der seltenen Frau zu empfinden ? und hat ihn die flüchtige Aeußerung über sie , aus meinem Munde , verdrossen ? - Ich dachte seitdem oft darüber nach . Auch würde ich glauben , hierin nicht zu irren , machte er es gegen Hugo anders . Als dieser nach mehreren Stunden zurück kam , fragte der Oheim weder nach dem , was ihn außerhalb beschäftigte , noch wie und wo er seine Dame verlassen habe ? Seine Dame ! Es ist doch eigentlich seltsam , wie die kleinen Lebensverhältnisse eine Frau augenblicklich in Beziehung zu einem Manne setzen . Dieser kann ihr nicht den Arm bieten , ohne sich für ihren Beschützer zu erklären , was immer gegenseitige Verpflichtung bedingt . Wie mir dies gerade hierbei auffällt ? Ich schäme mich , es einzugestehen . Allein ich glaube , es sind noch dumpfe Nachklänge des ersten , unreinen Tones , den Elisens Erscheinen in mir weckte . Ich werde darauf nicht wieder hören . Ich verspreche es Ihnen . Ueber Eins möchte ich doch Ihre Meinung wissen . In einem unserer kleinen Abendzirkel war von einem Buche die Rede , das Hugo sehr lebhaft gegen die Angriffe unserer Nachbarin in Schutz nahm . Diese nannte es hinreißend schön , doch abirrend für die Phantasie , welche das Gebiet melancholischer Schattenbilder vor allem Andern zu meiden habe . » Das unbefriedigte Innere , « sagte sie lebhaft , » versinkt ohnehin allzu leicht in jene krankhafte Unbestimmtheit , die den Besitz des Daseins erschüttert , alle schöne Gaben desselben bleicht , und das Herz mit nichtzustillender Wehmuth füllt . « Hugo lächelte , indem sich die tiefe Falte auf seiner Stirne finster zusammenzog . » Ist , wie Sie es sagen , « entgegnete er , » dies die unbezwingliche Neigung der Menschenbrust , lockt uns so Vieles , und am meisten das eigene Gefühl in den dunklen Strom unbegriffener Ahndungen hinüber , was sperren wir uns gegen den Andrang der Wogen , wenn sie uns einmal bis zum Herzen steigen ? Was büßen wir Großes dabei ein , wenn nun auch wirklich Alles um uns und in uns in flüchtige Atome zerflösse ? Hat das Farbenspiel des Tages die ernsten Schatten der Nacht zu fürchten , dürfen wir es bedauern , wenn das Unbeständige erbleicht ? wer beklagt den Verlust eingebildeter Güter ? ? « » Wie , « unterbrach ihn Elise , » zum trügerischen Gaukelspiel entadeln Sie mir die frische , blühende , kräftige Welt , in der ich athme , und mich wirklich fühle ? « - » Und dennoch , « versetzte Hugo mit neckender Zuversicht , indem er das besprochene Buch vom Tische nehmend , es gewichtig auf der flachen Hand ruhen ließ ; » Und dennoch geben Sie Ihre Wirklichkeit für solche Träume hin . Ich weiß gewiß , « fuhr er lächelnd fort , » Sie vergaßen alles Andere , während Sie lasen . « Elise erröthete in sichtlicher Verwirrung . » Von jeher , « nahm Hugo das Wort , » flüchtete der Mensch mit seinen Gefühlen in eine andere Heimath , als die ihm angewiesene . Da war er Herr und Schöpfer einer unermeßlichen Welt . In ihr hatte und besaß er , was die vergängliche ihm versagte . Aus höherer Naturmystik nannten die Alten die Nacht , Mutter der Dinge . Erst wenn sie , die Königin , im geheimnißvollen Dunkel heraufzieht , am Saume ihres Mantels duftige Träume spielen , und Schlaf und Tod aus den schwarzen Falten hervor treten , erst dann gestaltet sich ein Dasein , das uns gehört , dessen Herrscher der träumende Gedanke ist . « Er sagte das Letzte mit seltsam erschütternder Melancholie in Ton und Miene . Im Sessel zurückgelehnt , die Arme über einander geschlagen , wandte er nur das Auge zu seiner Nachbarin , die ihn überrascht , wie es schien , ungewiß betrachtete . » Man wirft so oft den Christen vor , « unterbrach ich die augenblickliche Stille , » daß sie sich den Genuß des Lebens verkümmern , die Schöpfung , durch trübe Betrachtungen über den Wechsel der Dinge , ihres Reizes entkleiden , ja das Gemüth durch Abtödtung in unerfreuliches Entsagen zwingen ; doch so unbarmherzig in das schwankende Grau der Nacht verweisen sie die geängstete Seele nicht , wie jene Heiden , deren Du erwähnst , Hugo . Sage doch , welche andere , als traurige , unbestimmte Bilder können der Phantasie in solchen Nebeldünsten entsteigen ? « » Mein liebes Kind , « entgegnete er etwas trocken , » es ist hier nicht von Glaubenssätzen verschiedener Religionsansichten die Rede , sondern von allgemein menschlichen Naturzuständen , die sich in ihren Bedingungen , wie in ihren Anforderungen , von jeher auf ein Haar glichen . Immer wollte das Herz , was es nicht hat , immer suchte es sich im Unermeßlichen zu genügen . Die Formen , in welche das mannichfach abgeschattete Streben sich wechselnd kleidete , thun zur Sache wenig . « » Ich meine doch , « entgegnete ich , » der Christ denkt nicht allein , er fühlt auch anders , wie der Heide . « Hugo schwieg . Des Oheims Blicke ruhten auf Elisen . Sie schien in sich das Gehörte zu erwägen . » Wir sollten , « hub jener nach einer Pause an , » den wüsten Sturm einer Gigantenbrust nicht zum Maaßstabe unsrer Empfindungen machen wollen . Dort ist der Drang des Schrankenlosen in die ringende Verwirrung des Lebens gegeben . Der Fluß sucht erst sein Bett . Das Gefühl hat keine Worte . Große Natursymbole werden ihr unwillkührlicher Ausdruck . Für uns sind das verbrauchte Spielereien . Wir gefallen uns darin , weil es so tönend klingt , und über die Ungenügsamkeit verwöhnter Herzen täuscht . Wir schwärmen aus Schwäche , und träumen aus Trägheit . Schwermuth ist der trübe Schatten entflohener Lebenskraft . « An Hugo ' s Lippen zuckte ein zweideutiges Lächeln . Er öffnete sie