. [ 101 ] Der Prior sah mit der ganzen hochmüthigen Ueberlegenheit des Vorgesetzten auf Benedict nieder . „ Sie scheinen zu vergessen , daß ich das vermittelnde Glied zwischen dem Abte und den Klostergeistlichen bin , “ sagte er streng . „ Es ist durchaus unstatthaft , daß man sich mit Umgehung meiner Person direct an Seine Gnaden wendet . “ „ Ich habe die Regel nicht als ein Gebot angesehen ! “ erklärte Benedict noch immer gelassen ; „ auch scheint der Herr Prälat es nicht so aufzufassen , da er meine Bitte sofort gewährte . Euer Hochwürden mögen übrigens wegen der Audienz unbesorgt sein , sie betrifft nur meine Privatangelegenheit und nicht etwa – andere Dinge . “ Der Ton der letzten Worte war so eigenthümlich , daß der Prior aufmerksam wurde . „ Was meinen Sie damit ? “ fragte er noch strenger ; aber ein schneller stechender Blick traf dabei die Züge des jungen Mönches . „ Ich meine gewisse Klosterangelegenheiten , zum Beispiel die Auskunft über den Verbleib eines Theiles der Stiftsgelder , die der Herr Prälat dringend wünscht und die er nicht erhalten kann , weil der Rentmeister die Bücher in einer unverantwortlich nachlässigen Weise geführt hat . “ Ueber das Gesicht des Priors flog ein plötzliches Erbleichen , seine stechenden Augen hefteten sich jetzt lauernd auf Benedict . „ Und wären Sie vielleicht im Stande , ihm diese Auskunft zu geben ? “ „ Die Auskunft selbst nicht , wohl aber einen Wink , wo sie zu erlangen wäre . Hochwürden werden sich erinnern , daß der Rentmeister kurz vor seiner Entlassung plötzlich schwer erkrankte . Sie , sein ausschließlicher Gewissensrath , waren gerade abwesend , und so rief man mich zur Beichte . “ Die Blässe auf dem Gesichte des Priors war fahler geworden . „ Ah so ! Er hat Ihnen Geständnisse gemacht ? “ „ Genannt hat er Niemanden ! “ sagte Benedict kalt . „ Der Mann ist zu gut geschult , und ich mochte nicht noch mit weiteren Fragen in den Schwerkranken dringen , sein Zustand war ohnehin gefährlich genug . Ich habe aber bei der Gelegenheit den Eindruck empfangen , daß der Rentmeister nur das Werkzeug in fremder Hand war und die fehlenden Gelder nicht in seinem Interesse verwendet sind . Ich bin überzeugt , wenn der Prälat mit der vollen Macht seiner Persönlichkeit einen Druck auf ihn übte , so wäre es nicht schwer , umfassende Geständnisse von ihm zu erlangen . “ „ Da haben Sie in der That wichtige Entdeckungen gemacht ! “ Der Prior vermochte es doch nicht , das Auge seines jungen Untergebenen auszuhalten , das fest und drohend auf ihn gerichtet war . Seine Stimme klang heiser , als er schnell hinzu setzte : „ Ich bewundere nur , daß Sie den Herrn Prälaten nicht sogleich davon unterrichtet haben , die Sache ist ja schon wochenlang her . “ „ Wenn es mir nicht so sehr widerstrebte , den Angeber zu machen , so hätte ich es gethan . Ich beschloß , die Angelegenheit ruhen zu lassen , als ich sah , daß der Schaden nicht zu ersetzen war , und daß das sofortige energische Einschreiten unseres Abtes das Stiftsvermögen vor weiteren Angriffen sicherstellte . Der Punkt wäre auch heute nicht berührt worden , sähe ich mich nicht zu der Bitte gezwungen , daß Euer Hochwürden endlich einmal mit den kleinlichen Quälereien und endlosen Verfolgungen aufhören mögen , deren Zielpunkt ich seit der ganzen Zeit meines Hierseins bin und zu denen Sie Ihre Macht als mein Vorgesetzter mißbrauchen . Es sind allerdings nur Nadelstiche , aber man kann Jemand zu Tode hetzen mit solchen Nadelstichen , und ich bin jetzt auf den Punkt gekommen , wo ich sie nicht mehr ertragen kann . Ich bitte dringend um Schonung ; es giebt Manchen im Kloster , der mehr zu verantworten hat , als ich . “ Wäre Benedict nur etwas weniger stolz und menschenverachtend gewesen , so hätte er den Blick verstanden , der in giftigem , tödtlichem Haß ihm entgegensprühte . In dem Blicke stand sein Verderben ; aber der junge Priester wandte sich verachtungsvoll ab und ging , das Ornat wieder mit dem Ordenskleide zu vertauschen – er ahnte doch wohl nicht , wie grenzenlos unvorsichtig er gehandelt und welchen Feind er gereizt hatte . Der Prior blickte ihm einige Secunden lang stumm nach . „ Steht es so ? “ murmelte er endlich . „ Du wagst es , mir zu drohen ? Der Schwachkopf von Rentmeister muß ihm die Augen geöffnet haben ; ich werde sorgen , daß er sich nicht noch mehr verräth . – Hüten Sie sich , Herr Pater Benedict ! Bisher waren Sie nur unbequem , jetzt fangen Sie an , gefährlich zu werden ; es wird Zeit , daß man Sie beseitigt ! “ Die große , mit aller Pracht und allem Ueberfluß reichlich versehene Conventstafel , die dem Hochamte folgte , war vorüber . Das Stift liebte es , an solchen Tagen den vollen Glanz seines Reichthums zu entfalten und eine wahrhaft verschwenderische Gastfreundschaft gegen Hoch und Niedrig zu üben . Jetzt war die Tafel aufgehoben , die Gäste hatten sich zum größten Theil bereits [ 102 ] entfernt und auch der Prälat hatte sich zurückgezogen , da der weit einfachere Nachmittagsgottesdienst von den untergeordneteren Geistlichen celebrirt ward . Zur festgesetzten Stunde betrat Benedict die Gemächer des Abtes ; aber der Kammerdiener führte ihn nicht dort hinein , sondern in den Garten hinunter , wo der Prälat nach den mancherlei Anstrengungen des Tages sich im Freien erging . Langsam wandelte die hohe Gestalt in den Gängen auf und nieder ; auf dem schwarzen Talar blitzten die Diamanten des großen Kreuzes , das er auf der Brust trug , während ein schwarzes Sammetkäppchen die Tonsur und das bereits ergraute , aber noch volle Haupthaar bedeckte . Der weite , reichgepflegte Stiftsgarten mit seinen parkartigen Anlagen war in ebenso großartigem Stile angelegt wie