bei ihm auf jede wahre Aeusserung seines Gefühls nur Reue folgte , aber ich fühle in diesen Augenblicken nichts , als daß er unglücklich war . Ach ! ist dieser Kampf , diese Mischung von Wahrheit und Lüge , von Hölle und Himmel , nicht in jedem Menschen , wie in ihm , nur mit etwas mildern Farben ? - laß mein Urtheil über ihn , immer so weich als möglich sein , es ist gewiß ein gutes menschliches Gefühl , was uns so mild gegen die Todten macht , die sich nun nicht mehr vertheidigen , nicht mehr sagen können , wie oft sie misverstanden worden , und wie schmerzlich ihnen vielleicht oft eben dann zu Muthe war , wann sie Andern hart und gefühllos erschienen ! - Ich erwarte sehnlich einen Brief von Dir . Eine Menge Geschäfte , die alle Geistesgegenwart erfordern , drängen sich in trauriger Verwirrung um mich her ; so bald ich kann , schreibe ich Dir wieder . Zweiter Brief Amanda an Julien Nur mit Mühe , meine Freundin , vermag ich mich aus dieser Verwirrung von prosaischen Dingen heraus zu reissen . Albrets Angelegenheiten sind zum Theil in großer Unordnung ; und doch möchte ich dem Vertrauen , mit welchem er mir die Berichtigung derselben übertrug , gern auf das Vollständigste entsprechen . Täglich kommen Briefe ; täglich giebt es neue Geschäfte abzuthun . - Wie verändert , wie tief verändert ist alles um mich her ! - Wohin sind die lieblichen Bilder , die himmlischen Träume , geliebte Schmerzen ? - Oft dünkt es mir , ich sei mit kalten Blicken in die todte Sphäre hinüber getreten , wo alles in das öde Gebiet des Irrdischen versinkt , wo die klingenden Spiele der Phantasien schweigen , kein Zauberduft die Wesen mehr umwallt , und die Nothwendigkeit nicht mehr durch den Schleier des Schönen verhüllt , offen und vernehmlich ihre Ansprüche geltend macht . - O ! warum ist das Leben denn ein immerwährender Kampf ! - Frei tritt der Mensch in die Welt ; noch wird seine Jugend von dem Wiederschein einer höhern Sonne beglänzt ; aber überall lauern die unterirdischen Geister , die Sorgen der Erde , ihn zu sich herab zu ziehen ; wohin er flieht , verfolgen sie ihn , und rettet er sich auf die Höhen der Liebe und Phantasie ; so dringen die Stürme des Himmels die Pfeile des Schicksals auf ihn ein , und beängstigen sein schlagendes Herz ! Wilhelm soll mich nun nie verlassen ; er war mir immer lieb , aber nun ist er mir heilig . Mit sonderbarem Gefühl betrachte ich ihn , als ein Wesen , das mir so ganz hingegeben ist , und fühle dann mit ruhigem Selbstbewußtsein , daß er sich dieses Looses wohl erfreuen darf . - Ich werde für seine künftige Bildung sorgen , so gut ich kann , das heißt , ich werde ihm seine Eigenthümlichkeit zu erhalten suchen . Denn die Menschen werden verschieden gebohren . Wie die Pflanze , das Thier , jede Erscheinung , eine besondere Form hat ; so auch sie . Keiner darf deshalb zürnen , wenn ihm die Natur vorzügliche Gaben versagte , denn jeder erscheint , wie er kann , und ist darum für sich nicht schlechter , wenn er sich nur den Sinn erhält , über seine Verhältnisse zu den Andern frei denken zu können . - Der Mensch , so denke ich , Julie , soll immerhin Alles um sein selbst willen thun , aber man kann ihn lehren , sein eigenes Glück darin zu finden , daß er für Andre lebt . Diese einfache Idee spricht unmittelbar an das Herz , und ist dem Kinde , dem ungebildeten Menschen , verständlich . Jede Aufopferung für einen Andern , die nicht aus Neigung geschieht , ist unnatürlich ; sie zerwühlt das eigene Herz und steht fruchtlos im Aeußern da . Menschen sollen recht gegen einander handeln , aber nicht großmüthig . Großmuth ist anmaaßend , weil sie nur höhern Wesen zukömmt , und grausam , weil sie Andere erniedrigt . - Könnte nur , - ich wiederhole es - ein jeder seine Natur verstehen lernen ! Und glücklich der , dessen Neigungen ein freies , angemessenes Gebiet im Leben finden , wo sie sich äußern können , denn die Neigungen sind immer gut ! Sehr oft sehe ich auch jetzt den Grafen * * , der sehr bekannt mit Albrets Angelegenheiten ist , und mir in meiner verwickelten Lage , viele Dienste leistet . - Manches von dem , was er mir aus Albrets Leben erzählt , giebt mir Aufschluß über Vieles , was mir so lange dunkel geblieben ist , und neue Veranlassung über die unselige Verschlossenheit dieses Mannes zu trauern . - Denn ich weiß es wohl , Julie , daß Aufrichtigkeit nicht immer eine gesellige Tugend genannt werden kann ; daß der Mensch , der für Andere und mit Andern leben will , oft etwas von der Wahrheit seines eigenen Wesens aufopfern muß , um des Ganzen willen . Auch möchte ich nicht gern zu denen gehören , die bitter auf die Klugheit schimpfen , weil sie zu ungeschickt sind , ihr eigenes Leben , so wie sie gern es wollten , durchzuführen . Aber , ich fühle es jetzt innig in der Seele , geoffenbart : nichts kann beruhigen als Wahrheit , nichts erfreuen , nichts beglücken , als sie . - Und darum ist - die Zeit der Liebe , auch die schönste , glücklichste Zeit des Lebens , weil da reine , ewige Wahrheit ist ; denn niemals werde ich so thöricht sein , das Unendliche , Himmlische - Wahn , und das Irrdische , Beschränkte , - Wahrheit zu nennen . Dritter Brief Amanda an Julien Die Natur lebt wieder auf ; die letzten dürren Blätter säuseln in den singenden Strom hernieder ; ein frisches Grün breitet sich über den Grund , und die Rebe weint schon dem Frühling ihre