ihr Leiden zu erkennen gab . Von einer Prüfung seiner Absichten war keine Rede ; denn er nahm ihren Schmerz für vollkommen begründet hin und weinte selbst über ihre Thränen . Sie faßte zitternd seine Hand . Rafflard , der geheime Jesuit , küßte die ihrige und sogleich war er mit in das Complot gezogen , das ihre vereinten Geisteskräfte geschmiedet hatten , um Egon nun zuvörderst die Nähe der Geliebten zu verrathen . Rafflard bot ihr darin jeden Vorschub . Man bestach alle Diener des Hauses . Rafflard setzte sich vorzugsweise mit den Wandstabler ' s in Verbindung und so war denn bald einmal eine Blume auf die grünseidene Decke von Egon ' s Bett geworfen , die seine Gedanken verwirrte , bald ertönte in den entlegenen Zimmern des Palais der Klang einer Harfe , die Helene mit einiger Virtuosität zu spielen verstand . Egon erfuhr zuletzt von Louis Armand selbst die Anwesenheit jener schönen Frau , aus deren Armen er sich in diesem Frühjahr auf der reizenden Villa von Enghien gewaltsam losgerissen hatte . Er seufzte . Das Übermaß ihrer Liebe schien ihn nicht zu beglücken . Es kamen Briefe mit einer unverfänglichen , geschäftlichen Außenseite ... man erbrach sie harmlos ; sie waren von Helenen . Als sie die Überzeugung gewann , daß diese Briefe gelesen wurden , gab sie jeden Morgen ihrem Geliebten das Tagebuch ihrer Sehnsucht und Beobachtung des kalten steinernen Palastes , der ihr so grausam noch den Angebeteten entzog . Ein solches Blatt überreichte Louis seinem Freunde auch heute . Egon nahm es mit gelassener Miene . Er hielt das aus der Enveloppe genommene zierlich duftende Papier mit feinen Arabesken und der gemalten Krone und den silbernen Buchstaben H.d ' A. lange in der Hand , ehe er sich entschließen konnte , es zu lesen . Wenn ich dem Leben erhalten bleibe , sagte er nach einer Pause ernster Betrachtung , wie soll ich mich mit diesem Verhältnisse zurecht finden ! Geliebt zu werden , sagte Louis , ist wol nur dann eine Last , wenn man nicht wieder liebt . Wie soll ich das Gefühl nennen , das mich an diese Frau fesselte ! fuhr Egon fort . Seit dem Tage am See von Enghien , wo Louison ihren Tod , wenn er einmal beschlossen war , glücklicher gefunden hätte als nach meiner Untreue ; welche Umwälzungen meines Innern ! Ich floh , um meinen Erinnerungen zu entrinnen und sie überholen mich und lassen mich nicht wieder los . Das sind die Erinnyen der Fabel . Man muß , sagte Louis mit Fassung und ohne die geringste Zurückhaltung zu Nutzen seiner eignen Ansprüche auf Egon , man muß den Lauf der Natur in seiner Bahn nicht unterbrechen . Mismuth über eine verkehrte Erziehungsmethode , die angedrohte Rache eines frühern Lehrers treibt dich von Genf abenteuerlich in die Welt hinaus ... Glaubst du , unterbrach ihn Egon , daß ich Rafflard ' s Bosheit fürchtete , der sich bei meinem zweiten Aufenthalte erinnerte , daß er wegen meiner und eines heimlich mir zugesteckten Casanova die Anstalt des Herrn Monnard verlassen mußte ? Deshalb , weil ich ihn an der offnen Tafel des Syndicus Lhardy einen heimlichen Jesuiten genannt hatte , deshalb allein wäre mir der Aufenthalt in dem kleingeistigen , beschränkten , spießbürgerlichen Genf unerträglich geworden ? Ach nein ! Es war der Zug nach einem kräftigen Wettkampfe mit dem Schicksal , der mich auf die Wanderschaft , hinauf zu den blauen Höhen des Jura trieb .. Ich schließe mich auf der Landstraße , ergänzte Armand , dem Wanderer in der Blouse an , heimkehrend von einem Ankauf von Nußbaumhölzern in Poncin , und nehme dich als Zeltkameraden in meine bescheidene Hütte , wo meine Großältern , meine Ältern , Verwandte , erinnerungsreiche Menschen , eine Schwester mit mir leben ! Du ergreifst die Axt , die Säge , ja führst sogar mit deiner zarten Hand den Hobel und ich glaube , daß du der Sohn eines Kaufmanns in Deutschland bist , verfolgt als politischer Verbrecher . Wie hab ' ich dich , eingedenk meiner Großältern und ihrer Schicksale , verborgen gehalten ! Wie gezittert , die feige Politik unsrer Regierungen würde dir eins der heiligsten Menschenrechte , das Recht des Asyls , versagen ! Wie glücklich war ich , daß du wie wir die Einsamkeit liebtest , die kleinen Freuden der Armuth theiltest , so vollendet dich auf französische Sitte und Sprache verstandest , daß das argwöhnische Auge der Polizei dich nicht entdeckte und dich für einen Schweizer nahm ... Und dennoch ... Nein , nein , klage dich nicht an ! Ich habe dich gehaßt , Egon , als Franz Rudhard , wie du dich nanntest , die Liebe meiner Schwester , seine eignen Schwüre vergessen hatte . Franz Rudhard , so standest du vor meinen Augen ! Den rauhen Namen hattest du dir von deinem ersten Erzieher gegeben , den du liebtest .. Franz Rudhard ! sagte Egon lächelnd , leise das gebeugte Haupt schüttelnd ... Louis , der mit den Gebrüdern Wildungen während seiner Wacht an dem Krankenlager nur in geringe Beziehung hatte kommen können , wußte wol kaum davon , daß Egon ' s alter Lehrer , von dem er in Lyon den Namen geborgt hatte , ihnen inzwischen wieder so nahe gerückt war . Der Alte lebt noch in Odessa ! fuhr Egon fort . Ich nahm diesen Namen , weil er in meiner Erinnerung mit einem stillen , häuslichen und bescheidenen Frieden der Familie im Zusammenhange stand . Als ich in euer Haus trat ... der verfallene Thorweg ... das niedrige Dach ... die Blumenterrasse ... die Ziege , die eben auf ein Bruchstück alter Römermauer geklettert war ... und Louison , die ihr nachkletterte und sie mit keckem Griff an den Hörnern herunterlenkte ... fort von ihren jungen Kürbissen und Melonen , die sie auf der Mauer pflegte und zog ... der freundliche Gruß des Vaters , der im Hofe arbeitete ... das prüfende mistrauische