nie aus seinem Munde gehört ; es lag darin eine tief zurückgedrängte Empfindung , die sich gleichwohl in der Stimme verrieth . „ Liebst Du den Wald so sehr ? “ fragte sie , unwillkürlich ein Gespräch fortsetzend , das sonst wahrscheinlich wieder in dem gewöhnlichen Stillschweigen sein Ende gefunden hätte . „ Weshalb hast Du ihn denn während der ganzen vier Wochen nicht ein einziges Mal betreten ? “ Arthur antwortete nicht . Sein Blick verlor sich wie träumend in den grünen nebelumschleierten Tiefen . „ Weshalb ? “ fragte er endlich düster , „ ich weiß es nicht ! Vielleicht war ich zu träge . Man verlernt ja zuletzt Alles in Eurer Residenz , sogar die Sehnsucht nach der Waldeinsamkeit . “ „ In Eurer Residenz ? Ich dächte , Du wärest so gut wie ich dort erzogen . “ „ Gewiß ! Nur mit dem Unterschiede , daß mein Leben aufhörte , als meine sogenannte Erziehung anfing . Was überhaupt des Erlebens werth war , das ließ ich hinter mir , als ich in jenen Mauern einfuhr ; denn lebenswerth waren nur meine frohen sonnigen Knabenjahre . “ Es war ein halb bitterer , halb grollender Ton , mit dem er die Worte hinwarf . Aber auch in Eugeniens Innerem quoll jetzt wieder die alte Bitterkeit heiß empor . Wie durfte er es wagen , von Aufgeben , von Entsagung zu sprechen ? was wußte er überhaupt davon ? Für sie freilich war mit der Kindheit auch das Glück zu Ende gewesen ; für sie begann mit dem Eintritte in ’ s Leben die ganze Stufenleiter von Sorge , Demüthigung und Verzweiflung , die sie als Vertraute ihres Vaters , als Eingeweihte in die Verhältnisse ihrer Familie durchzumachen hatte , die bittere Schule , die wohl ihren Charakter gestählt , aber ihr auch alle Freuden der Jugend geraubt hatte . Wie war dagegen die Stellung ihres Gatten , wie seine Vergangenheit gewesen ! Und er sprach davon wie von einem Unglück ! Arthur schien diese Gedanken auf ihrem Gesichte zu lesen , als er sich umwandte , um einen tief niederhängenden Zweig bei Seite zu schieben , der sie sonst gestreift hätte . „ Du meinst , ich hätte am wenigsten Grund , mich zu beklagen ? Möglich ! Wenigstens ist mir von jeher gesagt worden , daß mein Dasein ‚ beneidenswerth ‘ sei . Aber ich versichere Dir , es ist bisweilen verzweifelt öde und trostlos , solch ein Leben , wo das Glück Einem all ’ seine Gaben vor die Füße schüttet , die man eben deshalb mit Füßen tritt , weil man nichts weiter mit ihnen anzufangen weiß , so öde und trostlos , daß man zuletzt um jeden Preis hinaus möchte aus dieser vielgepriesenen vergoldeten Glückseligkeit , hinaus – und wäre es auch in Sturm und Unwetter ! “ Die dunkeln Augen Eugeniens hingen in sprachlosem Erstaunen an seinen Zügen . Urplötzlich ergoß sich eine helle Röthe über sein Gesicht . Er schien sich auf einmal zu besinnen , daß er sich des unverzeihlichen Fehlers schuldig gemacht , vor seiner Gattin irgend ein Gefühl zu verrathen . Der junge Mann runzelte die Stirn und warf einen grollenden Blick auf den Wald , der ihn zu diesem Ausbruch verleitet , aber schon in der nächsten Secunde fiel er völlig wieder in den alten blasirten Ton zurück . „ Sturm und Unwetter haben wir freilich mehr , als uns lieb ist ! “ sagte er nachlässig und im Vorwärtsschreiten ihr völlig den Rücken zuwendend , „ das tobt ja entsetzlich auf der freien Höhe da oben ! Wir werden warten müssen , bis das ärgste Wehen vorüber ist ; so können wir nicht hinunter . “ In der That überfiel sie beim Heraustreten aus dem Walde der Sturm mit einer solchen Gewalt , daß sie Mühe hatten , sich auf den Füßen zu halten . Es war augenblicklich unmöglich , aus dem Wege , der sich jetzt steil und offen in ’ s Thal hinabsenkte , weiter vorwärts zu kommen ; man gerieth in Gefahr , von dem Winde erfaßt und in die Tiefe geschleudert zu werden . So blieb vorläufig nichts übrig , als hier im Schutze der Bäume zu warten , bis eine Pause in dem Toben der Lüfte eintrat . Sie standen unter einer mächtigen Tanne , die am Saume des Waldes aufragte . Der Sturm wühlte in ihren grünen Armen , die sie schützend über ihre jüngeren Gefährten ausbreitete , und auch sie schwankte ächzend auf und nieder ; aber der riesige weißgraue Stamm bot doch immerhin einen Halt und einen Schutz für Eugenie , die sich daran lehnte . Es wäre zur Noth dort Platz für zwei Personen gewesen , aber dann hätten sie sich eng aneinander drücken müssen , und diese Erwägung war es vermuthlich , die Arthur bestimmte , einige Schritte von ihr entfernt stehen zu bleiben , obgleich er dort nur sehr unvollkommen geschützt war , und die auf- und niederwehenden Zweige ihre beim letzten Regenschauer vollauf empfangene Nässe reichlich auf ihn niederschüttelten . Sein Haar flatterte im Wind , und die Tropfen rannen ihm von der unbedeckten Stirn nieder . Dennoch machte er nicht den geringsten Versuch , seinen Platz zu ändern . „ Willst Du – willst Du nicht lieber hierher kommen ? “ fragte Eugenie zögernd , während sie sich seitwärts drückte , um ihm auf der einzigen trockenen Stelle etwas Raum zu geben . „ Ich danke ! Ich möchte Dir mit meiner Nähe nicht beschwerlich fallen ! “ „ So nimm wenigstens den Mantel um ! “ Es klang diesmal fast wie eine Bitte . „ Du wirst ja völlig durchnäßt ! “ „ Durchaus nicht . Ich bin nicht so empfindlich gegen die Witterung , wie Du glaubst . “ Die junge Frau biß sich auf die Lippen . Es ist nicht angenehm , mit seiner eigenen Waffe geschlagen zu werden , aber noch weit mehr als dies reizte sie der