Flügel des Schloßbaues sah , denselben , nach dessen Fenstern Graf Fohrbach , sowie seine jungen Kameraden zuweilen ihre Beobachtungen anzustellen pflegten . Der erste Stock dieses Baues war , wie wir ebenfalls wissen , von seiner Excellenz , dem General-Adjutanten Baron von W. , bewohnt , einem alten Herrn , dessen Bekanntschaft wir auf der Soiré e des Kriegsministers Excellenz gemacht . Der Baron hatte seine großen Eigenthümlichkeiten , und eine für die königlichen Adjutanten gerade nicht angenehme bestand darin , daß er stundenlang an einem Fenster seiner Wohnung saß und mit einer Lorgnette die Umgebung des Schlosses , die An- und Abfahrenden , Fußgänger und Reiter beobachtete . Es war gerade , als führte der alte Herr darüber ein Journal , denn wenn er zufällig etwas entdeckte , was nicht jeden Tag vorkam , so vergaß er das niemals und wußte es später bei einer Hoftafel , einem Ball oder dergleichen immer so anzubringen , daß irgend Jemand darüber in Verlegenheit kam , oder doch in den Fall sich entschuldigen zu müssen . Viele suchten die Ursache dieser bösartigen Schwatzhaftigkeit Seiner Excellenz in dem Alter desselben oder in der Einsamkeit , in der er seine meisten Stunden verbrachte , denn Kinder hatte er keine , und mit der Baronin , seiner Frau , so munkelte die böse Welt , lebte er auf gar keinem vertraulichen und mittheilsamen Fuße . Die älteren Herren bei Hofe aber , die ihn noch von der Zeit her kannten , wo er als Adjutant des hochseligen Königs fungirte , nannten ihn , wenn sie allein waren , einen boshaften Affen , dessen einziges Vergnügen es von jeher gewesen sei , die Leute unter einander zu verhetzen , überall Zwietracht zu säen und sich dann händereibend an den unangenehmen Scenen zu erfreuen , die er angestiftet . Wenn man übrigens die alte Excellenz sah , wie sie so mit gekrümmtem Rücken dahin schlich , die Hände hinter sich haltend , in der Rechten eine goldene Tabati ère , die sie mit zitternden Fingern beständig drehte , leise und vorsichtig dahin gleitend , um kein Aufsehen zu erregen , von einem Salon in den andern , und dazu das spitze , gelbe vertrocknete Gesicht , die lebhaften , listigen Augen und die schwarze Perücke , so mußte man , nach dem Aeußern urtheilend , unbedingt der Ansicht Derer sein , welche den General für einen Schleicher hielten und ihm nichts Gutes zutrauten . Bei den jüngern Adjutanten und Ordonnanz-Offizieren galt er überdies für einen Hofwetter-Propheten , und alle behaupteten steif und fest , wer von ihnen den Baron drüben des Morgens vor dem Rapporte in seiner weißen Nachtmütze am Fenster erscheinen sehe , der habe unbedingt im Laufe des Tages irgend eine Unannehmlichkeit zu erwarten . Und diese böse Vorbedeutung konnte nur paralisirt werden , wenn sich zufälligerweise auch die Baronin sehen ließ . Denn daß die arme Frau der gute Geist des Hauses sei , die Schönheit , Liebenswürdigkeit und Grazie in Person , darüber waren nicht blos die jüngeren und älteren Herren , sondern , was viel sagen will , selbst die alten Hofdamen einig . Die arme Frau führte aber bei ihrem Tyrannen ein beklagenswerthes Leben . Fast täglich berichteten die Adjutanten einander über Scenen , die es drüben gegeben , und wenn man gerade nichts sah , so hörte man öfters die schrille Stimme des Barons , oder entnahm einen vorübergegangenen Sturm aus allerhand kleinen Anzeichen . Man bemerkte dann die schöne Frau mit verweinten Augen , man sah sie in ihrem Coupé ausfahren , in welchem auf seinen Befehl die grünen Vorhänge fest herabgezogen waren . Der General wußte übrigens ganz genau , daß man ihn vom Schlosse aus beobachte , und deßhalb hatte er schon öfters wochenlang seine Fensterläden fest verschlossen gehalten . Doch konnte er sich nicht entschließen , die andere Seite seiner Wohnung zu beziehen , denn es war ihm , wie schon früher bemerkt , ein Bedürfniß geworden , die Ein- und Ausgänge des Schlosses vor Augen zu haben . Es war kurz vor der Carnevalszeit und der Major von S. hatte den Dienst in dem königlichen Vorzimmer . Er stand vor dem schon oft erwähnten Fenster , neben ihm Graf Fohrbach , und das Gespräch war unter Anderem auf die Bewohner des Schloßbaues gekommen , und beide Herren ergingen sich in ähnlichen Betrachtungen , wie wir sie eingangs dieses Kapitels unseren Lesern mitgetheilt haben . » Es muß da drüben in der letzten Seit etwas vorgefallen sein , « meinte der Major . » Du hast wohl auch davon gehört ? « » O ja . Aber im Hause selbst ist nichts passirt ; du meinst die Geschichte auf dem neulichen Hofkonzerte . « » Ja , aber ich weiß sie nicht genau . Ich hatte an dem Tag den Dienst und war sehr dankbar dafür , daß es uns freigestellt wurde , zu bleiben oder zu gehen . Ich zog begreiflicherweise das Letztere vor . « » Ich dagegen war glücklich , daß man mich eingeladen , « lachte der Graf . » Das glaube ich . Du durftest schmachtend die Augen niederschlagen und sie wieder öffnen ; du durftest dir mit vielsagendem Blick durch das Haar fahren und deinen Schnurrbart kräuseln , du durftest hüsteln durch alle Nuancen . « » Allerdings . Aber trotzdem sah ich , was bei Hofe vorging und bin geneigt , dir darüber zu rapportiren . Du weißt , ich fuhr mit Steinfeld hieher . Der arme Kerl , viele Jahre abwesend , war aus allen Bekanntschaften heraus und mußte sich vorstellen lassen wie ein neuer , eben erst bei Hof erscheinender Kammerherr . Nun , ich sorgte für ihn und machte ihm die Honneurs bei Hofe . « » Da fingst du bei dem jüngsten Ehrenfräulein an ; ich kann mir das denken . « » Im Gegentheil . Ich sparte Eugenie fast bis zuletzt auf , aber du hättest seine großen Augen sehen sollen , als