fiel oft seiner Pflegemutter mit geschlossenen Augen zitternd um den Hals oder nahm draußen im Freien von dem verreisenden Pflegevater einen einsamern und heißern Abschied . - Und nun wurde vor solchen reinen und scharfen Augen der Isis-Schleier der Natur durchsichtig , und eine lebendige Göttin blickte mit seelenvollen Zügen darunter in sein Herz . Ach als wenn er seine Mutter fände , so fand er jetzt die Natur - jetzt erst wußt ' er , was der Frühling sei und der Mond und das Morgenrot und die Sternennacht Ach wir haben es alle einmal gewußt , wir wurden alle einmal von der Morgenröte des Lebens gefärbt ! .... O warum achten wir nicht alle ersten Regungen der menschlichen Natur für heilig , als Erstlinge für den göttlichen Altar ? Es gibt ja nichts Reineres und Wärmeres als unsere erste Freundschaft , unsere erste Liebe , unser erstes Streben nach Wahrheiten , unser erstes Gefühl für die Natur ; wie Adam werden wir erst aus Unsterblichen Sterbliche ; wie Ägypter werden wir früher von Göttern als Menschen regiert ; - und das Ideal eilet der Wirklichkeit , wie bei einigen Bäumen die weichen Bluten den breiten rohen Blättern , vor , damit nicht diese sich vor das Stäuben und Befruchten jener stellen . - Wenn oft Albano von seinen innern und äußern Irrgängen nach Hause kam , zugleich trunken und durstig - zugleich mit geschlossenen Sinnen und mit geschärften , träumend , aber wie Schläfer , die das Auslöschen des Lichts herber empfinden - : so braucht ' es freilich wenige kalte Tropfen von kalten Worten , damit die heiße , in Fluß gebrachte Seele von den fremden kalten Körpern in Zickzack und Klumpen zerschoß , indes eine warme Form den Guß zur lieblichsten Gestalt geründet hätte . - Bei so bewandten Umständen wird sich freilich keiner wundern über das , was ich bald berichten werde . Der Tanz- , Musik- und Fecht-Meister , der wenig auf seine Pas , Griffe und Stöße großtat , aber desto mehr auf seine ( Reichstags- ) Literatur - denn die neuen Monatsnamen , die Klopstocksche Rechtschreibung und die lateinischen Lettern in deutschen Briefen hatt ' er früher in seinen als einer von uns - , wollte dem Wehrfritzischen Hause gern zeigen , daß er ein wenig mehr von Literatur verstehe und da wisse , wo der Hase liegt , als andere Wiener ( um so mehr , da er gar nichts las , nicht einmal politische Zeitungen und Romane , weil ihm lebendige wahre Menschen lieber waren ) ; - er trat daher nie ins Haus , ohne zwei Taschen voll Romane und Verse für Rabette und Albano . Dazu half seine unendliche Dienstbeflissenheit - und sein kollegialisches Wettrennen mit Wehmeier im Bilden und sein Anteilnehmen am verstummenden Jünglinge , dem er aus den süßen Träumen , die der Rubin30 des glänzenden jugendlichen Lebens schenkt , mit den exegetischen Traumbüchern , den Dichterwerken , helfen wollte . Die Umwälzung des Jünglings , der nun ganze romantische Everdingens-Wiesen abmähete und ganze poetische Huysums-Blumenrabatten abpflückte , auch nur leidlich zu schildern , hab ' ich jetzt wegen der oben versprochnen Wundersache weder Zeit noch Lust ; genug , daß Albano , so dasitzend - der Himmel der Dichtkunst vor ihm aufgetan , das gelobte Land des Romans vor ihm ausgebreitet - , einem Erdballe glich , an welchen mehrere Schwanzsterne sich brausend anwerfen und der mit ihnen gemeinschaftlich aufbrennt . Allein wie weiter ? Der Wiener , das muß ich noch vorher sagen , war ein eitler Narr ( wenigstens in Punkten der Demut , z.B. seiner Zwergfüße , seiner Literatur , seines Glücks bei Weibern ) und ließ besonders durch vertraute Gemälde von Großen und Damen gern auf sein Föderativsystem mit den Originalen schließen . Der arme Teufel war freilich arm und glaubte mit mehrern Autoren , er und diese hätten - ungleich dem Salomo , der Weisheit erbat und Gold erhielt - umgekehrt das Unglück gehabt , nur erstere zu empfangen , indes sie um letzteres geworben . Kurz aus solchen Gründen wollt ' er - im Vorbeigehen gesagt - gern den Glauben im Wehrfritzischen Hause ausgebreitet wissen , daß er sehr gut stehe bei seiner vorigen Schülerin , der Ministers-Tochter- Liane , glaub ' ich , wenn ich anders Hafenreffer Hand richtig lese - , und daß er sie oft genug sehe und spreche bei ihrer Mutter . Dazu kam noch , daß kein wahres Wort daran war ; durch den Tempel , worin Liane war , ging kein Durchgang für ihn . Allein um so weniger konnt ' er den Direktor vorauslassen , der sie öfters sah und zu Hause immer eifriger lobte , bloß um die roh unschuldige , von niemand je erzogne Rabette auszuschelten . Der Wiener wollte freilich auch noch den Grafen - dem er nur die Küste der Freundschaftsinsel Roquairols von weitem zeigte , aber keine Anfurt zur Landung - durch die Schwester listig von dem Bruder ablenken ( er war unvermögend , ihn länger zu belügen und hinzuhalten ) : denn warum malt ' ers ihm so lange aus , wie giftig vor einigen Jahren der Nacht- und Todesfrost über den Retraiteschuß des Bruders , den sie zu innig liebe , auf diese so zarten weißen Herzblätter gefallen sei ? Öfters hing er unter dem Essen breite , von Wehrfritz kontrasignierte Meritentafeln von Lianens musikalischen und malerischen Fortschritten auf , um scheinbar seinen Klavier- und Zeichenschüler zu größern anzutreiben . Denn wär ' es nicht scheinbar : warum klebt ' er ebenso lange Altarsblätter von Lianens Reizen bei Rabetten auf , bei dieser Unparteiischen , die , nur mit Pfarrers- , nicht mit Ministers-Töchtern wettrennend , fast so freudig städtische Schönheiten wie wir Homerische preisen hörte und vor der nur ein windiger Tropf , der sich vor Weibern aufrecht und im Sattel durch Lobgesänge auf fremde erhalten will , seine auf Lianen anstimmen konnte ? Wahrlich , vor einer so resignierten und neidlosen Seele , als