Freundschaft , deren die Herzogin sich von des Königs Seite zu erfreuen hatte , fesselte den Abbé an sie . Auch zwischen der Gräfin Haughton und ihrer Tante hatte er Anfangs seine Kunst im Vermitteln geltend zu machen versucht , aber es war ihm nicht gelungen , Eleonore den Planen der Herzogin geneigt zu machen , ja , er hatte das Mißtrauen nicht besiegen können , mit dem die Gräfin , ihrer Mutterkirche treu , jeden katholischen Geistlichen betrachtete . Nur wenige Tage vor der Ankunft des jungen Freiherrn hatte der Abbé sich in dem Saale der Herzogin im Beisein Eleonorens mit großer Wärme und mit der schwunghaften Weise , die ihm sehr wohl anstand , über das erhebende Gefühl ausgesprochen , welches für den Einzelnen aus der Zusammengehörigkeit mit einer großen Gemeinde erwachse . Man hatte seit Jahren wieder zum ersten Male den Tag von Mariä Himmelfahrt mit einer Procession gefeiert , bei welcher die Prinzen und Prinzessinnen des Königshauses selber die Kerze getragen , und die Herzogin hatte es sich trotz ihrer hohen Jahre nicht nehmen lassen , sich dem Zuge , so weit ihre Kräfte es ihr gestatteten , anzuschließen . Die ganze alte legitimistische Gesellschaft fühlte sich wie verjüngt durch diesen Akt , weil er ihr die Tage ihrer frühesten Jugend in das Gedächtniß rief , und man gefiel sich darin , die politische Genugthuung , welche man sich und der Kirche bereitet hatte , und die Freude , die man über diesen Sieg empfand , als eine innere Beseligung und Erhebung zu bezeichnen , von welcher die Gräfin Haughton ausgeschlossen zu sehen der Abbé beklagte . Er stand , während er ihr dieses mit seiner gewohnten edeln Weise aussprach , mit Eleonoren in der tiefen Brüstung eines Fensters ganz allein . Das Licht fiel hell auf ihn nieder , jede Miene seines Antlitzes bestätigte die Wahrheit und den Ernst seiner Worte . Die Gräfin ließ ihr Auge nicht von ihm . Sie liebte es , ihn sprechen zu hören , ihn zu beobachten , denn er zog sie an , obschon sie ihm mißtraute ; und ohne von seinen Schilderungen irgendwie ergriffen zu sein , sagte sie : Ich zweifle nicht an dem Glücke , dessen Sie alle heute theilhaftig geworden sind , und ich sehe es ja , wie völlig die große Gemeinschaft , deren Sie gedenken , den Einzelnen in sich aufnimmt und mit sich fortträgt . Aber bemühen Sie Sich nicht um mich , ich bin der Anstrengung nicht werth . Ich kann weder glauben noch lieben auf eines Anderen Geheiß , weder beten noch mich verheirathen , wo es mich selber nicht dazu drängt ; und was kümmert es Sie , woran ich jenseit des Kanales glauben , oder meine Tante , an wessen Seite ich dort leben werde ? Denn daß ich Frankreich und dieses Haus verlasse , sobald ich die mir zustehende Freiheit dazu erlange , daran , Herr Abbé , zweifeln Sie wohl selber nicht ! Und wer sagt Ihnen , Gräfin , fragte er sie , daß ich es ersehne , Sie als die Gattin des Prinzen Polydor zu sehen , wennschon ich Ihnen nie verhehlte , daß ich mich glücklich schätzen würde , eine so mächtige und freie Seele wie die Ihrige zu den Unsrigen zählen zu dürfen ? Die Gräfin war überrascht . Nie zuvor hatte der Abbé mit ihr über die Plane des Prinzen Polydor gesprochen ; aber sie faßte sich schnell , und jene Andeutung ganz unbeachtet lassend , sagte sie : Sie nennen meine Seele mächtig und frei ! Was kann die Macht und die Freiheit einer Seele ihrer Kirche nutzen , die blinden Gehorsam gegenüber ihrer unumschränkten Herrschaft fordert ? Wer herrschen will , bedarf der Menschen , die zum Herrschen fähig sind ! gab er ihr zur Antwort . Zum Gehorchen sind Viele berufen , zum Herrschen werden einige Wenige erwählt . Und Sie gehören zu diesen Letzteren , nicht so , Herr Abbé ? meinte Eleonore mit gewohnter Keckheit . Der Abbé folgte jetzt dem Beispiele , das sie selber ihm gegeben hatte . Er überhörte geflissentlich den Ton , mit welchem sie diese Frage an ihn richtete . Ich hoffe mich durch Unterordnung unter die Weisheit der Herrschenden zum Herrschen geschickt zu machen , Gräfin ! gab er ihr zur Antwort . Sie halten also Herrschaft für ein Glück ? Ich halte die Herrschaft für die höchste Befriedigung , die dem Menschen zu genießen verliehen ist , und ich erachte es als die höchste Tugend , wenn ein zum Herrschen geborener Mann durch die Schule der Selbstbeherrschung und der Unterordnung sich dazu befähigt , für gute und edle Zwecke , für die höchsten Ziele , die Herrschaft über jene ungeheure und ungeschulte Masse zu gewinnen , die , sich selber überlassen , zu jedem Irrthume , zu jeder Ausschweifung , zu jeglichem Verbrechen zu verführen ist . Oder ersehnt Ihr Herz die Vorgänge und die Zeiten wieder , welche vor unserer endlichen Rückkehr dieses arme Frankreich heimgesucht haben ? Der Abbé wußte , wem er die Reize der Herrschaft anpries . Auch hatte die Gräfin ihm mit tiefem Ernste zugehört . Sie sprechen von Zielen , wie sie dem Manne winken . Wo ist uns Frauen die Möglichkeit zu jenem Thun eröffnet , das Sie als die höchste irdische Befriedigung bezeichnen ? versetzte sie darauf . Der Abbé schwieg , als ob er sich scheue , ihr seine Meinung auszusprechen ; endlich sagte er : Ihre Kirche , gnädige Gräfin , erkennt auch der hochbegabtesten Frau , wenn sie nicht zufällig auf einem Thron geboren ist , freilich kein anderes Regiment , als das in ihrem engen Hause zu . Die katholische Kirche , in der die jungfräuliche Mutter Gottes der Gegenstand der heiligsten Verehrung ist , hat aber zu allen Zeiten die hervorragenden Frauen auszuzeichnen , an ihren Platz zu stellen und große Gewalt in ihre Hände zu legen getrachtet und verstanden . Ich weiß es ,