sich mit keinem Rachegedanken , geschweige mit einer Rachetat zu beflecken . Denn : Ich will vergelten , spricht der Herr . « Lucretia sah den Herzog mit ernsten , zweifelnden Blicken an . Die christliche Milde des Feldherrn befremdete sie und sein Tadel traf sie unerwartet . Aber bevor sie noch ihre Gedanken zur Antwort gesammelt hatte , veränderte sich plötzlich ihr Angesicht , als erblicke sie etwas Unmögliches . Ihre ganze Seele trat in die erschrockenen Augen , die , wie gebannt , auf der mittleren Säulenpforte haftenblieben . Dort erschien , festen Trittes die Stufen herankommend , die hochaufgerichtete Gestalt eines Mannes . Stolz und gefaßt , wie ein verurteilter König sein Blutgerüst besteigt , schritt Jürg Jenatsch der Erstarrenden mit entblößtem Haupte entgegen . Nach einer stummen Begrüßung des herzoglichen Paares trat er vor die Tochter des Herrn Pompejus hin , heftete seinen Blick auf die lange nicht Gesehene und sprach in abgebrochenen Sätzen : » Dein Recht soll dir werden , Lucretia . Der Mann , der den Planta erschlug , ist dir von Rechts wegen verfallen . Er stellt sich dir und erwartet hier deinen Spruch . Nimm sein Leben . Es ist dein – zwiefach dein . Schon der Knabe hätte es für dich geopfert . Seit ich die Hand an deinen Vater legen mußte , ist mir das Dasein verhaßt , wo ich es nicht für das von Tausenden meines Volkes einsetzen kann . Darnach dürstet meine Seele und dazu bietet mir dieser edle Herr vielleicht morgen schon Gelegenheit . Das bedenke , Lucretia Planta ! Bei dir steht die Entscheidung , wer von euch beiden das größere Recht auf mein Blut habe , ob Bünden oder du . « – Der Eindruck dieser Erklärung auf das Fräulein war ein gewaltsamer und beirrender . Der Mörder , in dessen Verfolgung sie die Pflicht ihres Lebens sah , legte aus freiem Entschlusse das seinige in ihre Hand und er tat es mit einer Hochherzigkeit , die eine ebenbürtige Seele reizen mußte , sich ihr mit einer großen Tat der Verzeihung gleichzustellen . Diesen Wetteifer edler Gefühle schien wenigstens die Herzogin zu erwarten , die aus der Rede des Bündners und der Gewalt ihres Eindrucks auf Lucretia leicht erraten hatte , daß eine gemeinsam verlebte Jugend und warme Neigung die beiden verkette . Sie glaubte , nach der eigenen Gemütsstimmung urteilend , Lucretia werde ihre Arme , die sie einen Augenblick in inniger Bewegung gegen den Jugendgenossen erhoben hatte , rasch um seinen Hals werfen und den gerechten , langjährigen Haß gegen den Mörder ihres Vaters dem Zauber einer alten Liebe und der Unwiderstehlichkeit dieses wundersamen Mannes zum Opfer bringen . Aber es geschah nicht also . Die erhobenen Arme sanken und die Herzogin sah Lucretias schöne Gestalt erbeben , vom tiefsten Jammer erschüttert . Sie stöhnte laut auf , dann machte sich ihr ein Jugendleben lang stolz getragenes Elend Luft , und sich und ihre fremde Umgebung gänzlich vergessend , brach die qualvoll Bedrängte in einen Strom leidenschaftlicher Klage aus . » Jürg , Jürg « , rief sie , » warum hast du mir das getan ? Gespiele meiner Kindheit , Schutz meiner Jugend ! Oft im finstren italienischen Kloster oder in der unheimlichen Behausung meines Ohms , wenn mein Herz nach der Heimat schrie und ich sie doch nicht betreten durfte ohne die Rache meines Vaters besorgt zu haben , dann im bangen Halbtraume sah ich dich , den treuen Gesellen , zum gewaltigen Kriegsmanne erwachsen und ich rief dich an : Jürg , räche meinen Vater ! Ich habe niemand als dich ! Du tatest mir ja sonst alles zuliebe , was du mir nur an den Augen absehen konntest . Jetzt hilf mir , Jürg , meine heiligste Pflicht zu erfüllen ! . . . Und ich ergriff deine starke Hand ... Aber weh mir , sie trieft von Blut ! Du Entsetzlicher , du bist der Mörder ! Mir aus den Augen ! Denn meine Augen sind mit dir im Bunde – und sündigen – und sind mitschuldig am Blute des Vaters Hinweg ! Kein Friede , kein Vertrag mit dir . « So klagte Lucretia und rang die Hände in innerm Zwiespalte und trostloser Verzweiflung . Die Herzogin legte beschwichtigend ihren feinen Arm um den Nacken der Haltungslosen , und die weinende Lucretia ließ sich willig von ihr in das Nebengemach zurückführen . Dann erschien die edle Dame noch einmal auf der Schwelle und flüsterte dem ihr entgegentretenden Gemahle zu : » Ich werde sie mit Eurer Bewilligung , sobald sie sich erholt hat , persönlich in meiner Gondel nach ihrer Wohnung bringen . Sie ist bei a Marca , Eurem Wechsler , abgestiegen , dessen Frau ihre entfernte Verwandte ist . Die treue Echagues mag uns begleiten . « Der Herzog bezeugte der Hilfreichen seine freundliche Beistimmung , und die gefühlvolle Dame verschwand mit einem letzten , halb vorwurfsvollen , halb bewundernden Blicke auf den Bündner . » Ihr tragt ein schweres Schicksal , Georg Jenatsch « , sagte , als sie jetzt allein waren , der Herzog zu dem Hauptmanne , dessen Blässe ihm auffiel und der einen harten Ausdruck auf dem Antlitze trug , als bekämpfe und verberge er gewaltsam den stechenden Schmerz einer alten Wunde . » Euch aber ist die Sühne für das mörderisch von Euch vergossene Blut gezeigt . Was Ihr in wildem Jugendfeuer verbrochen , dafür sollt Ihr mit der Arbeit geläuterter Manneskraft zahlen . In rasender Selbsthilfe , mit willkürlichen Taten des Hasses wolltet Ihr Euer Vaterland befreien und habt es dem Verderben zugeführt ; heute sollt Ihr es retten helfen durch selbstverleugnende Taten des Gehorsams und kriegerischer Zucht , durch die Unterordnung unter einen leitenden planvollen Willen . – Wo die Tollkühnheit nützt , da will ich Euch hinstellen ; ich weiß nun , warum Ihr die Gefahr sucht und liebt . – Von jetzt an betrachtet Euch als in meinen Diensten stehend , denn ich habe mich