mich erkennen lernte ? Hat sie allein mich doch zu der inneren und äußeren Selbständigkeit geführt , die ich im Weißenbach ' schen Hause und in der Abhängigkeit von des Freiherrn Willen schwerlich oder doch weit später erst errungen haben würde ! Muß ich Dir heute noch versichern , daß ich mit meinem Lebensgange und Lebensloose ganz und gar zufrieden bin , weil sie mir für alle meine Fähigkeiten die Möglichkeit einer vollständigen Entwicklung , für all mein Wollen und Thun eine völlige Freiheit gewähren ! Was hat das Leben mir denn versagt ? Was könnte ich wünschen , das ich mir nicht zu erringen vermöchte ? Oder was besitzt Renatus , des Freiherrn Erbe , um das ich ihn zu beneiden hätte ? - Und vollends seit Du mir gewiß bist , seit Dir , Du Geliebte , zu Gute kommen soll , was ich schaffe und bin , fügte er zärtlich hinzu , Davide in seine Arme schließend - was könnte ich noch verlangen ? Aber Seba gab sich so leichten Kaufs nicht für überwunden . Der Unterschied , den Du zwischen einem Erzeuger und einem Vater machst , widerstrebt meinem ganzen Empfinden , sagte sie . Der Mensch hängt , wie ich es fühle , unzertrennbar mit denen zusammen , denen er sein Dasein schuldet . Er kann sich nicht denken , ohne an sie zu denken - sie sind seine Voraussetzung . Und war es denn nicht ein Gefühl der brüderlichen Zusammengehörigkeit , mit welchem Du , Renatus erkennend , ihm trotz eigener Gefahr zu Hülfe eiltest ? Du irrst , Liebe ! In jenem Augenblicke dachte ich gewiß an nichts und an Niemanden weniger , als an irgend eine Verwandtschaft mit dem Herrn von Arten ! Ich eilte einem Angegriffenen , einem Kameraden zu Hülfe und erkannte in ihm den jungen Freiherrn ! Welchem Bedrängten hätte ich , hätte jeder Andere nicht das Nämliche gethan ? Was aber kann Dich also zögern machen , den Auftrag von Renatus anzunehmen und seinem bittenden Wunsche zu entsprechen ? Du würdest keinem Andern an seiner Stelle diesen Dienst verweigern , wie mich dünkt ! Nein , gewiß nicht , entgegnete ihr Paul , und das eben ist es , was mich die Tage hier innerlich belästigt hat ! Ich wiederhole es mir , daß ich keinen ausreichenden Grund habe , mich dieses Dienstes zu weigern , daß ich ihn dem Freiherrn wenigstens bis zu seiner Heimkehr zu leisten nicht wohl umhin kann , ohne ihm zu Vermuthungen über mich Ursache zu geben , die jedes Anhaltes entbehren ; und doch wollte ich , ich fände einen Anlaß , mich von dem Anspruche wie von der Leistung zu befreien ! Paul stand auf , ging an das Fenster und blickte eine Weile schweigend hinaus . Da trat Davide zu ihm , legte ihren Arm in den seinigen und fragte : Besorgst Du denn irgend welche Unannehmlichkeiten für Dich , wenn Du das Verlangen des Barons erfüllst ? Paul besann sich . Einen eigentlichen Nachtheil für mich befürchte ich nicht , gab er ihr zur Antwort . Aber , fügte er hinzu , und die Frauen erkannten an seinem Tone , daß der Unmuth in ihm rege wurde , aber an Unannehmlichkeiten würde es dabei für mich nicht fehlen ; denn Ihr kennt meine Unlust an allem halben Thun und meine Abneigung , mich mit den Angelegenheiten einer Kaste zu befassen , welche sich schon durch ihre bloße Geburt von der Allgemeinheit abgesondert und über sie erhaben glaubt . Ihr wißt , ich habe die im Ganzen stets kleinlichen Geschäfte , welche der Vater mit dem Adel des Landes zu machen pflegte , nach und nach völlig von uns abgewiesen . Sie sagten mir nicht zu , und ich ziehe es ohnehin vor , mit meines Gleichen in Geschäftsverkehr zu stehen ! Seba schwieg noch einen Augenblick , um seiner Stimmung zum Ausklingen die Zeit lassen , dann sagte sie : Du tadelst uns , und stets mit Recht , wenn Du uns in einem Vorurtheile befangen findest . Ist Deine Abneigung gegen den Adel im Allgemeinen denn nicht auch ein Vorurtheil , wie jedes im Allgemeinen über einen ganzen Stand gefällte Urtheil ? Nein , versetzte Paul , und es überrascht mich , in Dir einen heimlichen Bundesgenossen des jungen Freiherrn , ja , eine Art von Vorliebe für den Adel zu entdecken , die ich , ich möchte sagen , in Deinem Tone mehr noch als in Deinen Worten höre . Deine bittende , entschuldigende Stimme spricht für sie , und ... Er hielt inne und sprach dann mit unverkennbarer Bitterkeit : Du weißt es , dünkt mich , es waren nicht die Herren von Arten , die zuerst den Widerwillen gegen die Adelskaste in mein Herz gedrückt haben ! Es entstand eine Pause ; Seba war bleich geworden . Paul , der sich nur selten zu einer Härte hinreißen ließ , besonders wo diese einem geliebten Menschen schmerzlich werden konnte , bereute seine Uebereilung auch sofort . Und wie er eben jetzt von dem Allgemeinen zu einem Persönlichen übergegangen war , versuchte er nun , von diesem zu jenem seinen Rückweg zu finden . Von einem wirklichen Vorurtheile , hob er an , kann , wie mich dünkt , überhaupt nur da die Rede sein , wo es sich um bloße Meinungen , um Vermuthungen , um unbestimmte Abneigungen , nicht aber , wo es sich um ganz entschiedene Thatsachen und um sehr wesentliche Vorrechte handelt , welche noch in jedem Augenblicke von einem bis jetzt vielfach bevorzugten Theile der Staatsangehörigen gegen alle übrigen Staatsbürger geltend gemacht werden können . So lange es noch Gesellschaften gibt , die sich einem Bürgerlichen blos um seines Blutes willen verschließen , Würden und Aemter , die man ihm aus gleichem Grunde vorenthält , so lange die Heirath eines Edelmannes mit der edelsten Tochter einer ehrenhaften bürgerlichen Familie , mag des Adeligen Charakter noch so elend , sein Ruf noch so