! Das Leben ist zu arm daran . Wenn ich nur nicht fürchten müßte ... Louis stockte und blickte zufällig auf den Pavillon ... Egon foderte ihn auf zu reden . Lies diesen Brief ! sagte Louis , um noch auszuweichen ... Egon entfaltete das duftende Papier und las , was ihm Helene d ' Azimont mit ihrer zierlichen kleinen Hand geschrieben hatte . Zweites Capitel Der Pavillon Helene schrieb Egon in deutscher Sprache : » Heute , mein geliebter Egon , sind sechs Wochen vorüber , als ich vor deinen Fenstern im Wagen hielt , mitten in der Nacht , eben von der Reise gekommen . Ich konnte nichts von dir entdecken als den Schimmer eines Lichts , das vielleicht vor deinem Lager stand , als du schon die Annäherung dieser schrecklichen Krankheit , die dich niederwerfen sollte , fühltest . O welches rauschende Leben glaubt ' ich zu finden , einen belebten Palast , auf- und abschwirrende Diener , hellerleuchtete Fenster , Wagengerassel ... und ich fand ein fast ausgestorbenes Haus , in dem nur mein Egon lebte , nur sein Pulsschlag mir hörbar erschien . Wie hab ' ich seitdem die Schläge meines Herzens gezählt ! Wie mich mit dem Ohr auf die Erde gelegt , um etwas von dir zu vernehmen ! O Gott , Das ertragen zu sollen ! Wenn ich zurück denke und mir noch einmal vorstelle , daß ich in einer Stadt mit dir leben und dich nicht sehen sollte , ich begriffe nicht , was einem Herzen möglich ist , das dulden kann und hofft . Aber nun öffnen sich auch die Himmel und die Genien der Liebe reichen mir den Kranz der Bewährung und des seligsten Lohnes ! Egon , ich werde dich wiedersehen , dir in ' s Auge blicken , den Kuß deiner Lippen fühlen . Ich zähle die Minuten , ich begreife nicht , wie mich die Vorsehung mit dieser Langmuth ausstattete , ich erkenne mich nicht . Mein geliebter Egon ! Wie konntest du fliehen ? Fliehen vor einem Herzen , das ohne dich brechen muß ? Laß mich leben ! Leben in deiner wiedergewonnenen Liebe ! Ich habe unter den Erinnerungsblättern an unser Glück heute das letzte angefangen , eine kleine Zeichnung des Tempels , den ich unserer Liebe auf meiner Villa in Enghien bauen wollte . Alle diese Skizzen , die ich nur mit ungeübter Hand entwerfen konnte , sind mein einziger Trost in dieser Einsamkeit gewesen . Der See , die Terrasse , der alte Eichbaum auf der Höhe des Waldrückens , die große Ebene mit dem Bahnhofe , meine kleine Veranda , die du so liebtest und so zierlich schmücken halfst , alle diese Blättchen hab ' ich im Vertrauen auf die Macht der Liebe , die auch die Schwingen des Talents kräftiger heben lehrt , als sie von Natur fliegen würden , mit zitterndem Bleistift hingeworfen . Ich suche einen Maler , der mir würdig scheint , sie auszuführen ; dann überrasch ' ich dich mit den Erinnerungen an schöne Tage . O sie werden wiederkommen ! Egon , hast du denn nicht Mitleid mit mir ? Nur ein Wort der Erquickung für meine zehrende Sehnsucht ! O laß mich bald an deinem Herzen ruhen , mein Geliebter , mein einziger , einziger Egon ! « Es war Dies eine Apostrophe , wie sie Egon seit vierzehn Tagen in immer gleichen Lauten der Verzweiflung , der Liebe und der ohne Weiteres vorausgesetzten Wiedervereinigung erhielt . Als er das Papier gelesen hatte , summten ihm im Gedächtniß die Shakespeare ' schen Verse : Wenn Ihr Euch meiner nicht erbarmt , mein Lieber , Baut ' ich an Eurer Thür ' ein Weidenhüttchen Und riefe meiner Seel ' im Hause zu , Schrieb ' fromme Lieder der verschmähten Liebe , Und sänge laut sie durch die stille Nacht , Ließ ' Eure Namen an die Hügel hallen , Daß die vertraute Schwätzerin der Luft Olivia ! riefe ! O ihr solltet mir Nicht Ruh ' genießen zwischen Erd ' und Himmel , Bevor Ihr Euch erbarmet ! Beide Freunde schwiegen ... Was ist da zu thun ? begann Egon nach längerm schmerzlichem Nachdenken . Nur zu wachen , sagte Louis ernst , daß diese Liebe männlich bleibt , deine Gedanken nicht verweichlicht , deine Entschlüsse nicht lähmt . Ah ! sagte Egon , diese Liebe ist doch ein Unglück . Damit richtete er sich auf . Das Gespräch hatte ihn nicht erschöpft . Die Sprossen auf der Leiter der Gedanken , die er langsam wieder zu erklimmen versuchte , brachen nicht . Er fand sich in seinen Erinnerungen zurecht und aus der wiedergewonnenen Kraft des Geistes theilte sich , stärkend , eine Belebung des ganzen Körpers mit . Er faßte Louis ' Arm und wandelte zwischen den Blumenbeeten . Sie kamen in die Gegend jenes Pavillons , dessen Inneres Künstlerhände für die lebhafte und bequeme Phantasie des alten Fürsten Waldemar , des Generalfeldmarschalls , geschmückt hatten . Egon kannte dies Innere und betrachtete nachdenklich die angelehnten grünen Jalousieen . Er besann sich , ob er nicht einst Jemanden eingeladen hatte , sich in diesem Saale , unter Spiegeln , Blumen und kerzenstrahlenden Lüstres die Geschichte seiner Liebe erzählen zu lassen ... noch wollten aber solche Gedanken nicht haften . Nur wie auf flüchtigen Sommerfäden zogen sie an ihm dämmernd vorüber und streiften sein Gedächtniß ... Sie traten dem Pavillon näher . Egon besann sich schmerzlich lächelnd auf dessen Bestimmung und öffnete leise eine der Jalousieen . Kaum war Louis , der sich eben , weil die Gartenthür ging , umgewandt hatte , von ihm veranlaßt worden , gleichfalls einen Blick auf diese üppige Einrichtung zu werfen , als er die Jalousie auch sogleich fallen ließ . Träum ' ich ? rief Egon oder sah ' ich ... Louis bemerkte seinen Schrecken und trat näher . Als auch er die Jalousie fallen ließ , schüttelte er den Kopf und schien nicht begreifen zu können ,