zu vergessen . ' S ist Krieg , da hört Alles auf ! hörte die Königin mit eignen Ohren . Welche Schadenfreude auf den Gesichtern jener Soldaten , die an der Hecke nicht schulterten , und sie trugen den preußischen Rock , sie wussten , daß es ihre Königin war . Es sind ausgehobene Polen ! Sollte die Monarchin dies zugeflüsterte Wort beruhigen ? Unter dem blauen Rock sei Herz und Verlaß , hatte man sie gelehrt . Wenn nun Tausende von Herzen darunter schlugen , auf die kein Verlaß war , und Friedrichs Disciplin fehlte ! Daß diese nicht mehr sei , hatte sie in Weimar , Naumburg , selbst in Berlin von so vielen klagenden Stimmen gehört . Auf dem Kirchhof sangen Marodeure , die ihre Beute von Lobeda theilten , unter wildem Gekreisch das Räuberlied : Ein freies Leben führen wir , ein Leben voller Wonne ! - Die Königin , während der Umspannung einen Augenblick abgestiegen , hatte in die offene Kirche treten wollen , der Geistliche aber bat sie , umzukehren , es seien da Verwundete , Sterbende untergebracht . Es mochte noch mancher andere Anblick sein , nicht geeignet für die Augen einer zarten Frau . Am Ausgang hatte sie ein hingesunkenes Weib bemerkt , die Züge des Todes auf ihrem blassen , schönen Gesicht . Der Prediger wollte den Anblick mit seinem Rücken decken , aber die edleren Züge des Mädchens in der widerwärtigen Umgebung interessirten unwillkürlich die Königin . Wie kommt die Unglückliche hierher ? Der Geistliche hatte die Achseln gezuckt : » Eins von den Geschöpfen , welche die Soldaten mitschleppen , oder sie laufen ihnen von selbst nach . So was gehört freilich nicht in ein Gotteshaus , aber wer kann ' s hindern . Sie haben sie auch wohl arg mitgenommen da bei der Plünderung in Lobeda und geschlagen . Sie blutete . « Die Königin fühlte das Bedürfniß , der Armen etwas Wohlthätiges zu erweisen . Ach , sie hatte nichts , nicht einmal das , was jeder ihrer Diener bei sich führte , eine Börse . Sie wollte einen heranwinken , aber der Stallmeister stand schon mit der Miene banger Ungeduld am Wagenschlag . Aller Mienen sagten : hier ist nicht länger zu verweilen ! Es war stiller geworden auf der Straße . Der Wagen mit den müden Pferden fuhr aber nur langsam in den aufgewühlten Wegen . Zuweilen ließ der Wind den Kanonendonner von der Mittagsseite herübertönen . Es schien eine stillschweigende Uebereinkunft , nicht darauf zu achten . Die Hofdamen , von Ueberanstrengung erschöpft , nickten . Auch die Königin hatte den Kopf in die Ecke gelehnt , zu schlafen geschienen . Jetzt richtete sie sich auf , warf den Schleier zurück und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen . Nach einem kräftigen Athemholen löste sich ihr Schmerz in Thränen , sie glaubte ohne Zeugen ; aber ihr gegenüber in der Wagenecke wachten zwei Augen . Adelheid Alltag , die hier in bescheidener Zurückgezogenheit gesessen , wagte die Hand der Fürstin zu ergreifen und , halb auf das Knie sinkend , sie an die Lippen zu drücken . » Es ist ja noch nichts verloren . « » Nichts ! « sagte die Königin und schüttelte wehmüthig den Kopf . - » Aber Ihr Anblick , liebes Kind , sollte mir eigentlich Stärke geben . Würden Sie denn den Muth gehabt haben , Alles zu ertragen , wenn Sie voraus gewusst , was Ihnen bevorstand ? Die gütige Vorsehung verhüllte es mit einem Schleier . So hat der Vater im Himmel es wohl auch mit mir gefügt . Hätte ich das , was ich jetzt erlebe , noch vor zwei Jahren ahnen können , und wer sagt , was mir noch bevorsteht ! Da tänzeln wir im Flügelkleide der Lust und sehen überall Sonnenschein und Wiesengrün um uns , während die Herbststürme schon heranziehen . Aber es ist in seinem unerforschlichen Rathschluß , daß wir nichts davon ahnen , um gesund zu sein und stark , wenn sie hereinbrechen . « Adelheid versuchte von einer besseren nächsten Zukunft zu sprechen . Der Ton ihrer Stimme verrieth , daß sie nicht daran glaubte . » Nein , liebes Kind , ich täusche mich nicht mehr ; es ist vieles in diesen Tagen vor meinen Augen gerissen . Es ist nicht mehr , wie es war . Wohin ist unser Ansehen , wohin die Kriegszucht , wenn so kleine Derangements schon solche Unordnung bringen . Die Offiziere mussten ein Auge zudrücken . Wenn das die preußische Armee betrifft ! Wie hat man uns belogen ! Ich hörte Stimmen aus dem Volke - « » Wir sind hier nicht in Preußen . « » Auch in unserem Heere selbst . Ich hatte nicht geglaubt , daß unsere Offiziere so gehasst sind ! Dieser Widerwille gegen die Junkerherrschaft ! Und sah ich ' s nicht mit eignen Augen ! Die Brutalität gegen die armen Menschen , und diese alten Generale , denen drei Mann helfen mussten , um aufs Pferd zu steigen . Die in Weimar lachten , unsere Soldaten verzogen auch den Mund . Der wackere Rüchel suchte es mir zu verbergen . Ach , er ist auch gefürchtet und gehasst - « » Desto allgemeiner verehrt und geliebt ist Seine Majestät der König . « - » Gott sei Dank ! Aber auch ich bin verredet , gehasst , verleumdet . « - » Um Gotteswillen , Ihro Majestät , es ist nur eine Stimme der Liebe und Bewunderung - « Durch einen Lärm draußen wurden sie unterbrochen . Eine durchdringende Stimme hatte schon aus der Ferne ein wiederholtes Zurück ! gerufen . Die Pferde , entweder scheu geworden oder angehalten , hatten eine Bewegung nach rückwärts gemacht , auch der Wagen war davon zurückgestoßen , als man das Fenster von innen niederließ . Ein staubbedeckter Reiter sprengte mit verhängtem Zügel ihnen entgegen . Sein Wehen mit dem Tuche hatten sie in den Staubwirbeln , die um