seine Selbstüberschätzung in ’ s Maßlose geht , und er glaubt , ungestraft Alles unter die Füße treten zu dürfen , was ihm nicht unbedingt huldigt . “ Der Capitain fixirte mit einem eigenthümlichen Lächeln den aufgeregten Italiener . „ Schade , daß ein solches Talent solche Schattenseiten hat ! Aber am Ende ist es mit dem Talente auch nicht so weit her ? Modesache – Laune des Publicums – unverdientes Glück – meinen Sie nicht ? “ Gianelli hätte wahrscheinlich von Herzen gern bejaht , aber die Gegenwart der anderen Herren legte ihm doch einigen Zwang auf . „ Das Publicum pflegt in solchem Falle zu entscheiden , “ erwiderte er vorsichtig , „ und hier ist es verschwenderisch mit seinen Gunstbezeigungen . Ich meinestheils behaupte – ohne dem Ruhme Rinaldo ’ s irgendwie zu nahe treten zu wollen – er könnte jetzt ein Stümperwerk componiren , man würde es bis in den Himmel erheben , nur weil es von ihm stammt . “ „ Sehr wahrscheinlich ! “ stimmte der Fremde bei . „ Und möglicherweise ist die neue Oper bereits ein solches Stümperwerk . Ich bin durchaus Ihrer Meinung , und werde gewiß – “ „ Ich rathe Ihnen , Signor , Ihr Urtheil aufzuschieben , bis Sie Rinaldo ’ s Werke kennen gelernt haben , “ fiel der Marchese im schärfsten Tone ein . „ Er hat allerdings den unverzeihlichen Fehler begangen , den Gipfel des Ruhmes wie in einem einzigen Siegeslaufe zu ersteigen , und sich zu einer Größe aufzuschwingen , an die so leicht Keiner hinanreicht . Das verzeiht man ihm nun einmal nicht in gewissen Kreisen , und er muß es bei jeder Gelegenheit büßen . Folgen Sie meinem Rathe ! “ Der Capitain verbeugte sich leicht . „ Mit Vergnügen , und dies um so mehr , als es mein Bruder ist , dem Ihre so beredte Vertheidigung gilt , Signor Marchese . “ Diese mit dem liebenswürdigsten Lächeln gegebene Erklärung brachte begreifliche Sensation in der Gruppe hervor . Marchese Tortoni trat erstaunt einen Schritt zurück und maß den Sprechenden von oben bis unten . Der Maestro erbleichte und biß sich auf die Lippen , während der Officier mühsam das Lachen unterdrückte . Der Engländer dagegen hatte diesmal genug von dem Gespräch verstanden , um zu begreifen , welch einen Streich der fremde Seemann den Italienern gespielt , und dieser Streich schien sein höchstes Wohlgefallen zu erregen . Er lächelte mit dem Ausdrucke außerordentlicher Zufriedenheit und steuerte sofort mit langen Schritten zu dem Capitain hinüber , an dessen Seite er sich stumm aufpflanzte , ihm damit ein untrügliches Zeichen seiner Sympathie gebend . „ Den Signori scheint nur der Künstlername meines Bruders bekannt zu sein , “ fuhr Hugo unbeirrt fort . „ Der meinige klang Ihnen wohl zu fremdartig bei der allgemeinen Vorstellung vorhin ? Wir haben indessen keinen Grund , unser Verwandtschaftsverhältniß zu verleugnen . “ „ Ah Signor Capitano , ich hörte bereits von Ihrer bevorstehenden Ankunft , “ rief jetzt der Marchese , ihm mit unverkennbarer Herzlichkeit die Hand entgegenstreckend . „ Aber es war nicht schön , uns mit diesem Incognito zu necken . Einen wenigstens hat es in bittere Verlegenheit gesetzt , obgleich er die Lehre reichlich verdient hat . “ Hugo sah sich gleichfalls nach dem Maestro um , der es vorgezogen hatte unbemerkt zu verschwinden . „ Ich wollte das Terrain ein wenig recognosciren , “ entgegnete er lachend , „ und das war eben nur möglich , so lange mein Incognito noch andauerte . Es hätte doch bald genug sein Ende erreicht , denn ich erwarte Reinhold jede Minute ; er wurde noch in der Stadt zurückgehalten , während ich vorausfuhr . Ah , da ist er ja schon . “ Der Erwartete erschien in der That in diesem Augenblicke oben auf der Terrasse , und der Maestro hätte jetzt auf ’ s Neue Gelegenheit gehabt , seinem Aerger über die „ bis zur Lächerlichkeit gehende Abgötterei der Gesellschaft “ Luft zu machen , denn dieses plötzliche Aufhören aller Gespräche , dieses Interesse , womit sich Aller Blicke dem einen Punkte zuwendeten , diese Bewegung , die sich der ganzen Gesellschaft mittheilte , galt einzig Rinaldo ’ s Eintritt . Reinhold selbst war freilich ein Anderer geworden in diesen Jahren , ein ganz Anderer . Das junge Talent , das einst so ungeduldig gegen die beengenden Schranken und Vorurtheile seiner Umgebung ankämpfte , hatte sich zum gefeierten Künstler emporgeschwungen , dessen Name weit über die Grenzen Italiens und seiner Heimath hinausdrang , dessen Werke auf den Bühnen aller Hauptstädte heimisch waren , dem Ruhm und Ehre , Gold und Triumphe in reichster Fülle zuströmten . Dieselbe mächtige Wandlung hatte sich auch an seinem Aeußeren vollzogen , und unvortheilhaft war diese Veränderung keineswegs , denn statt des bleichen ernsten Jünglings mit dem verschlossenen Wesen und den tiefen düsteren Augen stand jetzt ein Mann da , dem man es ansah , daß er mit dem Leben und der Welt vertraut war , und erst bei dem Manne kam die stets so eigenthümlich anziehende Art seiner Schönheit zur vollsten Geltung . Es stand dieser idealen Stirn gut , dieses stolze Selbstbewußtsein , das jetzt darauf ruhte , und sich auch in den Zügen , in der ganzen Haltung aussprach , aber es lagen auch tiefe Schatten auf dieser Stirn und in diesen Zügen , die wohl nicht das Glück hineingelegt hatte . Von dem Munde zuckte es wie herber Spott , wie höhnische Bitterkeit , und im Auge schlummerte der einstige Funke nicht mehr in der Tiefe ; jetzt loderte eine Flamme dort , brennend , verzehrend und fast dämonisch aufzuckend bei jeder Erregung . Was dieses Antlitz auch äußerlich gewonnen haben mochte , Friede sprach nicht mehr daraus . Er führte Signora Biancona am Arme , nicht mehr die jugendliche Primadonna einer italienischen Operngesellschaft zweiten Ranges , die in den Städten des Nordens Gastvorstellungen gab , sondern eine Größe von europäischem Rufe , die ,