. - So viel weiss ich denn jetzt , warum die Witwe diesen Morgen bei Ihnen gewesen ist . Nun ? - Eben dieser Verlegenheit wegen mit Horn . - Den Bruder zu sich bitten zu lassen , ging seiner Unpässlichkeit wegen nicht an ; ihn zu besuchen , da er noch ledig ist , schien gegen den Anstand zu seyn : und doch war die Sache dringend , und die Witwe - ich wiederhole ihre eigenen Worte - die Witwe fühlte durch das edle Benehmen des Bruders , wovon sie nie anders als mit inniger Rührung spricht , ihr ganzes Vertrauen an den Namen Stark wie gefesselt . Sie wollte also diesmal bei dem Vater suchen , was die Umstände von dem Sohne zu fordern nicht zuliessen : Rath , Hülfe , Vermittelung , Unterstützung . Und hat geschwiegen ? Weswegen ? Sie hat gesprochen , wie sie mir sagt . Nein ! - Sie hat wohl sicher gesprochen ; aber - - Nein ! - wiederholte der Alte mit einem Nachdruck , der seine noch fortdaurende ärgerliche Stimmung verrieth . Ich denke , mein , guter , lieber Vater hat sie nur nicht gehört , nicht verstanden . Dann hat sie auch nicht gesprochen , sondern gemurmelt . Die verwünschte Gewohnheit des Murmelns wird von Tage au Tage ärger . In meiner Jugend sprach man zum Maule heraus . - Am Ende , wahrhaftig ! fordern die Menschen noch , man soll ihre Gedanken hören . Sie ist furchtsam , das arme Weib . Verzeihen Sie ihr ! Sie Selbst haben sie dann noch furchtsamer gemacht . Ich ? - Weisst du , was du da sprichst ? - Ich mache niemand furchtsam , der etwas zu bitten hat , sondern ich muntre ihn auf und höre ihn an ; und wenn sich ' s ohne meinen eignen zu grossen Nachtheil thun lässt , helf ' ich ihm ohne Umstände und gerne . Die elende , nichtswürdige Kunst , durch Achselzucken und Sauersehen und langes Bedenken seinen Gefälligkeiten Werth zu geben , hab ' ich niemal verstanden . - Das hätte die Frau Tochter wissen und der Witwe schon sagen können . Hab ' ichs denn nicht ? - Werden Sie doch nicht unwillig , mein lieber Vater ! Unwillig ! Nun werd ' ich gar unwillig ! - Wie kömmst du mir heute vor ? Ach , ich kann wohl Unrecht haben ; ich glaub ' es selbst . - Hätt ' ich mich recht bedacht , so wär ' ich lieber gar nicht gekommen . Ich bin so missmüthig gestimmt . Über die Witwe ? - Ja . - Und dann - wie die kleinsten Umstände das Herz oft am meisten rühren - Nun ? - Ich sah , eh ' ich in das Wohnzimmer der Lyk trat , ein paar Augenblicke durch das Spiegelglas in der Thüre . - Da sass die gute Frau , in die eine Ecke des Sopha gedrückt , den Arm auf ein Kissen gestützt , und ein Tuch in der Hand , um sich die Thränen zu trocknen . Ihr zur Seite sassen , jedes auf seinem Schemelchen , die zwei unschuldigen Kleinen , die sonst immer so froh um sie herumschwärmten , aber jetzt , wie es schien , an das Spiel gar nicht dachten : sie sahen so still in den Schooss nieder , als ob sie den Herzenskummer der guten Mutter theilten ; und blickten dann endlich , weil diese vielleicht eben einen tiefen Seufzer ausstieß , von der Seite zu ihr hinauf , mit einem Ausdruck in ihren Augen ! in ihren grossen , blauen , himmelreinen Augen ! mit einer Bänglichkeit , einer Zärtlichkeit , einem Ernst ! - ich dachte an meine eigenen Kleinen , und dachte an Sie . Wenn Sie das gesehen hätten , mein lieber Vater ! - Sie riss das Tuch heraus , und fuhr sich damit an die Augen . Sind ' s denn so artige Kinder ? - fragte der Alte mit einem Tone , der auf einmal wieder ganz weich war . Ach so wohlgezogen und artig ! - Freilich hat die Frau nur diese beiden zu übersehen , und ich ihrer mehrere : aber dennoch erkenn ' ich sie in der Kunst der Erziehung für meine Meisterinn ; sie regiert die Kleinen mit Einem Blicke , mit Einem Winke , und das niemal im Bösen , immer in Liebe . - Doch ich stehe und plaudre , und vergesse , dass meine Kleinen zu Nacht essen wollen . - Ich muss fort , lieber Vater . Leben Sie wohl ! Verzeihen Sie , wenn ich mit meiner üblen Laune Sie heute angesteckt habe ! Es soll nicht wieder geschehen . - Sie küsste seine Hand , und verschwand . - - Das Herz des Alten war ein an sich so guter und jetzt durch die gehabten kleinen Erschütterungen so trefflich aufgelockerter Boden , dass es gar nicht anders seyn konnte , als der hineingestreute Same des Mitleids musste reichliche Früchte tragen . - Herr Stark konnte zu Abend nicht essen , und die Nacht über nicht schlafen . Immer schwebte ihm die kleine Gruppe vor , die ihm die Tochter geschildert hatte , und immer war ' s ihm , als ob er hin müsste , um der Witwe das Tuch aus der Hand und die kleinen lieben Waisen auf seine Arme zu nehmen . Ausser diesem Bilde , waren es noch Gedanken anderer Art , die ihn beunruhigten , und von einer Seite zur andern warfen . - » Die Witwe fühlte ihr Vertrauen an den Namen Stark wie gefesselt . « - Das schien ihm gleichsam ein Schuldbrief zu seyn , ein Wechsel , den der Glaube an Tugend auf seine Ehre gezogen hatte , und den er unmöglich anders als honoriren konnte . - » Sie hatte bei dem Vater suchen wollen , was die Umstände von dem Sohne zu fordern nicht zuliessen