard ? Dieser verneinte stumm . Leontine versicherte , es müsse ein guter oder böser Geist sein , der sich ihrer drohenden Winterlangeweile anzunehmen denke ; sie hatte tausend Fragen , immer eine possirlicher als die andere , und baute zuletzt aus Otto ' s Antworten eine so grotesk-burleske Gestalt des Fremden zusammen , daß Alle in lautes Lachen ausbrachen und die lustigste Stimmung des kleinen Zirkels sich bemächtigte . Nun , wenn es sich nicht so verhält , wie das gnädige Fräulein zu meinen belieben , sagte endlich , immer noch