von der Signorina , welche die Welt freilich noch weniger als ihre Schwester kenne , bestärkt werde , und die Mutter sei der Meinung , daß man den Beiden keine Hindernisse in den Weg legen dürfe , sondern ihnen so bald als möglich die Gelegenheit eröffnen müsse , sich selber durch die Gehaltlosigkeit der sogenannten Zerstreuungen von dem Werthe einer ernsten Lebensführung zu überzeugen . Sie habe eben deßhalb einen Plan entworfen , den sie Renatus bei seiner Rückkehr vorzulegen denke und dessen Ausführung hoffentlich das Wohlbehagen Aller sichern werde , während er zugleich die Mittel für eine zweckmäßige Erziehung Valerio ' s darzubieten verspreche , der hier im Schlosse , unter der schwachen Hand und bei dem launenhaften Sinne seiner Mutter , völlig sich selber und seiner eigenen Phantastik überlassen sei . Sie erwähnte dann noch , daß man ab und zu Besuche aus der Nachbarschaft empfange , daß sie und die Mutter sich darin um des lieben Friedens willen den beiden lebenslustigen Freundinnen gern fügten und daß neulich auch Graf Gerhard wieder für einige Tage , von Berka kommend , im Schlosse ihr Gast gewesen sei . Da Renatus keine Zuversicht zu der Sinnesänderung seines Oheims besitze und ihrem und ihrer Mutter Auge nicht vertraue , enthalte sie sich , ihrem Verlobten zu berichten , wie wohlthuend des Grafen männliche Haltung auf Vittoria eingewirkt habe und wie eine einzige geheime Unterredung , die er mit derselben gehabt habe , die Baronin zu einem Nachdenken , ja , zu einem Ernste gebracht hätte , welchen der jetzige Geistliche in Vittoria hervorzurufen leider nicht verstehe . Auch mit dem Amtmann und mit dem Justitiarius habe der Graf , der sich in den letzten Jahren in Berka vielfach mit der Landwirthschaft beschäftigt , gelegentliche Rücksprache genommen und danach ihr und der Mutter es an das Herz gelegt , Renatus zur Ernennung eines der Gutsverwaltung und der Landwirthschaft kundigen Generalbevollmächtigten zu bestimmen , falls er nicht bald zurückkommen und die allerdings schwierige Verwaltung seiner Güter wie die eben so wenig leichte Ordnung seiner Vermögensverhältnisse selber zu übernehmen entschlossen sein sollte . Je weniger der Inhalt dieser Briefe mit dem fröhlichen Leben zusammenstimmte , in welchem Renatus sich bewegte , um so unangenehmer wirkten sie auf ihn , und auch die Briefe , welche er , seit Herr Flies gestorben und Paul der Inhaber des Flies ' schen Geschäftes geworden war , aus der Residenz erhielt , waren nicht erfreulich . Als ihm die Anzeige von dem Ableben des Kaufmanns Flies durch das allgemeine Rundschreiben der Firma auf dem Umwege über Richten zugegangen war , hatte Renatus mit einem gewissen Erschrecken aus demselben Briefe ersehen , daß der jetzige Inhaber des Geschäftes aus dem Heere in sein Haus zurückgekehrt sei und den Angelegenheiten desselben nunmehr wieder in Person seine Thätigkeit widme . Dem Sohne seines Vaters mittelbar , wenn es sich so fügte , einen Vortheil zuzuwenden , hatte dem jungen Freiherrn angemessen und wohlanständig gedünkt ; aber er mochte sich dagegen sträuben und sich dagegen vorhalten , wie und was er wollte , dieser Bastardbruder , der ihm , als sei es das Recht seiner Erstgeburt , die Züge seines Vaters , der ihm das Antlitz und die Haltung der Herren von Arten entwendet zu haben schien , war ihm immer eine unheimliche Gestalt gewesen . Seit nun vollends Renatus es den Seinigen verschwiegen , daß es eben Paul gewesen sei , dem er die Errettung aus Todesgefahr zu danken habe , hatte das Bewußtsein , eine Undankbarkeit begangen zu haben , seine unbestimmte Abneigung gegen seinen Halbbruder noch gesteigert ; denn es liegt in der Natur der meisten Menschen , daß sie demjenigen zürnen , dem sie ein Unrecht zugefügt haben . Er bereute es jetzt , die Verbindung mit dem alten Flies nicht gleich nach dem Tode des Freiherrn abgebrochen zu haben , er ging mit sich zu Rathe , ob und wie er diese Versäumniß jetzt unschädlich machen könne ; aber die Sache hatte , besonders da er in Paris zu bleiben wünschte , ihre großen Schwierigkeiten , ja , sie dünkte ihn in den gegenwärtigen Zeitläuften und Umständen , ohne Gefahr für seine Angelegenheiten , gar nicht ausführbar . Wenn er dem neuen Geschäftsinhaber des Flies ' schen Hauses ein kränkendes Mißtrauen zeigte , konnte derselbe sich leicht versucht fühlen , Gleiches mit Gleichem zu vergelten und die Flies ' schen Capitalien zu kündigen , die , seit langen Jahren auf Neudorf und Rothenfeld eingetragen , jetzt ohne Frage höher zu verwerthen waren , als in jenen Hypotheken . Dazu wußte Renatus , der sich bisher in der Heimath nur unter seinen Kameraden und inmitten der seiner Familie befreundeten adeligen Gesellschaft bewegt hatte , ganz und gar nicht , wie und in wem er einen Ersatz für die alten Geschäftsfreunde seines Hauses zu suchen habe oder wen er an Stelle des alten Flies zum Curator Vittoria ' s und Valerio ' s ernennen lassen solle . Und nachdem er im Geiste lange suchend um sich her gesehen hatte , meinte er plötzlich , doch eben in Paul den Mann gefunden zu haben , dessen er bedurfte . Der Mann , der mich mit eigener Lebensgefahr beschützte , der also meinen Untergang nicht wünschte , kann nicht im Stande sein , so sagte er sich , mich irgendwie geflissentlich zu schädigen . Und dieser auf das menschliche , natürliche Gefühl richtig gebaute Schluß fand , nachdem er ihn einmal gezogen hatte , in dem Adelsstolze des jungen Freiherrn sofort noch eine unvorhergesehene Bekräftigung ; denn obschon Renatus dies nur anerkannte , wenn es ihm eben für seine Zwecke paßte , es floß doch immer Arten ' sches Blut in Tremann ' s Adern , und dieses konnte sich nicht in Paul verläugnen , mit solchem Blute war man keiner niederen , keiner schlechten Handlung fähig . Er war einen Augenblick nahe daran , es Tremann unumwunden auszusprechen , wie er in der Beziehung , in welcher sie zu einander