, daß die geistige Verkommenheit desselben jeden erschüttern dürfte , der seinen Geist , seine Kenntnisse , seine Kraft als besser verwendbar zu schätzen wüßte ... Die Jüdin stand erwartungsvoll und wie bittend ... Sie wären nicht geneigt , die Zelle des Paters zu besuchen ? fragte Lucinde . Mein Fräulein ! lehnte erschreckend Veilchen ab ... Herr Seligmann nicht - ? Dieser antwortete selbst durch ein heftiges Rumoren nebenan ... Lucinde wußte , daß es sich hier um eine geistige Aufrichtung Klingsohr ' s handelte , die kaum anders , als von ihr selbst kommen konnte ... Sie bedachte einen Brief , den sie etwa schreiben könnte ... Die Augen der kleinen Jüdin leuchteten hoffnungsvoll ... Eine Pause trat ein ... Aus vielen Gründen , sagte dann Lucinde , nachdem Veilchen als die einzigen Personen , die man allenfalls zu dem Pater ließe , den Arzt , Medicinalrath Goldfinger , oder einen Geistlichen oder vielleicht den Druckerburschen genannt und hinzugefügt hatte , daß der Wächter des Hauses auch bei diesem vielleicht nicht in der Zelle zugegen bleiben würde - aus vielen Gründen wünscht ' ich , daß der Pater aus seiner Lethargie erwache ... Das ist herrlich ! rief Veilchen ... Ich wünschte , fuhr Lucinde grübelnd fort , daß er seine Muthlosigkeit aufgäbe , daß er sich für seinen nun einmal gewählten Beruf erkräftigte ... Ja ! Ja ! ... Ich würde ihm rathen , mit allem , was ihn hier bedrängt und ihn auch künftig in Fesseln halten wird , lieber für immer zu brechen und vielleicht - ins Ausland zu fliehen ... Stellen Sie ihm alles das vor ... Ich ? Wie kann das ich ? ... Sie meinen - um die Vergangenheit - Das hinderte nicht ... Schreiben Sie es ihm ... Ich schicke sogleich in die Druckerei ... Der Bursche ist ein guter Junge - und pfiffig ... Haha ! Kaplan Michahelles hatte den auch in eine Druckerei gegeben ... Hernach soll er nach Belgien und Jesuit werden ... Jesuit ? Ist Ihnen das ein so gleichgültiges Wort , daß Sie lachen ? Hab ' ich die Welt zu verbessern ? Ihre Duldsamkeit scheint größer , als Ihr Wahrheitseifer ! Was ist Wahrheit ? Mindestens ist die Wahrheit das Gute ! Was ist Gut ? Suchen Sie nicht , was wahr , gut und gerecht ist ? Was ist Recht ? Sie anerkennen nicht Recht oder Unrecht ? Recht geht so weit wie Gewalt ! Wie einmal das Leben ist ! Aber - Im Himmel auch ! Gott ist nicht weiter allgerecht , als er allmächtig ist ! Lucinde mußte lachen über dies Wortspielen ... Was ist Ihnen die Tugend ? fragte sie , jetzt sogar zutraulicher geworden ... Ah ! Die Tugend ist mir viel ! Die Tugend ist die Erkenntniß Gottes ! Sie kehren , seh ' ich , alles um , was wir Christen glauben ! Haben Sie vielleicht auch keine Freiheit des Willens ? Wenn Sie hungert , müssen Sie essen ! ... Richtig , Sie wählen die Speisen ! Aber - Sie wählen Speisen , die Ihr Appetit Ihnen vorschreibt ! Jetzt begreif ' ich , sagte Lucinde lachend , wie Sie über sich bringen , falsche Medaillen in die Welt zu setzen und die Spitzen da in Kaffee zu tränken , nur damit man glauben könnte , Maria von Medicis hätte sie schon getragen ... Hören Sie ! Ich nenne das Betrug ! Ein hartes Wort ! sagte Veilchen erschreckend . Dann aber setzte sie mit einem gewissen elegischen Tone hinzu : Mein Fräulein , was ist die Kunst ? Ein falscher Schein ! Was ist das ganze Leben ? Eine Mummerei ! Wer dreißig Jahre in solchen Possen lebt , wie ich hier unter den bunten Röcken , nimmt die Possen der Erde für ihren Ernst ! Ich kehre alles um ! sagen Sie ? Ganz recht ! Sie lieben ! So sagen Sie ? Ich sage : Sie glauben , daß Sie geliebt werden ... Keine glückliche Lebensauffassung ! seufzte Lucinde . Ihr Spinoza , glaub ' ich , war krank ... Das war er ... Er entsagte und entbehrte ... Zu sehr ... Er schuf sich eine Philosophie für die , die nichts mehr wollen und nichts mehr wünschen ... Er liebte die Freiheit ... Eroberte sie sich aber nicht ... Wer die Erkenntniß hat , hat alles ... Das bestreit ' ich ! Sehen Sie , da gebe ich einen einzigen reellen Genuß für alle Schatten der Erkenntniß ! Geschmackssache ! ... Auch Wahrheitssache ! Eine einzige Reliquie , die ein Gläubiger küßt , ist , wenn man einmal Religion haben will , mehr werth als Ihr Gott , der wahrscheinlich die ganze Welt sein wird oder die Natur ? Der Mönch sagte dasselbe ... Ich lass ' es ihm ... wer Religion braucht ... Fräulein ! Fräulein ! Ich wünschte - die Spitzen da nicht in dem Kaffee zu sehen ! Veilchen zog ihre Haarnadeln aus , ließ ihre Locken fallen , stützte das Haupt auf und sagte träumerisch : Spinoza sagt einmal : » Einen Mann hört ' ich mir neulich zurufen : Da ist Ihr Hof in den Huhn geflogen ! Der Mann versprach sich nur . Er wußt ' es nicht . Wozu sollt ' ich ihn erinnern , daß er sagen wollte : Sie meinen , Ihr Huhn ist in den Hof geflogen ! Er irrte sich , aber ich verstand ihn ja . « So rufen uns alle Religionen zu : Da ist Ihr Hof in den Huhn geflogen ! ... Machen die Religionen gute Menschen , wozu diese Sprachfehler corrigiren ? ... Ebenso gibt es ganz vernünftige Menschen , die keine antiken Spitzen , wie die da , die Elle zu einem Viertel-Brabanter-Thaler nehmen ! Sie wissen vollkommen , was echte Spitzen , die noch Maria von Medicis getragen hat , für einen Werth haben ! Lassen Sie uns getrost die falsche Grammatik der Erde sprechen .