Der Mann hat Gefühl ! Er erinnerte sich meines Lebens und wurde mein Beistand ! Die Rache gab er auf ! Welche Rache ? Ich sagt ' es nicht ? Er war von dem Mönche am Tage vorher beleidigt worden . Der Pater ist voll Heftigkeit und vor den Narben in seinem Antlitz kann man erschrecken ! Herr Löb Seligmann beschwichtigte den Küfer und ich gewann wieder meine Kraft . In Güte hab ' ich mit ihm mancherlei besprochen und er ließ mir die Tasche und er versprach zu schweigen ... Das können Sie nur durch eine flammende Beredsamkeit erreicht haben ! sagte Lucinde und gedachte der schauervollen Tage auf Schloß Neuhof , der Lisabeth , ihres eigenen Verhörs , ihres Schwurs ... Den Küfer kenn ' ich und die That auch , um die es sich handelt ... Was sagten Sie ihm , das ihn so entwaffnen konnte ? Wieder kam jetzt Nathan herein und machte sich schaffen , um die aufregende Unterhaltung zu stören ... Veilchen wurde nun selbst über ihn verdrießlich ... Mir scheint , Herr Seligmann , sagte sie , Sie suchen den gestrigen Tag ! Ich suche das nächste Jahr ! fuhr Seligmann zornig auf . Wo werden Sie sein , wenn Sie nicht aufhören , Ihre Nerven - zu malträtiren ! Meine Nerven sind mein ! sagte Veilchen hinter dem Zornigen her ; mit irgendeinem Gegenstand , den er scheinbar gesucht hatte , war er wieder gegangen ... Ja , Fräulein ! fuhr sie zu Lucinden gewandt fort : Ich sprach , was ich eben sprechen konnte . Die Leidenschaften kenn ' ich und ich schilderte die Rache . Ich sagte , daß alles gut im Menschen ist , was ihm zum Bedürfniß wird seiner Selbsterhaltung , falls seine Selbsterhaltung die andern nicht kränkt und die Erkenntniß Gottes befördert . Ich sagte : Großmuth und Edelsinn sind die einzige Waffe gegen die Leidenschaften ! Ich bewies dem Mann , daß es sich um die Ehre eines Geistlichen handelt ! Ich schilderte ihm die Leiden eines Priesters und einer ewigen Entsagung ! Ich sah , daß der grimmige Mann ein Ohr für meine Rede hatte , und da gab ich ihm die Hand und sprach : Auch mein Feind war der Mann , der in wilder Blindheit eine grausame That gethan hat , die sich Gott wie seine andern Thaten wird gemerkt haben ! Ich sagte ihm , daß ich gehört hätte , der Mann wäre ein Greis jetzt , voll Kummer , und verschwendete an die Armen und die Priester , daß sie ihm haben seinen eigenen Sohn zum Wächter setzen müssen ! Dann sagt ' ich ihm , daß ich dem Pater einen Schwur gethan , der mehr als meine Ehre , der die Ehre Gottes selber wäre ! Bei dem Gotte Spinoza ' s ? warf Lucinde ungläubig lächelnd ein . Wer ist dieser Gott ? fuhr sie fort , den Kopf aufstützend ... Den Hut hatte sie gar nicht abgenommen ... Das kann ich nicht sagen ! erwiderte Veilchen . Aber jedenfalls ist es auch Ihr Gott ! Es ist der Gott des Mannes , den ich liebte ! Es ist der Gott , der in nächtlichen Stunden aus den Sternen zu uns sprach , wenn wir im schönen Garten der Dechanei Arm in Arm spazieren gingen - damals bewohnte sie der Herr Dechant von Asselyn noch nicht - ! Es ist der Gott , in dem die Seele des Geliebten sich damals mit der meinigen vereinte ! ... Und dennoch verließ Leo Perl diesen Gott ? fragte Lucinde ... Nathan öffnete wieder die Thür und wisperte : Warum möcht ' ich doch , daß der Kirchenfürst heute begnadigt würde und den Schwarzen Adlerorden noch dazu kriegte mit Brillanten ? Nun ? fragte Veilchen und machte eine Miene der Spannung auf einen » Witz « - trotz ihrer feuchtschimmernden Augen ... Weil uns dann die » Gecken « hier keine Zeit lassen würden zum - Schwätzen ; bitte um Vergebung , mein Fräulein ! Sie sehen , mein Fräulein , sagte Veilchen aus ihren Thränen heraus , als die Thür rasch geschlossen wurde , er ist unglücklich über den abgesagten Carneval und fürchtet , daß er neben seinem Geld auch noch den Kopf verliert , falls wir uns wieder mit der Kirche einlassen ohne Kanonen . Verlangen Sie also von uns nichts mehr ! Der Küfer sitzt im Gefängniß und hat sich vor der Regierung compromittirt ... Der Pater kam damals zurück und bekam seine Tasche und ich hab ' ihm erzählt , was damit vorgefallen . Wenn der Kronsyndikus todt ist , dann will er dem Küfer dienlich sein . Ich weiß nicht , was ihm muß sein Vater aus dem Grabe für wunderliche Sachen zugerufen haben ... Nun ist das schon vier Monate her ... Der Mönch kam noch einige male , wurde aber verrathen und seitdem ist er ganz gefangen und daß ich mit ihm durch die » Stufenbriefe vom Kalvarienberge des Lebens « correspondire , ist jetzt alles , was wir noch wagen können . Aber Herr Nück ! Herr Nück ! Der ist allmächtig ! Sprechen Sie ja mit Herrn Nück ! Der Pater ist krank , Sie hörten es ! Er sehnt sich nach seiner Heimat zurück , manchmal zu einem Mönche , den er Vater Ivo nennt , manchmal zu einem andern , Bruder Hubertus ... Nun Sie sahen es ja vorhin ... Was soll ich ihm schreiben , mein Fräulein ? Lucinde stand träumend und blickte finster und voll Mismuth ... Wie denn schreiben Sie ihm ? fragte sie ... Durch die nächste Correctur ! Mit Pünktchen ... Lucinde vergegenwärtigte sich die Worte , die Nück zu ihr gesprochen : Ueberreden Sie ihn , nach Belgien zu gehen ! Sie mochte von Klingsohrn nicht länger ihre Bahnen durchkreuzt sehen und um sich zu dem kalten Entschlusse , ihn für immer aus ihrem Leben zu verweisen , zu ermuthigen , sagte sie sich sogar