. Er erholte sich , er hatte sich wieder aufgerichtet . Die Krähen flatterten , durch etwas erschreckt , schreiend in die Höhe , die Morgenluft strich durch die Wipfel des Holzes . Es war ein Bedürfniß , sich selbst Luft zu machen , als Louis mit tonloser Stimme vor sich hin sprach : » In Rudolstadt , am Tage vor seinem Tode , hatte der Prinz an der fürstlichen Tafel gespeist . Die Familie nahm ihn beim Aufbruch mit sich in ihre Gemächer ; er winkte mir im Abgehen , daß ich auf ihn warte . Dort warf er sich ans Klavier und überließ sich seinen Phantasien . Er hat nie so schön gespielt . Ich stand allein in dem Saal , ein alterthümlich Zimmer , es dunkelte . Ich lehnte mich an den Fensterpfeiler und sah den Wolken zu , die über den Horizont strichen . Ich schloß wohl die Augen . Das waren Töne , die nicht die Finger den Tasten entlockten , die Seele wogte in düstern und schmerzlich weichen Melodien ; er schüttete sein Innerstes aus . Die Prinzessinnen weinten . Wolken , nichts als Wolkengetreibe mit blutrothen Streifen . Da fuhr eine kalte Hand über meine Stirn , die Hand des Todes , und vom Druck öffneten sich meine Augen . Es gleitete an der Wand hin , ein Schein , ein Licht , wie ich es nie gesehen - ein Roß in den Wolken , Pulverdampf , Staub . Es bäumte sich mit seinem Reiter - ein Blitzschlag , oder ein Strahl , aus den Wolken niederzückend - der Schädel spaltete - die Brust klaffte - der Reiter sank vom Pferde - und es ward wieder Nacht . - Im selben Augenblicke schloß das Spiel am Klavier mit einer grellen Dissonanz , als sprängen die Saiten . - Der Prinz , blasser als je , trat heraus und winkte mir , ihm zu folgen . Er blieb einsilbig . Als er mich entließ , sprach er dumpf : Ich habe meinen Tod gesehen - Er hatte gesehen , was ich sah . « - » Und ? « - » Er fiel am nächsten Tage . « - » Und Sie ? « - » Ich bin kein Fortepianospieler , der auf den Wellen der Melodien sein Schicksal beschwört . Und doch , vorhin drückte wieder dieselbe kalte Hand auf meine Stirn , die Wolken theilten sich und ich sah - ich sah nicht mehr , als ich schon längst gesehen , und ich sehe es wieder - « Er richtete sich plötzlich auf , er stand aufrecht . » Lachen Sie doch ! - Wenn Sie ein Schüler von Voltaire und Diderot , so müssen Sie mich auslachen - ich sah mich selbst . « Der Kapitän lachte nicht , ihn fröstelte . Er sah eine Patrouille mit einem Ordonnanzoffizier heraneilen . Er reichte dem Gefangenen die Hand : » So wünsche ich Ihnen wenigstens Eines - vor Ihrer letzten Stunde einen letzten Sonnenblick . « Bovillard schüttelte die dargereichte : » Das ist ein guter Wunsch . Das Scheiden von diesem Leben wird mir nicht schwer , ist ' s doch nur ein Rest , den ein Verschwender ließ - aber scheiden mit einer hellen Aussicht , von Harmonien umrauscht - und es ist mir gewährt , ich sah ein Bild - « Der Ordonnanzoffizier war herangetreten : » Der Gefangene soll schleunigst vor Seine Majestät den Kaiser gebracht werden . « - » Glück auf ! « flüsterte der Kapitän ihm zu . » Das ist Ihr schönes Bild . « In der kleinen Hütte eines Haidewärters stand der große Mann des Jahrhunderts . Sie war so klein , daß der Adjutant , der die Feder führte , sich in den Winkel drücken musste , um den Bewegungen des Kaisers Platz zu machen . Den Hut auf dem Kopfe , den Kapotrock über der Uniform , schritt er auf und ab , den Tubus in der behandschuhten Hand . Er diktirte , er sprach zu den Generalen , die im Halbkreis draußen standen , durch die offene Thür . Durch diesen vornehmen Wächterkreis war auch der Gefangene in die Hütte gebracht worden . Der Kaiser hatte ihn offiziell nicht bemerkt ; er diktirte weiter , er observirte mit dem Tubus durch das Fenster . » Wenn die Sonne aufgeht , okkupiren am linken Flügel die Tirailleure das Kiefergebüsch ! « kommandirte er zur Thür hinaus . Ein Adjutant flog fort . Jetzt , als er sich umwandte , bemerkte er den Eingebrachten offiziell . » Ein Spion ! « - » Ein Gefangener , Sire ! « Der Spion oder der Gefangene sank auch jetzt nicht auf die Knie , er zitterte nicht , er ertrug den kaiserlichen Blick , fest , ruhig . Vier Augen , die sich begegneten , ohne zu zucken . » Ihre Generale lassen die Spione hängen , ich lasse sie laufen . « Der Gefangene stürzte dem Großmüthigen nicht zu Füßen , er küsste nicht seine Füße . Der Angriff war fehlgeschlagen . Sonderbar , und doch stimmten Beide in ihren Empfindungen . Als der Kaiser jetzt wieder mit dem Tubus ans Fenster trat , glaubte der Adjutant ein Lächeln über seine Lippen schweben zu sehen . Auch über Bovillards Gesicht flog unwillkürlich eine Bewegung , die man so hätte deuten können . Wieder stand im Vorübergehn , wie zufällig , der Imperator vor dem Gefangenen still : » Ihr König hat Krieg gegen mich angefangen ; ich weiß nicht warum . « - » Ich gehöre nicht zu den Vertrauten Seiner Majestät , meines gnädigsten Königs , auch nicht zu seinen Räthen , « entgegnete Bovillard . » Meine Räthe haben mir ein gedrucktes Papier aus Erfurt gezeigt . Da steht lauter Unsinn drin . Ich kann nicht glauben , daß der König von Preußen drum weiß . « Der Gefangene schwieg . Der Kaiser winkte einigen Generalen und gab ihnen leise Befehle