Wer mag enträthseln , ob nicht auch noch die übrigen Figuren , die Gleichmuth mit leichten Pinselstrichen entwirft , mir begegnen in diesem verwirrten Aufenthalt ? Eine drückende Ahnung beschleicht und hindert mich , weiter zu lesen in dem verhängnißvollen Manuscript . Die ganze Gesellschaft haucht mich an , wie die Atmosphäre um ein Pesthaus Es ' ist nichts Gesundes in ihr , es ist der Schmerz und Gram einer müden , dem Leben schon halb abgestorbenen Societät . Daß ich Aehnliches fühle , kann mich nicht veranlassen , in engere Bekanntschaft mit ihr zu treten , nur die Theilnahme an Gleichmuth ' s Schicksal , das tragisch ist in seiner stillen Größe , und eine Art Neugier , von der sich Keiner ganz freizusprechen vermag , zwingen mich , fortzufahren in der begonnenen Lectüre . Das sind nun die Glanzseiten unseres gesitteten Lebens ! Müssen wir uns nicht schämen gegenüber der gesunden Kraft , die in Afrika ' s Wüste sich entwickelt zur plastischen Schönheit ? Oder in Arabiens Felsenklüften sich die Unabhängigkeit des Geistes mit der körperlichen Kraft und Gewandheit bewahrt ? Würde nicht der dunkle Sohn in Amerika ' s Urwäldern den Giftschaum seiner Rede aussprudeln über die Entartung unserer Sinnesweise , sähe er die Natur in ihrer heiligen Schöne zusammenbrechen unter der zierlichen Last der Convenienz , der Bildung , der unächten Civilisation ? Warum opfern wir der Einbildung so viel auf von unserer Göttlichkeit ? Sind wir denn wirklich so ertrunken in dem Parfüm der Cultur , daß wir keinen Sinn mehr haben für das ewig Schöne , Große und Herrliche ? Erst der Vergleich unseres armen Glanzes mit dem Reichthum jener natürlich großen Einfachheit läßt uns die Versunkenheit erkennen , in die uns die Verweichlichung hinabgestürzt hat . Es ist kein Wohlsein , kein wahres Behagen , in dem wir uns bewegen . Künstlich nur erhebt sich der gefallene Geist auf dem Aroma der Verfeinerung , weil seinen überreizten Nerven die Gesundheit nicht mehr genügt . Politik , Religion , sociales Leben , diese große Dreieinigkeit , aus der alles Volksglück erwächst , ist in Europa zum Raffinement geworden , und wer dies erkannt hat , ist müde dieser unnatürlichen Zustände . Die Zahl der Europamüden wird sich vermehren von Monat zu Monat , und wohl denen , die alsdann in der Tiefe ihres Geistes ein Mittel entdecken , daß sie diesem Müdesein an dem Welttheile entreißt , bevor es ausartet in eine Weltmüdigkeit ! Da singt der verrückte Mönch wieder sein tolles Lied in die stille Nacht hinein , diese bleiche Sphinx , deren beredte Zunge vielleicht das Dunkel erhellen könnte , das über meiner eigenen Zukunft liegt . - Bardeloh hat seit zwei Tagen sein Arbeitszimmer nicht mehr verlassen , Rosalie , eines jener schweigsamen Gemüther , die Alles über sich ergehen lassen , ohne zu murren und den Schmerz nur einsenken in ihr großes Herz , bewacht in lautloser Stille den Lebensgang ihres Gatten . Soll ich auch schweigen , verkümmern , hinsiechen in unbekannter Stille ? - Vielleicht ! Doch jetzt lockt mich die Verheißung der Liebe zur Stärkung meiner Kräfte . - Auch ich , Raimund , bin matt und müde dieser europäischen Versumpfung , aber ich habe einen Rettungsstern am Himmel der ewigen Gerechtigkeit erkannt - und gewiß , er wird mich nicht täuschen ! - O , könnte ich es hineinrufen in die Herzen aller Zerrissenen , vom Weh der Gegenwart Verstörten und Niedergedrückten , daß es für jeden größern Erdenschmerz nur eine lindernde Arzenei gibt , bereitet von der Welt - die versöhnende Liebe ! Die heilige , keusche , kindlichreine Unschuld des Weibes ! Nur die Liebe kann uns herausheben aus dem Strudel moderner Lebensverschlammung . Drückt ein liebendes Weib an Euer Herz , ihr europamüden Märtyrer , und die Dornenkrone wird Rosen treiben , deren süßer Liebesathem sich befruchtend um die arme Erde legen und sie einhüllen wird von neuem in das junge Morgenroth Eurer Kraft ! Mag von Auguste ' s Munde die gleiche Kunde sich in meine Seele einschmeicheln ! Ihr Kuß soll mir die Gewißheit stammeln von der nahen Welterlösung ; an ihrem Busen will ich mich zum Leben wieder hinanfühlen , das mir entflohen ist unter der Angst verborgener Stürme . Heiligt die Weltheiligkeit mit dem Kusse der Liebe , so wird sich die alte Europa wieder erheben in jungfräulicher Schönheit , und als ewige Jungfrau den blühenden Kranz der Unvergänglichkeit unverwelkt auch hinübertragen in die dereinstige Geschichte der Zukunft ! - Der Mond weht seine kühlen Strahlen herein in mein Gemach , ein hoher Friede stickt am Königsmantel der Nacht seine flammenden Gebilde . - Ob nicht noch schönere Sternbilder am dunklen Himmelsbogen in Auguste ' s Auge für mich aufsteigen sollten ? - - Ich will heut keine Blumenstöcke zerbrechen , mein Mund nur soll , ein sanft schmeichelnder Meißel des Phidias , um den Marmorglanz ihres Nackens gleiten und eine Kette brennender Rosen darein graben . Sie bat mich letzthin um einen Rosenkranz - o , wie will ich lauschen , wenn sie an meinem Geschenk den süßen Fehl eines weltheiligen Lebens abbüßt ! » Ave Maria ! Heilige Mutter der Liebe , bitte für uns ! « - 5. An Ferdinand . Köln , den 19. August . Heut ist der Geburtstag des muntern Felix und ein origineller Genuß wartet mein . Ich schreibe diese Zeilen aus der psychologischen Warte Bardeloh ' s , die ich mir zum Aufenthaltsort von ihm erbeten habe für die Dauer des heutigen Abends . Es ist große Gesellschaft geladen , und eingeweiht , wenigstens zum Theil in die Geheimnisse des hiesigen Lebens , will ich Beobachtungen anstellen , deren Erfolge für mich eben so belehrend als genußreich sein werden . Du kannst auf ein lebensvolles Bild mit Sicherheit rechnen , denn ich werde mit Gewissenhaftigkeit aufschreiben , was mich der Fernblick durch diese Spiegelfenster erkennen läßt . Schon ist es Abend , die gallonirten Diener Bardeloh ' s gleiten ,