der gesunden Natur . Jeder Luftzug berührte ihn wie die magische Gewalt eines Kusses , der alle Lebenskräfte des Menschen elastisch weckt . Die Sinne gewannen Kraft , das Gegenwärtige festzuhalten und von ihm auf die Vergangenheit zurück- , auf die Zukunft hinauszuschließen ... Welch ein Chaos ! Welche unbekannte Länder , über die erst allmälig wieder ein heimatliches Licht fällt ! Was ist da Alles gewesen ! Was hat man erlebt oder nur geträumt ? Was ist Erinnerung , was nur Phantasie ? Die Kräfte des Geistes halten diese Thätigkeit noch nicht aus . Ermattet sinken die Schwingen wieder nieder und es ist dem Gedanken , als müßt ' er sich auf die Flügeldecken eines Käfers setzen und nur , um sich erhalten zu können , mit Käfern , nur mit Bienen so fortsummen , als gehörte man , ein Nichts , in ' s große Ganze und könnte nur leben im zitternden Sonnenstrahl . Es ist mir so , Louis , sagte Egon , als hätt ' ich eines Abends mit einem Kopfschmerz , der mir das Bewußtsein raubte , an jenem Fenster dort gestanden - er zeigte auf das Palais - und dich ein Lied singen hören als Frage , ob ich daheim wäre ? Du wolltest mich begrüßen , wie in Lyon , wenn du von Paris kamst und ich aus Louison ' s Armen auffuhr , horchend dem fernen Liede und der wohlbekannten Stimme des Bruders ! Oder war ' s nicht das Gondellied , das wir damals auf dem See von Enghien sangen ? Die muthwillige Barcarole ! antwortete Louis Armand . Ich glaubte nicht , als ich mir die verborgene kleine Thür dort aufschloß , deine Gestalt erblickte , das Liedchen anstimmte , dich erkannte und zu dir hinaufsprang über die kleine versteckte Treppe , daß ich dich fast bewußtlos antreffen würde und Alles wecken mußte und die Hülfe grade der Menschen ansprechen , die du von dir entfernen wolltest ... Sind wir also wirklich doch in meiner Heimat ? sagte Egon . Ja , ja , Das ist das Schloß meines Vaters - Das ist der Pavillon , über den ich gesprochen habe - wo ? zu wem ? O Gott ... wie schwer das Erinnern , wenn man sich fürchtet vor dem Vergangenen ! Louis , mir ist so schwach , daß ich noch am Grabe Louison ' s zu liegen glaube . Ich suche die Kreuze und Immortellenkränze des Cimetière Montmartre . Führe mich dahin ! Es wird mir schwer dies Erinnern ! Mein geliebter Freund , sagte Louis Armand und faßte Egon ' s Hand . Beruhige dich ! Die Todten ziehen Niemanden nach ! ... Sie gönnen uns das Glück dieser Erde , damit wir seine geringe Vollkommenheit erkennen und sehnsuchtsvoller einst dem Tode von selbst in ' s Auge blicken . Sie ziehen uns nicht nach ... wiederholte Egon und schwieg eine Weile . Dann fuhr er sich mit streichelnder Hand über sein leidendes edles Antlitz und hielt lächelnd einige Haare hin , die ihm dabei in der Hand geblieben waren . Immer mehr , immer mehr ! sagte er schmerzlich . Auf der Stirn sieht es herbstlicher aus als unter diesen Bäumen und Blumen . Sieh , wieviel Laub wieder in der Hand geblieben ! Da ! Noch mehr ! Noch mehr ! Ich sah mich gestern im Spiegel ... Ich habe Mitleid mit mir selbst und könnte um mich weinen . Ein Nervenfieber , sagte Louis , nimmt viel vom alten Menschen mit und gibt dafür einen neuen wieder . Selbst wenn deine Stirn so hochgewölbt bliebe , würde sie jetzt erst recht die Stirn eines Denkers scheinen . Allein die gütige Natur nimmt nur die Zeugen deines Leidens mit und gibt dir bald die Begleiter neuer Freuden . Und wenn sie nicht kämen ? fragte Egon lächelnd , doch besorgt um sein Äußeres , das man bisher schön genannt hatte ... Sie kommen , sie kommen ! tröstete Louis . Freilich ... wer weiß , ob Alle , die dich lieb haben , auch gerade die Stirn des Denkers an dir lieben . Louis sprach diese Worte ernst und voll Kummer . Egon seufzte . Er verstand sie wohl . Sie bezogen sich auf Helene d ' Azimont , deren Charakter man nur halb würde begriffen haben , wenn man hätte glauben können , daß diese stürmische , liebeglühende Seele es ertragen hätte , so ganz von Egon ' s wiedererwachtem Bewußtsein ausgeschlossen zu bleiben ... In der ersten raschen Entwickelung der mit großer Regelmäßigkeit vorübergegangenen Krankheit hielten die vereinten Anstrengungen der Ärzte und des treuen Wächters Louis Armand Helene d ' Azimont fern ; bald aber , mit den ersten in das freiwillige gesellschaftliche Exil , das sie sich auferlegte , hereinbrechenden Hoffnungsstrahlen ruhte sie nicht länger und bot jede List , jede Berechnung auf , um sich Egon zu nähern , sogar sein Krankenbett zu erstürmen und sich die Sorge für sein Leben ausschließlich anzueignen . Das Letztere mislang ihr freilich . Louis hütete den Fieberkranken mit der Treue eines Hundes . Er schlief auf einer Matratze zu seinen Füßen , ließ nichts in Egon ' s Hände kommen , was nicht vorher von ihm untersucht war , und wurde darin von den strengern Ärzten unterstützt ... Drommeldey , der ärztliche Rathgeber der vornehmen Stände , hatte wol sonst eine mildere Ansicht . Man hatte auch Sorge getragen , ihn mit der d ' Azimont sogleich bekannt zu machen ; allein so rührend sie zu bitten verstand , bis zu einem gewissen Zeitraum , der seinen Anordnungen zufolge erst heute eintreten sollte , duldete auch Drommeldey keine Aufregung seines Patienten . So blieb Helenen nichts übrig , als sich jenem Rafflard anzuvertrauen , dessen Ankunft in dieser Stadt sie mit so vielem Misvergnügen bei Paulinen von Harder vernommen hatte ... Wahrhaft erstaunt mußte sie sein , als dieser vertraute Freund ihrer Schwiegermutter sich ihr selbst näherte und ihr die innigste Theilnahme für