stehen schienen ... Er versprach es , sich aufzuraffen ... Morgen in erster Frühe sollte ihm der Druckerbursche Kleider bringen ... In der Abenddämmerung wie jetzt wollte er entschlossen auf das Hofthor zugehen , den Schlüssel , der von innen steckte , umwenden , und noch ehe man ihm nachsah , versicherte er , daß der Wagen ihn schon aufgenommen und entführt haben könnte ... Diese Verständigung war , als wenn ein in Schutt begrabener Brand durch den Hinzutritt von Luft sich aufs neue entzündet . Die Flammen der Jugend schlugen empor , alle Wahngebilde der Selbsttäuschung wirbelten in flockigen Feuerzungen ... Ich dich lassen ! rief er wie einst . Ich dich nicht wiedersehen , Lucinde ! Mein Geschick ist und bleibt , zu sterben am gebrochenen Herzen durch deine Untreue , deine Falschheit , deine Lüge - Himmelsbote , vergib , daß ist dich lästere ! Lucinde ! Lucinde ! Liebst du wirklich jetzt - Sie entwand sich seiner Frage , seiner Berührung ... Nur den Saum deines Kleides laß mir ! Ganymed ! Götterknabe ! Bist ja nur - mein Bruder ! ... Ach Lucinde ! Zu wissen , daß dein Herz , deine Liebe einem andern , einem Mann gehört , der die Himmel deines Besitzes nicht ahnt - verschmäht wol gar - ? Plötzlich unterbrach Lucinde seine ihr tief schmerzliche und theilnehmende Rede ... Es war ihr eben gewesen , wie wenn mit einem Eisenstab an die Thorpforte geklopft wurde ... Dann klingelte es heftig ... Sie sprang auf und sah in den Hof hinunter ... Jemand leuchtete mit einer Laterne im Hofe Ankommenden entgegen ... Statt eines traten zwei Männer herein . Die Thorpforte blieb offen ... Wer kommt da ? fragte Lucinde , schon erstarrt , den gleichfalls völlig Besinnungslosen ... Ihre Worte erstickten im Schrecken vor dem Zurückspringen eines scheuen Pferdes und dem Hören eines metallenen Klanges , der von einer Waffe zu kommen schien ... Auch eine geschlossene Chaise ließ sich aus der spärlich erhellten Dunkelheit als draußen vorgefahren erkennen ... Wem gilt das ? fragte Lucinde ... Klingsohr wollte das Fenster öffnen ... Sich langsam sammelnd sprach er vom andern Flügel des Hauses , in den man vielleicht einen wahnwitzigen Priester brächte oder aus dem man den , der das Haus schon lange beunruhigte , abholte ... Dem Joseph war unten die Laterne ausgegangen und hellauf gellten die ihm von Kratzern über seine Ungeschicklichkeit gemachten Vorwürfe . Frau Hanne wurde gerufen und im selben Augenblick , wo gerade einer der Bewohner des Hauses heimkehrend durch die offene Pforte eintreten wollte , sprengte der Reiter ihm in den Weg und fragte nach seiner Befugniß , hier einzutreten ... Es war ein Gensdarm ... Was wird ? ! fragte Lucinde verzweifelnd und die Worte : Wenn ich entdeckt würde ! erstarben schon auf ihren Lippen ... trotzdem , daß sie auf mögliche Entdeckung vorbereitet und auf alles gefaßt gekommen war ... Klingsohr beruhigte sie und horchte ... Die beiden Civilisten hatten mit Kratzer schon den Mittelbau betreten . Schon hörte man sie auf der Stiege reden , ohne daß durch die langen Corridore der Inhalt ihrer Worte verständlich werden konnte ... Mich hier treffen - mich erkennen ! Nimmermehr ! rief Lucinde . Auf ewig wär ' ich verloren ! Alle ihre Fassung war hin ... Schon hatte sie die Thür ergriffen und sogar ihren Regenschirm wie zum Schutz in der Hand ... Man geht drüben hinüber ! beruhigte Klingsohr , der sich in die Störung nicht finden konnte ... Oder geh ' , geh ' ! sprach er ihr nach , da sie schon ging . Man wird dich durchlassen . Hier nimm die Papiere ! Muth ! Muth ! Morgen geh ' ich nach Belgien ! Wir sehen uns wieder ! Lucinde stand plötzlich , einer Ohnmacht nahe ... Lucinde ! Hast du mich nicht neu belebt ? Und du willst zagen ? Höre ruhig ! Was du mir räthst , ist nichts Kleines . Ich werde ein Verräther an meinem Orden ! Ich büße drei neue furchtbare Jahre meines Lebens ! Man wird mich in Kerker und Peinen der entsetzlichsten Art werfen ! Ich kenne , was ein Flüchtling aus einem Orden in einen andern zu bestehen hat ! ... Lucinde hörte nicht mehr ... Nummer Sechzehn ? sprach sie nach außen das Ohr spitzend einem Worte nach , das sie gehört zu haben schien ... Mechanisch sprang sie an die Seitenthür , die zu Klingsohr ' s Schlafcabinet führte ... Klingsohr konnte sie nicht halten und in der That - schon nahten sich die Schritte der Ankömmlinge und schienen wirklich nur seine Thür zu suchen ... Instinctmäßig drückte Lucinde die Kammerthür an und tastete im Dunkel nach dem Ausgange , der gleichfalls auf den Corridor führte . In demselben Augenblick , wo sie bei Klingsohr eintreten hörte und voll Furcht nach der Thür griff , um nach einem Schlüssel zu fühlen , schloß sie auch schon , da sie einen Schlüssel vorfand , leise auf , drückte die Klinke nieder und wollte davonhuschend sich entfernen ... Beim ersten Schritt aber , den sie hinaus that , sah sie einige Schritte weiter den zurückgebliebenen Kratzer mit dem zweiten der Angekommenen , in dem sie sofort an seiner Montur einen Commissär der Polizei erkannte ... Belebte sich auch ihr Muth , jetzt an dem Castellan vorüberzugehen und trotzig das Freie zu gewinnen , so entschwand er im selben Momente . Wie der Blitz trat sie zurück , als sich die Thür bei Klingsohr geöffnet hatte und nun auch Kratzer von einem Manne mit hereingerufen wurde , den sie sofort aus Kocher am Fall und von ihrer Reise dorthin erkannte , dem Assessor von Enckefuß . Nun würde sie der Commissär sicher nicht haben ungefragt vorübergehen lassen . Auch stand ihr noch jener am Thor wachende Gensdarm mit dem Anspringen seines Rosses vor Augen ... Bebend hielt sie den Thürdrücker in der Hand und lauschte der geöffnet gebliebenen Nebenthür , wo