zugleich große Mühe mit mir gab , so lernte ich bei ihm viel und in wenigen Stunden mehr als bei allen frühern Lehrern . Er war Protestant , und belehrte mich zuerst über die Verschiedenheit beider Glaubensformen , die mir augenblicklich sehr überzeugend einleuchtete . Diese Ueberzeugung , die ich gewann , eröffnete mir zugleich einen freieren Blick über die Weltgeschichte und deren Fortschritte , da mir bis dahin , wie jedem Mädchen , alles historische Interesse ziemlich fremd geblieben war . Doch schärfte mir Mellenberg ein , daß ich unsere Unterredungen über diese Gegenstände geheim halten müsse , da er nur den Auftrag habe , die neueren Sprachen mit mir zu treiben . Dies gab dem Verhältniß zu ihm in meiner Vorstellung einen noch größeren Reiz , da nun etwas Geheimes zwischen uns obwaltete , in dem und durch das wir uns verstanden . Ich wurde aus ganzem Herzen Protestantin , fühlte mich klar , frisch und gesund dabei , und wenn ich an den lieben Gott dachte , geschah es mit einem lebensfrohen Muth , wie niemals . Um so schmerzhafter drückte es mich , daß ich nächstens , wie mir die Tante angekündigt hatte , durch den Bischof eingesegnet werden sollte auf den katholischen Glauben . Denn obgleich die Tante , wie ich wohl gemerkt hatte , gar keine Religion besaß , so ging fie doch alle Sonntage um 11 Uhr nach der Schloßkirche in die Messe . Mit lautem Weinen klagte ich dies meinem protestantischen Candidaten . Er aber wehrte meine Arme , die ich in der Leidenschaft des Schmerzes um seinen Hals schlingen wollte , langsam und erröthend von sich ab , und verwies mich an die Macht Gottes , die Alles zum Besten lenke . Mich verdroß seine Kälte , da ich geglaubt hatte , in einem innigeren Verhältniß mit ihm zu stehn , und obwohl ich ihm nicht gram werden konnte , nahm ich mir doch vor , ihm nächstens etwas zum Tort zu thun . Ich bewies mich nämlich jetzt dem Grafen , der immer öfter und öfter kam , freundlicher und anhänglicher als je , ungeachtet daß sein Benehmen gegen mich von Tag zu Tag seltsamer und auffallender wurde , und meinte damit den guten Mellenberg zu kränken , während ich doch selbst nur davon litt , und heimlich manche Nacht durchweinte . Jetzt trat plötzlich eine Wendung in meinen Ansichten und Schicksalen ein , die , wie ich bei allen Begegnissen des Lebens bemerkt habe , gleichsam mit dem Hauch einer einzigen Stunde , welche die entscheidende ist , herbeigeweht zu kommen schien . Ich war vierzehn Jahre alt geworden , und sah schon wie ein völlig aufgeblühtes Mädchen aus , denn das heißere Wachsthum meiner Seele und meiner Sinne mochte auch mein Aeußeres früher gezeitigt und in die Fülle der Gestalt hervorgetrieben haben . Der Graf , mich mit einem ganz besonderen Blick betrachtend , vor dem ich blutroth wurde , hatte mir an diesem Tage ein wunderschönes Kleid geschenkt , und mir dabei viele Schmeicheleien gesagt , daß ich meinen Ohren kaum traute . Es war mir in der letzten Zeit nur zu klar geworden , daß ich ganz auf seine Kosten gepflegt und gebildet wurde , denn die Tante , gegen deren Lebensweise mich bei näherer Beobachtung ein immer widerwilligeres Mistrauen beschlich , besaß kein eigenes Vermögen , wie ich bald erfuhr . Zuweilen war es mir in meinen Gedanken , als wenn ich in einen entsetzlichen Abgrund hinunterspringen müßte , vor dessen bodenloser Tiefe und Schwärze mir jeder Nerv bis in den Tod erbebte , aber an diesem meinem Geburtstage erfaßte mich auf Einmal ein ungeheuerer Leichtsinn in meinem innersten Herzen , es war ein Moment , ich wußte nicht , wie mir geschah , und mein ganzes Denken flog plötzlich , wie von rosigen Sommerwolken fortgetragen , in eine an endlosen Freuden , Blüthen , Farben und Tönen reiche Ferne hinaus . Als der Graf fortgegangen war , lachte und sang ich , und beeilte mich , das neue , aus den kostbarsten Stoffen gewählte Kleid , das mir außerordentlich gefiel , anzulegen . Die Tante war mir dabei behülflich , und sagte zugleich , daß es nun , da ich so schön und groß geworden , Zeit sei , mich in die Welt einzuführen , wie sie sich ausdrückte . Ich horchte auf , wie nach einem seltsamen , goldenen Klang , der mir in die Seele ziehen wollte , und stellte mich dann vor den Spiegel , aus dem mir meine ganze geschmückte Gestalt in blendender Ueberraschung entgegenstrahlte . Dieser Blick in den Spiegel traf mich wie ein verwirrender Zauber . Es war mir , als besänne ich mich jetzt auf mich selbst , daß ich bisher eigentlich noch gar nicht gelebt hätte . Ich seufzte , und der Spiegel überthaute sich von dem Hauch meines Mundes . Da schienen , indem ich noch träumend stand , aus der überzogenen Fläche des Glases holde Genien , verlockende Gestalten , zu mir herauszusteigen , sie hatten die Hände voll bunter Blumen und die Augen voll lockender Gefühle , sie steckten mir eine große , volle , rothe Rose zwischen die schlagende Brust . Zusammenfahrend , wischte ich schnell den Spiegel wieder ab , und lachte laut , als ich keine Geister , sondern nur den Glanz meiner Jugend darin sah . Dieser Augenblick aber war das für mich , was für die Gespenstermährchen die Mitternachtstunde ist . Sie müssen diesen Moment abwarten , ehe der Zauber in ihnen wirksam werden kann . Und so war es , als hätte ich gerade an diesem Tage und in diesem Augenblick in den Spiegel sehen müssen , um seitdem plötzlich andern Sinnes zu werden . Der Spiegel , der jetzt mein Freund wurde , war der Magier gewesen , der mich verzaubert hatte . Von nun an zeigte sich die Tante öfter mit mir auf Spaziergängen , in Gesellschaften und im Theater , auf Bällen , Concerten