ob er nicht niedergeschmettert durch die Gewalt eines ungeahneten Eindrucks umgesunken wäre ! Denn die Gräber schienen sich ihm aufgethan zu haben , und feierlicher Ernst , so wie bitterer Vorwurf im stummen , strafenden Blicke schauten von der Wand über dem Sopha die Portraite seiner Tante und der Frau von Willfried , in Lebensgröße und täuschender Aehnlichkeit , auf ihn herab . Was ist Ihnen ? fragte Erna besorgt , als sie sein Zittern bemerkte . Er vermochte nichts zu erwiedern . Aengstlich leitete sie ihn zu dem Sopha , und ihm einen Flacon reichend , und eiligst aus ihrer kleinen Hausapotheke stärkende Tropfen herbeiholend , bemühte sie sich auf die liebreichste Weise ihm beizustehen . Ihm that es so wohl , sie so theilnehmend um sich beschäftigt zu schen . Seinen verworrenen Sinnen dünkte diese Scene ein Vorausgenuß der Zukunft , wo eheliches Beisammenleben die Geliebte auch in häuslicher Sorge freundlich um ihn bemühen werde , und diese selige Vorstellung rief seine Lebensgeister kräftiger zurück , als der Liquor es vermochte , den sie ihm eingab . Er schützte eine Anwandelung von Schwindel , vielleicht weil er zu rasch gegangen sei , als Ursach des plötzlichen Nichtwohlbefindens vor , das ihm angewandelt sei , und da er die furchtbar mahnenden Bilder jetzt im Rücken hatte , ermannte er sich , sich dem Entzücken hingebend , mit Erna allein zu seyn , und aus ihrem sorgsam bekümmerten Benehmen so erquickliche Hoffnungen schöpfen zu dürfen . Schon zog er - die Blumen hatte sie bereits freundlich angenommen - das verhängnisvolle Blatt aus seinem Busen , um es hinzuzufügen , als ein Geräusch im Vorzimmer entstand , die Thüren stürmisch aufgerissen wurden , und die Gräfin , von der Gesandtin begleitet , herein trat , Erna glückwünschend zu umarmen , und sie für den Abend zu sich einzuladen . Sehr bewegt , und fast der Fassung beraubt , hielt Erna den Brief noch in der Hand , doch strebte sie , ihn den Blicken der Kommenden zu verbergen , und auch dies , daß sie ein Geheimnis mit ihm theilen zu wollen sich herabließ , schien ihm ein seinen Glauben aufmunterndes Kennzeichen der zu hoffenden Erhörung . Aber schon hatte die überlebhafte Gräfin es wahrgenommen . Vermuthlich ein Gedicht zur Feier dieses schönen Tages ! rief sie aus , das versiegelte Papier schalkhaft fixirend . O lassen Sie uns Alle daran Theil nehmen , Erna ! Lesen Sie uns vor ! Von dieser Seite kannte ich unseren Freund noch nicht . Ich wußte freilich längst , daß er , uns Frauen gegenüber , wenn von seinen Gefühlen die Rede war , manches zu er dichten im Stande sei , aber das geschah immer in Prosa ; wie er dichtet , ist mir noch fremd . Es ziemt mir nicht , versetzte Erna mit gezwungenem Lächeln , der Neugier Preis zu geben , was Zutrauen in meine Hände niederlegte . Wenn es ein Gedicht ist , darf nur der Dichter entscheiden , ob ein größeres Publicum als das , das er sich erkohren , es hören soll . Durch das unzeitige Dazwischenkommen der Gräfin aus allen seinen Himmeln gestürzt , konnte Alexander sich des bittersten Verdrusses nicht erwehren . Für Sie allein ward geschrieben , was dieses Blatt enthält , erwiederte er , und sich stumm verbeugend verließ er das Zimmer , da ein sehr richtiges Gefühl ihm sagte , daß - einmal verscheucht - die vorhergehende beglückende Stimmung eben so wenig wiederkehren werde , als das vorhin durch die Gunst des Zufalls erlangte einsame Zusammenseyn mit Erna . XXIV Mit unschlüssigem , aber freundlichen Wesen geleitete ihn Erna , der Höflichkeit gemäß , bis halb zur Thüre , und der Ausdruck in ihren Zügen , als er sie zum letztenmal ins Auge faßte , überzeugte ihn still und tröstlich , daß er ihrer Discretion , so wie überhaupt ihrer Gesinnung , vertrauen dürfe . Er kehrte nun in seine Wohnung zurück , ruhiger zwar als er sie verlassen hatte , wiewohl noch nicht weiter vorwärts gekommen , als vorher . Indeß - das Geheimnis seines Herzens war ausgesprochen - er selbst hatte es der Entscheidung der Geliebten unterworfen - er durfte daher nicht zweifeln , daß sie bald erfolgen werde . Aus Furcht , den zarten Blüthenstaub von seinen Hoffnungen zu blasen , enthielt er sich gewaltsam alles Grübelns - aber mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte er auf jeden Fußtritt , der seinem Zimmer nahte , immer erwartend , ein willkommener Bote werde ihm das ersehnte Ja , oder wenigstens die Weisung bringen , selbst zu kommen , um es von den Lippen der erröthenden Braut zu vernehmen . Aber umsonst . Die zögernden Stunden , durch lange Erwartung gedehnt , glitten im Schneckenschritt an ihn vorüber , und keine Kunde von ihr erfreute seine Einsamkeit . Auf dem Ball wird sie dir antworten , sprach er zu sich selbst , den stürmischen Aufruhr seines Gemüths durch mühsam aufgesuchte Trostgründe beschwichtigend . Es war zu viel , von der weiblichen Schüchternheit zu verlangen , sie solle ohne alle Ueberlegung , ja sogar mit dem Anschein einer Uebereilung das Wort aussprechen , das Liebe und Innigkeit sich erst verdienen muß , wie die Tapferkeit den Lorbeer , der den Helden schmückt . In ihrem Blick werd ich mein Urtheil lesen - und , o die sonnige Milde , die er diesen Morgen noch mir ins Herz strahlte , als sie mich krank wähnte , berechtigt mich fest zu halten an der freudigsten Zuversicht ! Kaum dämmerte der Abend , so kleidete er sich zum Ball an , und ob er gleich gewöhnlich erst öffentlich erschien , wenn alles versammelt war , und man ihn längst vermißt hatte , so ließ ihm heute doch die Unruh keine Rast , und er war der erste Ankömmling im weiten , noch nicht einmal völlig erleuchteten Saale . Selbst die Gräfin , sonst eine sehr aufmerksame Wirthin , fehlte noch , da die Stunde , wo sie